Herr Voigt, sind Sie eigentlich schwindelfrei?

Nicht ganz. Für einen Bauingenieur ist das natürlich eher ungünstig. In der Bauphase muss man manchmal auf hohe Gebäude.

Sind Sie denn auf den 800 Meter hohen Burj Khalifa geklettert, den Ihr Unternehmen Hyder Consulting in Dubai errichtet hat?

Ich bin tatsächlich in der Rohbauphase mit einem Außenfahrstuhl auf das Gebäude gefahren, übrigens das höchste der Erde. Und wenn nicht ein Kollege dabei gewesen wäre, mit dem ich mithalten wollte, dann hätte ich mich wahrscheinlich geweigert. Das Beunruhigendste war, in diesem Käfig nach oben zu fahren und zu wissen, dass es keinen Plan B gibt, wenn er stecken bleibt.

Dann muss man aussteigen?

Ich weiß nicht, wie man dann im Notfall gerettet wird.

War das der bisher spektakulärste Auftrag für Ihr Unternehmen?

Ja. Höchstes Gebäude der Erde, das ist, glaube ich, nicht zu toppen. Wir haben die gesamte Haustechnik und Tragwerksplanung gemacht und mussten neue Systeme entwickeln, um den Beton nach oben zu transportieren.

Können Sie sich so ein Hochhaus in Berlin vorstellen?

Nein, das ist unrealistisch. Es gibt hier jetzt ein paar höhere Gebäude, aber international gilt ein Haus erst ab 100 Stockwerken als Hochhaus.

Fühlen Sie sich als Berliner?

Meine Heimat ist die Südpfalz, aber ich fühle mich hier nach fast 20 Jahren angekommen. Berlin ist die Stadt, in der ich zuhause bin. Mir fällt allerdings auf, dass es immer noch eine zu starke Abgrenzung gibt zwischen Ur-Berlinern und Zugezogenen. Da wünsche ich mir ein größeres Gemeinschaftsgefühl.

Dafür stehen Sie auch im VBKI?

Ja, wir wollen offen sein für die ganze Stadt, für alle Generationen, für Männer und Frauen in der Wirtschaft gleichermaßen. Berlin hat viele Vorzüge für Menschen und Unternehmen, die sich hier ansiedeln, Offenheit und Toleranz zum Beispiel, die Möglichkeit, schnell anzukommen als Unternehmer. Diese Stärke sollte Berlin noch viel mehr ausspielen.

Wie zum Beispiel?

Ich finde es richtig und wichtig, dass wir im Moment so viel über Gründer und Start-ups sprechen, weil damit nicht nur in Berlin, sondern auch im Rest der Republik klar wird, dass das hier der Ort ist, an dem man als schwäbisches, badisches, pfälzisches Unternehmen seine Nachwuchsproblematik lösen kann. Meine Hoffnung ist, dass Unternehmen in einigen Jahren einfach ein Standbein in Berlin haben müssen, weil es keinen anderen Ort in Deutschland gibt, der so interessant für junge hochqualifizierte Menschen ist.

Das löst dann unser Arbeitslosenproblem in der Stadt?

Viele Leute sind nicht so ohne weiteres qualifizierbar in den Bereichen, in denen Arbeitsplätze entstehen. Denjenigen, die im Industriebereich Arbeit suchen, hilft diese Entwicklung nicht.

Wo gibt es denn neue Arbeitsplätze?

Berlin hat ja die Cluster identifiziert, in denen es industriell weiter zu wachsen hofft. In der Kreativwirtschaft beispielsweise. Die wird sich mit Handel, Handwerk weiter vermischen. Dort entstehen auch industrienahe Dienstleistungen.

Wie sieht man Berlin im Ausland?

Berlin ist ein sehr attraktiver Standort auch durch seine Geschichte. Die Stadt hat sehr geholfen, das Image Deutschlands in der Welt zu verbessern, weil man mit ihr Offenheit und Toleranz assoziiert. Nicht ganz so gut sind allerdings die jüngsten Entwicklungen.

Sie meinen den Flughafen?

Ja, das Projekt beschädigt nicht nur den Ruf der deutschen Ingenieursbaukunst, sondern auch die Marke „Made in Germany“. Da ist ein dauerhafter Imageschaden entstanden.

Blockiert der Flughafen denn die gesamte wirtschaftliche Entwicklung?

Nein. Berlin hat sich von einem niedrigen Level positiv nach oben entwickelt – trotz des Flughafens. Berlin kann zu einer Metropole in Deutschland und Europa werden, wenn es uns gelingt, die Randbedingungen zu erhalten wie geringe Lebenshaltungskosten, aber auch eine Internationalität der Stadt. Nirgendwo ist es so leicht wie in Berlin, Leute zu finden, die drei Sprachen sprechen, Deutsch, Englisch und ihre Muttersprache. Ganze Rekrutierungsabteilungen von Unternehmen werden jetzt hier angesiedelt.

Sie sehen günstige Mieten in Berlin als Standortvorteil?

Ja. Im internationalen Vergleich sind die Mieten immer noch günstig. Aber das ist kein Standortvorteil, mit dem man dauerhaft rechnen sollte. Denn steigende Mieten sind natürlich auch ein Indiz für die wachsende Attraktivität der Stadt.

Sollte der Staat bei steigenden Mieten nicht regulierend eingreifen?

Die Stadt gewinnt 40.000 Einwohner pro Jahr, die alle hier wohnen wollen. Um das Gleichgewicht herzustellen zwischen Neubauten und Zuzug, muss der private Wohnungsbau stimuliert werden. Die staatlichen Maßnahmen allein werden nicht ausreichen, um nennenswert dämpfende Wirkung auf die Preise zu haben. Wer den Druck vom Wohnungsmarkt nehmen will, muss optimale Rahmenbedingungen für den Wohnungsbau schaffen.

Aber ist nicht Berlin durch die Regulierung Mieterstadt und ein attraktiver Standort geblieben?

Mieten und die Lebenshaltungskosten spielen eine wesentliche Rolle. Dass Mieten subventioniert wurden, hatte aber nicht nur positive Auswirkungen, sondern wurde vielfach auch missbraucht. Man sollte eher zusätzliches Angebot schaffen, um das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Wo sollte denn gebaut werden?

Berlin hat den großen Vorteil gegenüber allen anderen Metropolen, dass es sehr viele innerstädtische Flächen gibt, die sich auch für den Wohnungsbau eignen. Zum Beispiel Tegel oder Tempelhof. Ich finde es wunderbar, dass das Tempelhofer Feld so gut angenommen wird, aber die Fläche hat viel Potenzial. Zum Beispiel könnte man neben Wohnflächen zusätzlich Gewerbe ansiedeln. Für Tegel haben wir ja noch etwas Zeit. Da fehlt auch noch ein schlüssiges Konzept, es gibt dort keinerlei Nahverkehrsanbindung. Das ist aber wesentlich, wenn man Tegel zu einem Standort für Studierende machen will.

Wozu braucht man den VBKI eigentlich?

Den Verband braucht die Stadt bereits seit 134 Jahren. Es gibt eine Menge aktueller Themen, für deren Diskussion und Entwicklung eine Stimme der freien Wirtschaft wichtig ist. Außerdem ist der Verband ein Ort, an dem bürgerschaftliches soziales Engagement vorgelebt wird.

Sie meinen die Lesepaten. Warum schicken sie die in Berliner Schulen?

Über 2 000 Freiwillige engagieren sich mittlerweile in unserem Bürgernetzwerk Bildung, um die mehr als 10.000 Kinder wöchentlich beim Lesen und Lernen zu unterstützen. Das hilft auch, die unterschiedlichen Menschen aus der Stadt zusammenzubringen. Während die Lernpaten vornehmlich aus dem westlichen Teil der Stadt kommen, befinden sich viele der Problemschulen nicht nur in Neukölln und Kreuzberg, sondern auch in Marzahn-Hellersdorf. So entstehen Beziehungen und ein Verständnis füreinander. Das wollen wir fördern und weiter ausbauen.

Sie haben einen eigenen Verein dafür gegründet?

Ja, wir haben eine gemeinnützige GmbH geschaffen, um deren Aktivitäten von denen der Veranstaltungs-GmbH und des Berufsverbands abzugrenzen. Ich will, dass man uns noch stärker über unsere inhaltlichen Positionierungen wahrnimmt als einen Verein, der hilft, die Stärken Berlins zu fördern. Wir wollen jedem, der neu in die Stadt kommt helfen, schnell anzukommen, sich zu vernetzen und sich vertreten zu fühlen.

Sie wollen Berlin auch verändern?

Eher die positive Entwicklung mit vorantreiben. Aber wer mitgestalten will, muss sich aktiv einbringen und seine Stimme erheben. Dafür will der VBKI eine Plattform sein. Wir haben 15 Ausschüsse und Arbeitskreise, in denen sich unsere Mitglieder zu aktuellen Themen engagieren und austauschen können. So haben wir uns zur Stausituation geäußert, zur S-Bahn-Privatisierung, zur Rekommunalisierung, und zur Positionierung und Förderung von Frauen in der Wirtschaft.

Wer bei ihnen Mitglied werden will muss ein ehrbarer Kaufmann sein. Was ist denn das?

Jemand bei dem das gesprochene Wort gilt und der nicht allein von Profitgier angetrieben ist, der sich seinen Angestellten gegenüber fair verhält, der weiß, dass die Mitarbeiter sein größtes Kapital sind. Der überwiegende Teil des Mittelstands fühlt sich diesen Grundsätzen zutiefst verpflichtet. In der Öffentlichkeit hat das Image des Unternehmers aber sehr gelitten. Deshalb wollen wir laut und deutlich sagen, dass wir uns diesen Grundsätzen verpflichtet fühlen.

Wenn Sie Regierender Bürgermeister wären, was würden Sie als erstes anpacken?

Der Regierende Bürgermeister ist der Bürgermeister aller Berliner. Er hat sich gleichgewichtig um alle Themen und alle Gruppen in der Stadt zu kümmern. Ich zum Beispiel finde die Wissenschaft nicht weniger wichtig als die Filmwirtschaft. Wir brauchen in Berlin noch mehr Vernetzung zwischen den Gruppen und auch mehr Corpsgeist, um die Berliner Interessen gemeinsam nach außen zu vertreten. Da haben wir noch Nachholbedarf.

Das Gespräch führten Julia Haak und Peter Kirnich