Berlin - Herr von Praunheim, wie 70 sehen Sie irgendwie nicht aus.

Danke, das ist nett von Ihnen. Aber wissen Sie, das mit den Falten, das kommt über Nacht. Man wacht eines Morgens auf und schwups, sieht man aus wie 70.

Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

Sehr kompliziert. Ich mache eine Tournee durch sieben Städte, um meine 70 Filme zu promoten.

Sie haben 70 Filme gemacht?

Innerhalb von zwei Jahren, ja. Es sind Dokumentationen zwischen 4 und 40 Minuten, zum Beispiel Porträts einer lesbischen Witwe und eines schwulen Schornsteinfegers.

Themen also, die Rosa von Praunheim schon immer beschäftigten?

Genau. Schwule Männer, starke Frauen und sensible Heteros. New York ist auch ein Thema.

Sie lebten bis Anfang der 80er in New York und kamen zurück nach Berlin, weil Ihr damaliger Freund sich hier am wohlsten fühlte. Heißt das, Ihr Herz hing gar nicht an Berlin?

Mit Berlin verband ich damals eine Art Hassliebe. Ich mochte New York sehr, es war immer eine Nummer größer, lebendiger, da konnte Berlin damals nicht konkurrieren. West-Berlin war die Stadt der verlorenen Seelen, wie ich sie auch in meinem Berlin-Film genannt habe.

Wie haben Sie die Stadt in den Achtzigern erlebt?

Durch die Mauer und das Eingeschlossen-Sein war alles sehr eng. West-Berlin war eine Stadt voller Außenseiter, Freaks und Verrückter. So offen wie heute war die Stadt überhaupt nicht. Die Offenheit kam erst mit dem Mauerfall.

Sie hätten in New York bleiben können.

Klar war die Stadt aufregend, ich ging gern in Off-Theater, schräge Transenclubs, schwule Sexshows. Aber ich hätte mich finanziell nicht über Wasser halten können. Als Künstler ist es dort unglaublich schwer zu überleben. Die Subventionen, die es in Deutschland gibt, hat man da drüben gar nicht. Und heute hat Berlin New York sowieso langsam den Rang abgelaufen.

Wie hat sich das schwule Berlin, Ihr schwules Berlin, verändert?

Der größte Einschnitt war 1969 die Reformierung des Paragrafen 175. Bis dahin stand Homosexualität unter Strafe und war verboten. Mit der Liberalisierung kam auch die Möglichkeit für mich, einen Schwulenfilm im Auftrag des WDR zu machen, der dann die Schwulenbewegung mit begründet hat.

Erinnern Sie sich noch an die Zeit vor der Liberalisierung, die 60er Jahre?

Das war eine ganz schlimme Zeit für Homosexuelle in Berlin. Es gab zwar Lokale, aber das waren versteckte Klingelbars. Die Leute waren sehr ängstlich. Man darf nicht vergessen, nach dem Krieg gab es doppelt so viele Prozesse gegen Schwule wie in der Nazizeit.

Wurden Sie auch diskriminiert?

Ja. Mit Anfang 20 wohnte ich in einer WG am Savignyplatz und mein Mitbewohner wollte mich anzeigen, weil ich schwul war. Er wollte nicht dasselbe Klo wie ich benutzen. Wenn er mich angezeigt hätte, hätte man mich verurteilen müssen, weil die Gesetze so waren.

Ein Anlass, sich für die Schwulenbewegung zu engagieren?

Aus Wut darüber, dass Schwule so ängstlich, so unpolitisch waren, habe ich 1970 den Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, gemacht und gesagt, wir müssen kämpfen, damit es uns besser geht.

Und heute: Wenn ein Schwuler Berlin regiert und ein Homosexueller Außenminister ist, was gibt es da für einen Berufsprovokateur wie Sie noch zu erreichen?

Das gesellschaftliche Klima hat sich verändert, ein großer Prozentsatz kann heute offener eine homosexuelle Beziehung leben. Aber wir haben noch viel zu tun, auch in Berlin. Homosexualität ist immer noch ein Tabu in Schulen. Für viele Jugendliche mit muslimischen und osteuropäischen Wurzeln ist Homosexualität das allerletzte. Sie kriegen es von ihren Eltern auch nicht anders beigebracht. Da brauchen wir dringend Aufklärung.

Haben Sie selbst Übergriffe erlebt?

Als ich mal mit dem Friseur Frank Schäfer, der immer sehr bunt angezogen war, am Bahnhof Zoo Hand in Hand spazieren ging, da kam eine Gruppe Türken, die wirklich sehr unangenehm wurden. Das ist sicher von ihrer Erziehung her zu verstehen, dass sie sich von so einer schrillen Tunte provoziert fühlen. Sie kennen es von ihrem Verständnis und ihrer Herkunft nicht anders.

"Ich bin Wowereit sehr dankbar"

Sind Sie trotzdem glücklich in Berlin?

Sehr. Das hat auch mit der Offenheit nach dem Mauerfall zu tun, damit, dass die Stadt viel internationaler geworden ist.

Wie viel von dieser Offenheit schreiben Sie Klaus Wowereit zu?

Ich bin Wowereit sehr dankbar. Es ist für mich eine Revolution, dass jemand von seinem politischen Rang offen schwul ist, dass er wiedergewählt wurde und so beliebt ist. Berlin hat ihm viel zu verdanken.

Sehen Sie die Gefahr, dass das coole Berlin kippt und unbezahlbar wird?

Die Stadt wird sich an andere europäische Großstädte angleichen und für viele unerschwinglich werden. Auch ich habe Angst, ob ich meine Wohnung halten kann.

In dieser Wohnung in Wilmersdorf leben Sie seit 30 Jahren. Wollten Sie nie näher ran an die trubelige Mitte?

Als die Mauer fiel, dachte ich mal, ich muss nach Kreuzberg oder Prenzlauer Berg. Aber dort ist es doch inzwischen genauso bürgerlich geworden und sehr touristisch.

Mögen Sie die Touristen nicht?

Doch, natürlich. Sie bereichern die Stadt, bevölkern Theater und Museen. Aber ich möchte ungern an so einem Ort leben. In Prenzlauer Berg oder Mitte ist die Entwicklung wie im New Yorker Stadtteil Soho. Da gab es früher viele Galerien und Theater, mittlerweile sind da nur noch Modeläden und Coffeeshops.

Wilmersdorf ist ja auch nicht gerade szenig. Haben Sie Ihren Frieden gemacht mit dem bürgerlichen Milieu?

Dein Kiez wird aufregend durch die Bekanntschaften und Beobachtungen, die du machst. Hier um die Ecke gibt es zum Beispiel den Preußenpark, den habe ich jahrelang filmisch beobachtet. Ein kleiner Park, der lange ein Schwulentreff war, in dem heute im Sommer viele Asiaten sitzen. Du triffst dort Sportler, Penner, unterschiedlichste Leute. Wenn du dich intensiv damit beschäftigst, merkst du, wie aufregend das ist.

Und zum Kudamm ist es ja auch nur ein Katzensprung.

Der Kudamm ist für mich nichts Aufregendes. Diese eleganten Geschäfte interessieren mich nicht. Mich interessiert die Subkultur. Was ich bedauere, ist, dass hier so viele Kinos weggebrochen sind. Nach dem Mauerfall haben sich auch die ganzen Studenten- und Subkulturkneipen in den Osten verlagert.

Apropos Studenten. Sie waren sechs Jahre Dozent an der Filmhochschule in Potsdam. Waren Sie beliebt?

Teils, teils. Starke Studenten haben von mir profitieren können, aber Faulheit habe ich nicht toleriert. Wenn einer dreimal keine Arbeit ablieferte, hab ich ihn rausgeschmissen. Mich hat dieser Schlendrian erschüttert. Die junge Generation ist einfach nicht mehr so kämpferisch, weil sie abgesichert aufgewachsen ist. Und diese Kunsthochschulen, die kannst du eh alle knicken. Ich würde die alle reformieren. Schon damals, als ich an der UdK studierte, war das ein schrecklicher Haufen. Die Professoren saßen in der Paris Bar und soffen, und die Studenten nahmen Drogen und haben auch gesoffen. So viel hat sich da bis heute nicht geändert.

Gehört ein bisschen Schlendrian nicht zu Berlin dazu?

Na klar, der Flaneur, der von Kneipe zu Kneipe zieht, ist etwas Wunderbares. Jeder soll künstlerisch mitreden und sich interessieren, das macht die Lebendigkeit von Berlin aus. Aber es zum Beruf werden zu lassen, ist eben etwas sehr Hartes und hat auch nicht immer etwas mit Begabung zu tun.

Würde Sie Berlin noch mal zu einem Film inspirieren?

Unbedingt! Ich würde gern einen Film über alle Stadtteile drehen, weil jeder Interessantes birgt. Nehmen wir nur die Kleingärten und ihr kurioses, kleinbürgerliches Leben. Das kann noch viel spannender sein als schrille Subkultur.

Das Gespräch führten Anne Vorbringer und Marcus Weingärtner.

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Berlin ist eine der aufregendsten Städte der Welt. Immer mehr junge Leute kommen in die Stadt. Touristen, Künstler, Schauspieler, Manager, Studenten oder einfach Leute, die hier einen Job suchen oder schon gefunden haben. Wir wollen wissen: Was denken die über Berlin? Viele leben hier seit vielen Jahren und sind erfolgreich, kreativ und bestimmen das Leben in der Stadt mit. Wie sehen die ihre Stadt?

„Reden wir über Berlin ...“ heißt unsere neue Interviewreihe im Lokalteil. Alle bisher erschienen Gespräche lesen Sie in unserem Online-Dossier zur Serie.