Berlin - Hisham Alhindaoui ist zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater im Februar aus Syrien nach Berlin geflüchtet. Er lebt hier in einem Flüchtlingsheim an der Levetzowstraße in Moabit, einer ehemalige Schule. Wir sprechen draußen auf dem einstigen Schulhof miteinander. Am Ende des Gesprächs bittet uns Hisham Alhindoaui darum, einen Moment zu warten. Er geht in sein Zimmer und kommt mit einer Packung syrischen Kaffees wieder. Der ist für uns. Ein Geschenk von einem Mann, der fast alles verloren hat.

Warum wollten Sie unbedingt nach Berlin?

Mein Vater ist jedes Jahr zu einer Messe für medizinische Geräte in Deutschland gefahren. Er kennt sich hier aus. Italien, Griechenland – das sind Länder, die keine starke Wirtschaft haben. Deutschland ist das Herz Europas. Aber vor allem sind wir hierher gekommen, weil einer der Cousin meines Vaters seit 25 Jahren in Berlin lebt. Er hat hier schon mehrere Restaurants gehabt.

Sie haben ein Visum bekommen, nicht aber Ihre Frau und Ihre Kinder. Wie kommt das?

Mein Vater, mein Bruder und ich sind immer viel gereist. Wir hatten in Damaskus eine Firma für Röntgengeräte und sind oft in andere Länder gefahren, um dort Messen zu besuchen oder Geräte zu kaufen. Es war eine große Firma. 25 Ingenieure haben für uns gearbeitet. Wir hatten einen Namen. Für uns war es kein Problem, Visa zu bekommen. Aber meine Mutter, meine kleine Schwester, meine Frau und meine beiden kleinen Söhne bekommen kein Visum. Wie viele Kinder haben Sie denn?

Zwei Mädchen, zehn und sechs.

Gott segne sie. Mir fällt auf, dass in Deutschland auch die Frauen arbeiten. In Syrien ist das anders. Viele Frauen sind Hausfrauen. Sie kümmern sich um die Kinder, den Mann, das Haus. Meine Frau ist auch Hausfrau. Wenn ich mit ihr spreche, sagt sie, wie sehr sie sich um mich sorgt, weil sie weiß, dass ich nicht kochen und Wäsche waschen kann.

Wie finden Sie es, dass die Frauen hier arbeiten?

Gut. Und die Männer arbeiten ja auch im Haus mit.

Was wird passieren, wenn Ihre Frau hierher kommt. Wird Sie dann auch arbeiten?

Ja, und ich helfe im Haushalt mit. Da habe ich ja jetzt Erfahrung. Beim Saubermachen, beim Waschen. (Er lacht.)

Wie leben Sie hier?

Im Heim teile ich ein Zimmer mit meinem Bruder. Der Raum, in dem wir wohnen, ist durch eine dünne Holzwand in zwei Zimmer geteilt. Wenn sie eine Familie mit Kindern in dem anderen Zimmer unterbringen, ist es sehr laut und unruhig. Man fühlt sich nicht wohl.

Wo ist Ihr Vater?

Mein Vater hatte Herzprobleme, als wir hier ankamen. Er wurde operiert und musste in ein Heim ziehen, in dem er keine Treppen steigen muss. Ich besuche ihn jeden Tag. Es ist ein großes Problem für mich, dass ich nicht mit meinem Vater zusammenleben kann. Als ich zum Sozialamt gegangen bin, haben sie mir gesagt: Beim nächsten Mal wird alles anders. Als ich das nächste Mal dort war, haben sie gesagt: Hier ist Geld für zwei Monate. Bleib in deinem Heim. Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden kann, wer mir hilft.

Welche Vorstellung hatten Sie von Berlin, bevor Sie kamen?

Deutschland hat für uns immer gute Qualität bedeutet. Und die Menschen hier sind respektabel, sie sind menschlich.

Denken Sie das jetzt immer noch?

Ja. Zum Beispiel Herr Till hier im Büro des Heims. Er ist immer sehr beschäftigt. Aber wenn wir zu ihm kommen, dann lächelt er. Das ist für uns eine große Sache. Er mag seine Arbeit. In Syrien gibt es viele Leute, die nur arbeiten, um sich zu bereichern.

Wie sieht Ihr Tag aus?

Zwei Mal am Tag telefoniere ich mit meiner Frau. Manchmal chatten wir auch oder wir skypen. Aber ich skype nicht gern mit meiner Familie. Ich sehe dann die Tränen in den Augen meiner Frau und meiner kleinen Kinder. Sie sind zwei und vier. Ich weiß nicht, wen ich ihretwegen um Hilfe bitten kann. Ich habe Kontakt zu einer Anwältin. Ich hatte einen Termin am 30. Mai mit ihr.

Sie rief bei der Ausländerbehörde an, aber der Zuständige war krank. Sie versprachen mir einen neuen Termin. Es verging eine Woche, zwei Wochen, drei, vier. Sie machen sich keine Sorgen um die Zeit, die vergeht. Ich habe erst zwei Monate später wieder einen Termin bekommen. Erst wollte ich sie nicht auf illegalem Weg hierher bringen, und jetzt habe ich das Geld nicht mehr dafür.

Wie beschäftigen Sie sich die ganze Zeit?

Ich habe keine Arbeit. Das ist nicht gut. Als Mann muss man arbeiten. Aber wir sind neu hier und müssen erst einmal die Sprache lernen. Ich mache drei Mal die Woche einen Deutschkurs in einer Schule nahe der TU.

Berlin scheint bei vielen Flüchtlingen sehr beliebt zu sein. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Vielleicht ist das so, weil es in Berlin so viele verschiedene Religionen und verschiedene Menschen gibt. Es ist erstaunlich, dass es so viele Moscheen gibt, in der Sonnenallee, in der Osloer Straße. Das ist sehr gut. Jeder kann hier seine Religion ausüben. In Damaskus sind die Moscheen natürlich größer als hier. Es gibt zum Beispiel die Umay-yaden-Moschee, eine sehr alte Moschee. Hier sind die Moscheen klein. Meistens sind sie auf einem Stockwerk eines Gebäudes untergebracht. Es ist fast immer sehr voll dort. Es gibt Moslems aus allen möglichen Ländern in Berlin. Gepredigt wird auf Deutsch und Arabisch.

Gibt es eine große syrische Gemeinde in Berlin?

Es gibt viele Araber, aber nicht sehr viele kommen aus Syrien. Es kommen mehr aus dem Libanon und aus Palästina. Das sind unsere Brüder.

Was kennen Sie schon von Berlin?

Die meiste Zeit verbringe ich im Heim. Ich bin unruhig, weil ich seit drei Monaten hier bin und keine Papiere habe. Vielleicht ist das die Regel hier, aber es ist doch Krieg in Syrien. Ich muss meine Familien beschützen. Wenn ich mit meinem kleinen Sohn telefoniere fragt er: Warum hast du mich verlassen? Aber ich musste Syrien verlassen, ich war in Gefahr. Wir haben der Free Syrian Army Röntgengeräte zur Verfügung gestellt, aus humanitären Gründen. Die Regierung hielt mich für einen Unterstützer, sie wollte mich verhaften, deshalb musste ich weg. Aber meine Kinder brauchen mich. Ich habe Angst um meine Familie.

Wenn Sie das Heim verlassen, wo gehen Sie dann hin?

Ich besuche den Cousin meines Vaters in Wartenberg. Ich lerne Deutsch von seinen Kindern.

Gibt es Orte, die Sie gern haben.

Diesen Ort neben dem Zoo, dieser Garten.

Das ist der Tiergarten.

Das ist ein erstaunlicher Ort. Ich fühl mich dort sehr wohl. Man ist in der Natur. Ich mag, wie es dort aussieht. Ich laufe ein bisschen spazieren, ich sitze auf einer Bank. Alle zwei, drei Tage gehe ich dorthin. Und ich entdecke gern neue Orte. Ich kenne oft die Namen nicht. Ich laufe irgendwohin, oder ich fahre mit der U-Bahn. Berlin ist überall anders.

Ich mag den Alexanderplatz bei Nacht. Wow! Eigentlich ist Berlin von 10 Uhr abends an ziemlich ruhig. Ganz anders als Damaskus, wo um 2 Uhr früh noch Menschen auf den Straßen sind. Aber auf dem Alexanderplatz kann man das Leben spüren. Es gibt so viele Leute dort, es wird getanzt. Es ist wunderschön. Das Heim meines Vaters ist in der Nähe, und wir gehen zusammen auf dem Alexanderplatz spazieren. Ich versuche, wie ein normaler Mensch zu leben, obwohl ich so viele Probleme habe.

Was kennen Sie noch?

Die Sonnenallee. Das ist ein arabischer Ort, es gibt so viele Araber dort. Ich kenne jemanden, der dort eine arabische Eisdiele aufmachen will. Unser Eis wird handgemacht, es schmeckt anders. Wir benutzen Milch, Nüsse. Auf der Sonnenallee gibt es Bäckereien mit arabischen Süßigkeiten. Wenn man dort entlang geht, hört man von überallher arabisch.

Wenn Araber aus München oder Düsseldorf nach Berlin kommen, dann gehen sie direkt zur Sonnenallee. Dort gibt es auch nach syrischer Art zubereitetes Hühnchen. Der Geschmack ist besonders. Aber ich kann Ihnen nicht erklären, wie es zubereitet wird, weil ich nicht kochen kann. Es gibt dort auch unseren Reis. Wir bereiten ihn mit vielen Gewürzen zu. Die Sonnenallee ist wie eine Straße in Damaskus. Na ja, fast.

Was gefällt Ihnen nicht in Berlin?

Es gibt hier viele Leute, die nicht verheiratet sind, obwohl sie Kinder haben. Oder Leute, die sich scheiden lassen. Das ist schwer für die Kinder. Sie brauchen die Eltern zusammen. Es ist gut für die Kinder, wenn sie die Liebe zwischen den Eltern fühlen. Der Cousin meines Vaters ist auch geschieden. Er hatte eine deutsche Frau.

Manche Berliner wollen nicht, dass Flüchtlinge in die Stadt kommen, dass sie in ihrer Nachbarschaft leben. Sie sagen, dass Flüchtlinge Probleme machen. Es gibt vehemente Proteste.

Ich habe davon gehört. Aber die Menschen müssen darüber nachdenken, warum die Flüchtlinge hierherkommen. Wenn sie Flüchtlinge aus Syrien sehen, müssen sie daran denken, dass in Syrien Krieg ist. Dass wir ihre Hilfe brauchen. In Syrien hatte ich eine gute Arbeit, ich war reich, und ich habe alles verloren. Mein Vater war Millionär, und jetzt ist er nichts. Das kann man sich nicht vorstellen.

Wir sind nicht hiergekommen, um Probleme zu machen. Wir sind friedliche Menschen. Aber ich bin hier auch einem Mann begegnet, dessen Arabisch klang, als komme er aus Tunesien oder Algerien. Ich fragte ihn, woher er sei. Er sagte, er komme aus Syrien. Ich sagte zu ihm: Du bist kein Syrer. Und er sagte, ok, ok. Die deutsche Regierung hat angekündigt, noch 5000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Und er stiehlt einen dieser Plätze. Von Menschen, die in Syrien sterben.

Wissen Sie etwas über die Geschichte Berlins?

Ich weiß, dass Berlin geteilt war in Ost und West. Ich weiß, dass der Osten arm war und der Westen sehr reich. Aber heute sieht man keinen Unterschied mehr. Warum diese Mauer gebaut worden ist, weiß ich nicht so genau. Ich muss in die Museen gehen, um das zu erfahren. In der Schule haben wir das nicht gelernt, da sprechen wir nur über die Weltkriege. Europäische Geschichte hatten wir nicht.

Wie unterscheidet sich Berlin von Damaskus?

Das Wetter in Berlin ist immer anders. Das gefällt mir sehr gut, weil es neu für uns ist. In Damaskus gibt es keine U-Bahn, keine Straßenbahn. Nur Busse und Taxis. In Damaskus ist alles billiger. Aber in Berlin sind die Märkte besser, das Angebot ist größer. Und man kann fast alles finden, was es in Syrien auch gibt. Nur der Geschmack des Essens ist anders.

Anfangs war das schwer für mich. Manchmal habe ich gar nichts essen können. Jetzt ist es besser, weil die Regierung uns Geld gibt, damit wir selber Essen kaufen können. Das Problem ist nur, dass ich nicht kochen kann. Die Luft ist besser in Berlin. In Damaskus ist die Luft nicht so sauber, es gibt so viel Verkehr. In Berlin gibt es so viele Bäume. Aber ich habe noch keinen Jasmin gesehen.

Ich fürchte, es ist zu kalt dafür.

In Damaskus duftet es jetzt auch nicht mehr nach Jasmin. Es riecht nach verwesenden Leichen. Als ich kürzlich bei meinem Onkel in Wartenberg war, habe ich einen Baum gesehen, der hatte sohellgrüne Blüten. Wie Trauben sahen sie aus. Das hat auch sehr gut gerochen.

Das war eine Linde.

Eine Linde? Vielleicht. Der Duft hat mich an zu Hause erinnert.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.