Frau Kroymann, Ihr aktuelles Bühnenprogramm führt musikalisch zurück in die Sixties. Das war, zumindest in Deutschland, nicht gerade eine Zeit der großen Freiheit und Leichtigkeit. Warum die Sixties?

Die Musik war einfach toll. Und es war mein Aufbruch, ich habe mich abgesetzt von meinen Eltern und meinen vier Brüdern. Die waren alle sehr französisch geprägt. Mit dem Englischen hatte ich mein Eigenes. Das war cool, das war unsere Zeit, das war international. Vor allem liebte ich Dusty Springfield. Die Musik war eine gute Flucht-Richtung und sie schien mir wegzuweisen vom engen Tübingen, wo ich aufgewachsen bin. Damals entdeckte ich auch die schwarze Musik mit ihren Girlgroups. Mary Wells, von der ich „My guy“ singe, Gladys Knight und Martha Reeves and the Vandellas. Das war eine sehr sexuelle Musik.

Und das hat Sie fasziniert …

Ich habe es nicht reflektiert, aber irgendwie gespürt. Die bewegten sich anders, das Körperliche fand ich aufregend. Die waren mehr mit ihrem Unterleib verbunden. Das habe ich schon empfunden: dass es bei uns verklemmt war, dass es eine Kluft gab zwischen dem Intellekt und dem Körper, zwischen dem Sex und dem Hirn.

Zum Studium waren Sie zunächst in den USA und in Paris. 1971 zog es Sie dann nach Berlin. War das Teil der Freiheitssuche?

Natürlich, ich wusste ja, es gibt die Studentenbewegung und die Linke und die Frauenbewegung. Ich wusste zwar nicht, was das genau war. Ich war ein bildungsbürgerliches Kind aus einem Professorenhaushalt.

Waren Sie in einer der K-Gruppen?

Nein, ich war in einer anderen Gruppierung. Ich habe mich viel mit linker Theorie beschäftigt. Da hatte ich Nachholbedarf. Und ich war eine Zeit lang im Sozialistischen Frauenbund Westberlins. Viele andere Feministinnen machten damals schon mit Spekulum Selbstuntersuchungen der Vagina und so. Uns dagegen wurde vorgeworfen, zu nah am patriarchalen Denken zu sein. Ich fand auch manches zu dogmatisch.

Es klingt tatsächlich nach wenig Lebensfreude.

Das stimmt. Für mich war aber bald auch der Hanns-Eisler-Chor sehr wichtig, wo ich als Solistin sang. Da waren viele SEW-Mitglieder dabei. Aber damals gab es ja die Strategie – das war so ähnlich wie bei Homosexualität heute noch –, dass man es sein konnte, ohne es offen zu sagen. Es war ja die Zeit der Berufsverbote. Die geheimen Parteimitglieder waren besser geeignet, um unter arglosen Kommilitonen neue Genossen anzulocken. Irgendwann, auf einer Party, hörte ich eine Frau sagen: „Also, die Maren, die ist ja auch langsam pflückreif.“ Da hab ich gedacht: „So, jetzt ist Schluss. So blöd bin ich nicht!“

Wann haben Sie sich als Künstlerin selbstständig gemacht?

Mit meinem ersten Programm „Auf Du und Du mit dem Stöckelschuh“. Das war 1982. Das hat einige im Chor zunächst auch irritiert. Die macht ja Schlager, hieß es, die Maren ist ja total unpolitisch.

Wo ist der linke Chor in West-Berlin aufgetreten?

Überall. In der Neuen Welt in der Hasenheide, in der TU, aber auch da, wo heute der Heimathafen Neukölln ist. Wir hatten viel Publikum. Im Osten waren wir auch mal beim Festival des politischen Liedes. Und im Haus der jungen Talente hab ich den „Stöckelschuh“ gesungen. Ich wurde eingeladen, aber dann war das wohl doch zu satirisch, zu feministisch. Da hieß es: Die Frauen haben bei uns keine Probleme, und das Programm wurde auf Mitternacht terminiert.

Die Veränderungsschübe, von denen Berlin aktuell erfasst wird, wie nehmen Sie die wahr?

Berlin wird viel internationaler. Das finde ich sehr positiv. Massive Veränderungen wie in Prenzlauer Berg, wo nach 1989 reihenweise Mietwohnungen in Eigentum umgewandelt wurden, die sorgen natürlich auch für Konflikte. Nehmen Sie den Schwaben-Hass. Die Schwaben sind mittlerweile sowas wie die Sachsen des Westens. In Schwaben hat jeder einen Bausparvertrag, die haben mehr Geld, machen alles schick und setzen rigide ihren Stil durch. Es gibt ja einen grünen Moralismus, der schrecklich ist: Dass man Kinder haben muss, und wer keine hat, wird schief angeguckt.

Charlottenburg erlebt gerade eine Renaissance.

Das schätze ich sehr. Ich liebe Charlottenburg! Vorher bin ich bestimmt 15 Mal WG-mäßig umgezogen, Schöneberg, Kreuzberg, Tempelhof, Lichterfelde, Friedenau. Seit 2003 lebe ich hier in einer Wohnung mit hohen Decken am Lietzensee. Das genieße ich total. Ich fühle mich richtig wohl in diesem Kiez. Einige Kollegen wohnen hier, Annette Humpe, die Geschwister Pfister, Freunde und Leute, die ich schätze. Das ist wie eine verstreute WG für mich. Es ist nicht spießig, eng oder bürgerlich. Diese Ecke, der Teil der Witzlebenstraße, hat doch etwas Pariserisches, vor allem, solange es die Gaslaternen noch gibt.

Es hat Großzügigkeit. Aber auch hier verändert sich einiges. Nehmen Sie das alte Kammergericht gegenüber. Das Haus hat eine schreckliche Geschichte: Im Keller dieses Gebäudes sind im Nationalsozialismus Widerstandskämpfer umgebracht worden, woran Gott sei Dank eine Plakette erinnert. Aus dem Gebäude hat man Wohnungen gemacht. Dort leben jetzt unter anderen auch wirklich Reiche, Millionäre, mit Blick zum Lietzensee. Russen, Skandinavier und Franzosen. Das finde ich eigentlich toll. Es ist kosmopolitisch.

Aber?

Ich sehe die Gefahr, dass ich mir das bald nicht mehr leisten kann. Die Preise sind enorm gestiegen. Viele kaufen in den besten Lagen. Irgendwann ist das ein schickes, langweiliges Viertel, befürchte ich. Aber noch ist es intakt. Und in zehn Minuten bin ich im Grunewald – man denkt, man ist im bayerischen Wald. Ich gehe dort joggen mit meinem Hund, und an vielen Tagen begegnet mir niemand. Man hört nur die Spechte und die Meisen. Das gibt in keiner westlichen Großstadt: So eine Oase! Mitten im Zentrum dieser Wald. Das ist wahnsinnig.

Das ist es doch, was viele machen: Wahnsinnig befreit leben in Berlin. Und zu Hause sagt man dann: Ach, ich hab noch nicht den Richtigen gefunden. Ich habe lesbische Freundinnen in Schwaben, in Tübingen und Stuttgart. Und da erlebe ich eine defensive Haltung, die mich geradezu wütend macht. Die sind über Jahre mit einer Frau zusammen und sagen es den alten Eltern nicht. Hier kämen sie nicht so leicht damit durch, ihre Liebe zu verstecken.

Ist Berlin liberaler, toleranter als der Rest von Deutschland? Sie haben einmal gesagt: Homo sein, geoutet sein in Berlin ist leicht.

Das ist es doch, was viele machen: Wahnsinnig befreit leben in Berlin. Und zu Hause sagt man dann: Ach, ich hab noch nicht den Richtigen gefunden. Ich habe lesbische Freundinnen in Schwaben, in Tübingen und Stuttgart. Und da erlebe ich eine defensive Haltung, die mich geradezu wütend macht. Die sind über Jahre mit einer Frau zusammen und sagen es den alten Eltern nicht. Hier kämen sie nicht so leicht damit durch, ihre Liebe zu verstecken.

Und wenn man zum Beispiel in Lichtenrade wohnt oder in Köpenick?

Ja, in der Bergmannstraße Hand in Hand zu gehen, ist eine Selbstverständlichkeit. Dort kann man sich irre befreit fühlen. Aber: Berlin ist auch viele Kleinstädte. Und da gibt es Kleinstadtgedanken und Kieze, wo Blockwart-mäßige Menschen den Überblick haben. Ob Sie in Reinickendorf leben oder auch in Teilen von Schöneberg oder Charlottenburg – das ist nicht alles befreit. Diese ganze alte West-Berliner CDU und ihr Milieu war, oder ist, immer noch furchtbar. Extrem muffig und provinziell, in unangenehmer Weise rückwärts gewandt.

Liberal sein scheint hier in der Stadt manchmal auch eine Frage der Tageszeit zu sein. Nach elf Uhr nachts geht immer alles. Es gibt es hier viele, die zwei Leben haben. Richtig befreit wäre ja, wenn man sagt: Die Befreitheit in der Motzstraße hat mir geholfen, auch in Reinickendorf oder in Tübingen dazu zu stehen.

Hat Klaus Wowereit da etwas verändert?

Ja, auf jeden Fall. Er war ja der erste Politiker aus der ersten Garde, der sich geoutet hat. Und das zum genau richtigen Zeitpunkt, nämlich als er wichtig wurde. Während Westerwelle ja ewig rumgeeiert hat.

Aber er hat die Kurve gekriegt.

Ja, spät, aber immerhin. Wir wollen mal nicht zu streng sein, jetzt ist er ein schwuler Außenminister und er musste viel erdulden an Schmähungen.

Deckt ein Coming-out Ressentiments auf?

Ja, partiell schon. Der Mut und die gewachsene Selbstverständlichkeit schüren auch unter dem Deckel gehaltene, aber doch vorhandene Aggressionen. Ein schwuler Student, das ist o. k. Aber wenn einer Außenminister ist oder Bürgermeister, dann wird es als Provokation empfunden. Das spürt man wieder an den Diskussionen über das Adoptionsrecht und die Gleichstellung von Homo-Paaren.

Das merke ich selbst in meinem Freundeskreis, wenn es dann heißt: „Ein Kind braucht doch Vater und Mutter“. Das ist ganz weit verbreitet. Am Thema Familie und der Frage, ob wir, ob unsere Art von Beziehungen wirklich gleich viel wert sind, da gibt es Streit. Man bekommt den Eindruck, als wollten die Heteros noch mal extra dafür gelobt werden, dass sie „normal“ sind. Irgendwie soll es staatlich, also in Form von Steuervorteilen ausgedrückt werden, dass das eigentlich Richtige doch die Heterosexualität ist. Der Musterschüler der bürgerlichen Ehe sollen die Heteros bleiben.

Sie blicken zurück auf viele Jahre Frauenbewegung, die Sie mal in die Stadt gezogen hat. Sehen Sie vor allem Erfolge? Oder haben Sie den Eindruck, noch immer dieselben Felder zu beackern?

Ja, leider schon. Es gibt Sketche von mir, wie der zur sexuellen Belästigung, der ist 20 Jahre alt und leider noch immer aktuell. Während der Brüderle-Debatte hat er auf Youtube noch mal Karriere gemacht. Viele meiner Sketche von Nachtschwester Kroymann kann man weiter zeigen. Bei manchen Themen ist es schon anstrengend, dass man immer noch drüber reden muss. Aber: Es ist trotzdem super, dass es jetzt so kommt. Vielleicht mussten zuerst die wirklich wichtigen, existenziellen Debatten wie die um den sexuellen Missbrauch, geführt werden.

Sind junge Frauen heute freier und selbstbewusster?

Also selbstbewusster sind sie schon, weniger verängstigt. Sie trauen sich mehr. Sie ziehen auch Leggins mit Bermudas drüber an, egal welche Figur sie haben. Darin drückt sich eine Stärke aus, dass man selbst, dass der Körper gut ist, so wie er ist. Das hat eine Frechheit, eine gewisse Rotzigkeit, die ich gut finde. Ich glaube nur leider, dass viele frecher sind und ungebrochener, wenn sie jung sind. Und wenn sie dann beruflich weiterkommen wollen, merken sie, dass es dann doch nicht weitergeht. Und die Jungs, denen sie früher Nachhilfe gegeben haben, sind dann ihre Chefs.

Zurück zu einem 60er-70er-Jahre Projekt: Warum wollen Sie, dass der Flughafen Tegel offen bleibt?

Es ist der beste Flughafen, den ich kenne. Ich bin in zehn Minuten da, direkt am Gate, völlig stressfrei. Ich weiß, es ist retro. Ein Airport mitten in der Stadt – wenn da ein Unglück passiert! Außerdem es ist furchtbar laut für die Anwohner. Das weiß ich schon. Aber ich ess ja mal auch ne Currywurst, obwohl ich eigentlich total auf Gemüse stehe.

Das Gespräch führte Jutta Kramm.