Berlin - Herr Tippmann, Sie arbeiten seit 15 Jahren in Berlin als Headhunter. Wie hat sich die Stadt in dieser Zeit entwickelt?

Berlin verändert sich jeden Tag. Es ist die internationalste Stadt in Deutschland. Wir Berliner haben es geschafft, den Bekanntheitsgrad enorm zu erhöhen durch den Riesenanstieg im Tourismus. Jetzt sind wir bei 25 Millionen Übernachtungen im Jahr. Wer hier zum ersten Mal hinkommt, erlebt eine extrem angenehme Mischung aus Neuem und Altem, Chaos und Ordnung. Wenn Sie vor fünf Jahren in London, Amsterdam oder Paris waren und heute wieder hinfahren, dann erkennen Sie alles wieder. Hier ist nach fünf Jahren sehr vieles neu.

Der Chaos-Faktor nimmt aber allmählich ab.

Im Gegenteil. Die Stadt wächst, das Verkehrschaos zum Beispiel nimmt zu. Wir erleben ein große Dynamik. Seit 2004 hat die Stadt über 100 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze zusätzlich. Das gibt es in keiner anderen deutschen Stadt. Komischerweise hat sich parallel die Zahl der Transferempfänger erhöht. Da gibt es ebenfalls viele Zuzüge.

Wie spüren Sie die Veränderungen in Ihrem Job?

Früher war es sehr schwer, jemanden auf der Führungsebene, also Topmanager, zum Beispiel aus München hierher zu holen. Es war fast unmöglich. Da sind Unsummen bezahlt worden.

Was hat man denn so versprochen?

Ein Beispiel: Zur Jahrtausendwende verlagerte ein Konzern einen Teil der Verwaltung hierher. Die haben 90 000 Euro cash geboten für jeden einzelnen, der mitgekommen ist. Andere Unternehmen haben wöchentlich die Heimflüge für ihre Mitarbeiter bezahlt. Oder man hat ein Jahresgehalt als Anreiz geboten.

Und heute?

Nichts. Null. Da heißt es: Willst Du nach Berlin? Den Umzug zahl’ ich dir, vielleicht noch den Makler. Und das war’s. Die Leute wollen hierher! Problemlos. Die Umzugsbereitschaft nach Berlin ist extrem gestiegen, egal ob die Leute 20, 30, 40 oder 60 Jahre alt sind. Der Bruch kam vor vier oder fünf Jahren. Da war eine bestimmte kritische Masse erreicht. Plötzlich war es nicht mehr exotisch, nach Berlin zu gehen, sondern es waren genügend hier, die aus eigenem Erleben Positives schildern konnten. Berlin hat seither einen guten Ruf.

Was lockt die Leute?

Zuallererst natürlich der Job. Dann aber vor allem der persönliche Freiraum, den man hier hat. Und schließlich die niedrigen Lebenshaltungskosten. Wenn Sie von München nach Berlin ziehen und Ihr Gehalt nicht verändern, dann haben Sie hier einen Gehaltsvorteil, der liegt bei 15 bis 20 Prozent. In keiner Metropole gibt es so niedrige Lebenshaltungskosten. Ob Sie einkaufen, in die Kneipe gehen oder eine Wohnung mieten. Alle beklagen sich hier über steigende Mieten. Aber der durchschnittliche Quadratmeterpreis über ganz Berlin liegt immer noch knapp unter sechs Euro. Die Entwicklung geht zwar nach oben, aber das ist anderswo auch so. Die Schere zwischen den Städten wird nicht kleiner.

Wäre es besser, die Dynamik in der Mieten- und Grundstückspreisentwicklung zu verlangsamen?

Ich gebe zu: Insbesondere die Preise steigen deutlich. Vor fünf Jahren waren Quadratmeterpreise von über 3 000 Euro für eine Eigentumswohnung utopisch. Heute sind 4 500 Euro keine Seltenheit. Aber es werden doch auch extrem viel Wohnungen gebaut in der Stadt. Und wir haben hier noch so viele unbebaute Flächen. In München gibt’s das nicht. Schauen Sie auf die Büromieten. Da haben wir ja die Situation, dass noch immer viel leer steht. Hier am Potsdamer Platz – ich verrate nicht, was wir bezahlen. Das würden Sie mir eh’ nicht glauben – liegen die Mieten zwischen 15 und 20 Euro. Warm! Unsere Kollegen aus Frankfurt oder Hamburg haben Tränen in den Augen, wenn sie das hören. Die haben viel kleinere Büros.

Es ist also für Unternehmen extrem günstig, sich hier anzusiedeln.

Genau das erleben wir doch gerade! Wobei man anmerken muss: Zusätzliche industrielle Arbeitsplätze werden nicht nach Berlin umgesiedelt werden.

Wo sehen Sie die Perspektive?

Wir machen Berlin zu der Gründungshauptstadt mit Gründungszentren. Und da denke ich nicht an die Dotcom-Gründer, die brauchen kein Gründungszentrum. Ich spreche von Hightech-Unternehmen im Bereich Medizintechnik, Nanotechnologie oder Lasertechnik und Opto-Elektronik. Hier hat Berlin ein großes Potenzial aufgrund der geballten Wissenschaftslandschaft: vier Unis, 15 Fachhochschulen, eine Reihe von Kunsthochschulen und zum Teil internationale private Hochschulen. Und vergessen Sie Potsdam nicht. Das kann keine andere deutsche Stadt bieten!

Wo lassen sich die Gründungsunternehmen nieder?

Es gibt Zentren in Adlershof und in Charlottenburg. Auch in Tegel und vielleicht in Dahlem. Die Fachleute kommen nach Berlin. Und das wird zunehmen, davon bin ich absolut überzeugt. Wenn diese Unternehmen hier professionell begleitet werden und Kapitalgeber haben, entstehen hier die Arbeitsplätze der Zukunft. Da wird nichts mehr produziert, sondern entworfen und erfunden. In Adlershof sind jetzt schon 17 000 Leute beschäftigt.

Hat die Stadt für den Boom genug Platz?

Auf jeden Fall! Nehmen Sie mal den Autobahnring um Berlin. Das sind fast 300 Kilometer. Und in diesem Ring leben inklusive Potsdam und dem sogenannten Speckgürtel 3,8 Millionen Menschen. Nun legen Sie diesen Ring beispielsweise aufs Rheinland. Da haben Sie Köln, Düsseldorf und Essen drin. Innerhalb derselben Fläche leben sieben bis acht Millionen Menschen, und drum herum leben noch mal zehn Millionen. Und hier? Fast niemand!

Hat die Stadt die Arbeitskräfte, die in diesen Bereichen gesucht werden?

Ja und nein. Viele kommen von außen dazu. Aus der ganzen Welt, die Gründerszene ist international.

Was macht diese Entwicklung mit der Stadt, mit den Berlinern? Ertragen sie diese Dynamik?

Der Berliner findet das natürlich furchtbar. Aber seit Anfang der 90er Jahre haben wir ja einen ungeheuren Austausch: 1,7 Millionen Menschen leben hier, die erst vor 20 Jahren und später dazu gekommen sind. Es wird immer mehr Nicht-Urberliner geben, die das Leben hier genießen. Klar, mich nervt auch die Verkehrszunahme und dass ich morgens von der Rummelsburger Bucht bis zum Potsdamer Platz mit dem Auto 35 Minuten brauche. Aber ich finde die Dynamik auch toll, schließlich leben wir in der einzigen Weltmetropole, die wir in Deutschland haben. Es wird immer Meckerer geben. Das höchste Kompliment lautet in Berlin: „Da kannste nicht besser meckern.“

Sie sprachen von Freiräumen. Was meinen Sie damit?

Für mich gibt es eine Definition für Berlin: Es ist völlig egal, auf welchen Ball, welches Event, welche Premiere oder was Sie gehen. Es ist spielt überhaupt keine Rolle, in welchem Outfit Sie erscheinen. Es wird immer jemanden geben, der noch mehr underdressed oder overdressed ist als Sie selbst. Aber das Wichtige ist: Es interessiert keinen Menschen. Versuchen Sie das mal in Hamburg oder München. Da wird jeder von oben bis unten gescannt. In unseren anderen Büros könnte ich nicht ohne Krawatte Auftraggeber und Kandidaten empfangen. In Berlin wird das vom Regierenden Bürgermeister vorgelebt. Hat man sich an den Nichtkonformismus, an die fehlenden Zwänge gewöhnt, lebt es sich viel bequemer.

Sie klingen wie ein Mann vom Berlin Marketing. Reden wir über Probleme. Die S-Bahn-Krise …

… die Ausfälle bewegen sich doch im Promille-Bereich. Wir sind es nur gewohnt, dass die S-Bahn immer fährt. Die Berliner jammern auf verdammt hohem Niveau.

… das BER-Desaster …

Das einzige was mich nervt, ist, dass man die Verschiebung erst so spät bekanntgegeben hat. Ansonsten muss man sich nur mal erinnern – der Flughafen in München ist acht Jahre später fertig geworden.

… die Protestkultur …

In Tempelhof will jetzt eine Bürgerinitiative verhindern, dass dort Wohnungen gebaut werden. Weil das angeblich die Freiheit einschränkt und Menschen anzieht, die sich für teuer Geld Wohnraum kaufen können. Die ganze schöne Atmosphäre gehe kaputt, heißt es. Ja, du lieber Gott!

Welchen Argumenten begegnen Sie bei denjenigen, die zweifeln, ob sie nach Berlin umziehen sollen?

Na ja, da heißt es: Bei euch werden die Leute auf offener Straße zusammengeschlagen oder in der S-Bahn zu Tode geprügelt. Das passiert aber leider in München oder Stuttgart auch. Nur: Dort steht es regional in der Zeitung. Passiert es in Berlin, wird es überregional publiziert. Über eine Milliarde Menschen werden jedes Jahr vom öffentlichen Verkehr in Berlin befördert. Und wie viele kommen zu Schaden? Das ist statistisch nicht darstellbar. Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder einzelne Übergriff ist schrecklich. Aber gerade wenn man Berlin international vergleicht, muss man sagen. Wir leben auf der Insel der Seligen, Berlin ist eine sichere Stadt, wir haben auch keine No-go-Areas.

Wie viel verdienen denn die Menschen, die Sie nach Berlin locken?

Wir holen Leute her, die in aller Regel über 100 000-Euro Jahresgehalt verdienen. Ich kann nur sagen: Gott sei Dank! Die bringen Kaufkraft, die gehen essen, gehen in die Kneipe, zum Friseur und lassen das Geld hier. Je mehr wir davon herholen, desto mehr kann die Stadt sich entwickeln.

Nimmt die Stadt diese Eliten an?

Dem Berliner, wenn es ihn denn gäbe, ist das, glaube ich, wurscht. Hauptsache, er wird nicht gestört. Und eine Elite haben wir doch schon. Wir haben eine extrem hohe Akademikerquote, wir haben Eliten im Bereich Politik und Medien. Ich habe ein Problem damit, wenn man Elite mit einem Fragezeichen sieht. Wir haben in Berlin eigentlich noch viel zu wenig Elite. Man kann das ja aus zweierlei Perspektiven sehen. Einmal von den Eliten, die hierher kommen. Fühlen die sich wohl? Andererseits: werden die hier angenommen? Ich glaube, Berlin ist so ein Schmelztopf, dass hier alle assimiliert werden. In Berlin muss man sich nicht integrieren, hier wird man assimiliert!

Was meinen Sie damit?

Ich persönlich hab noch nie das Gefühl gehabt, dass man mir was neidet. Ich habe lange im Moabiter Stephankiez gewohnt. Damals hat mich mancher gefragt: Kannst du denn dein Auto da abstellen? Passiert da nichts? Klar konnte ich das! Da ist nie was verkratzt, nie was beschmiert worden. Es geht – wenn man die Toleranz selbst so lebt, wie sie von den meisten Berlinern gelebt wird. Alles andere sind doch minimale Randerscheinungen von kleinen Gruppen, die laut schreien und einer bestimmten politischen Kaste angehören. Damit kann man leben. Man kann es ignorieren. Auch das gehört zur Toleranz.

Das Gespräch führten Jutta Kramm und Robert von Heusinger.