Lastenräder aus Berlin: Onomotion eröffnet Fabrik in Mitte

Das Berliner Start-up will den Lieferverkehr in Innenstädten reduzieren. Nun hat die Serienfertigung eines emissionsfreien Tret-Transporters begonnen.

In der Ono-Fabrik
In der Ono-FabrikVolkmar Otto

Als sich vor sechs Jahren in Berlin ein Betriebswirt, ein Maschinenbauer und ein Automobildesigner zusammentaten, ging es ihnen um nicht weniger als die Revolution auf der sogenannten letzten Meile des Lieferverkehrs. Drei auf der Suche nach einem Gegenentwurf zu den Diesel-Transportern, die schon damals jährlich drei Milliarden Pakete an deutsche Haustüren verteilten. Inzwischen chauffieren die Transporter-Flotten sogar 4,5 Milliarden Pakete und in fünf Jahren werden es fast sechs Milliarden sein. Allerdings steht die Antwort der drei auf Sprinter und Co. nun auf den Rädern. Es ist ein Container-Bike mit Fahrradsattel und ohne Auspuff. Made in Berlin.

Am Donnerstag wurde dafür in einer ehemaligen Druckerei in der Scheringstraße in Mitte eine Fabrik eingeweiht. Onomotion, so heißt das 2016 gegründete Start-up, baue damit seine Führungsrolle als einer der größten E-Cargobike-Hersteller Deutschlands weiter aus, heißt es bei dem inzwischen 90-köpfigen Unternehmen. Und man lässt keinen Zweifel daran, dass es längst mehr als ein Experiment ist.

Wo einst Druckmaschinen standen, werden nun an Arbeitsstationen einzelne Komponenten vorbereitet. Die kompletten Fahrzeuge werden dann an Montagebühnen fertiggestellt, die sich in der Halle aneinanderreihen. Zehn Ono-Bikes können gleichzeitig montiert werden. Und man hat viel vor. „Die Jahreskapazität liegt bei bis zu 4000 Fahrzeugen“, sagt Co-Chef und Mitgründer Beres Seelbach. Konsequenterweise versuchen die Verkehrsrebellen dabei selbst, so wenig Verkehr wie möglich zu verursachen. 97 Prozent der Teile kommen aus Deutschland.

Tatsächlich sind bislang bereits mehrere Hundert Fahrzeuge im Einsatz. Der Paketzusteller DPD hatte erst zu Jahresbeginn 50 Fahrzeuge geordert. Auch UPS und Hermes haben Onos im Fuhrpark. „Wer etwas in der Stadt zu transportieren hat, kann unser Kunde sein“, sagt Philipp Kahle, der Onomotion ebenfalls mitgegründet hat. Firmen wie Florida Eis und Märkische Kiste gehörten bereits dazu.

Die Gründer: Beres Seelbach, Philipp Kahle und Murat Günak.
Die Gründer: Beres Seelbach, Philipp Kahle und Murat Günak.Onomotion

Formal ist der Berliner Tret-Transporter ein Pedelec. Das Ono-Bike ist mit einem zusätzlichen Elektromotor ausgestattet, darf auf Radwegen bewegt werden und kann bis zu 25 km/h schnell sein. Dass der Fahrer dafür keinen Führerschein braucht, könnte in Zeiten des Fachkräftemangels von Vorteil sein kann. Die Reichweite wird mit 30 Kilometern angegeben. Ein zusätzlicher Akku kann diese verdoppeln.

Vertrieben werden die Cargo-Bikes ausschließlich per Leasing, wobei der  innenstadtkompatible Öko-Transporter inklusive Versicherung, Wartung und Service-Hotline monatlich nur halb so teuer sein soll wie ein Transporter der Sprinterklasse, für den außerdem noch hohe Spritkosten fällig werden. Laut Onomotion ist die Warteliste jedenfalls lang. Die Lieferzeiten lägen bei 18 Monaten. Deshalb die Berliner Fabrik.

Das Design des Lastenrades lieferte übrigens Murat Günak. Der hatte in seinem früheren Berufsleben Automobile für Peugeot, Mercedes und Volkswagen kreiert. Meist waren es sehr sportliche Karossen wie die des Mercedes SLK. Ein Ono ist vor allem praktisch, leise und emissionsfrei, muss aber nicht nur ein Transporter bleiben. Günak kann sich jedenfalls viele Varianten vom Arbeitswagen bis zum Kurzstrecken-Taxi vorstellen.

Das Ono-Bike
Das Ono-BikeVolkmar Otto

Zunächst geht es allerdings um den Lieferverkehr, den die Leute von Onomotion keineswegs nur per Fahrzeugtausch Dreirad gegen Sprinter revolutionieren wollen. Ein Ono-Bike hat nicht ohne Grund einen abnehmbaren Zwei-Kubikmeter-Container. Beres Seelbach schwebt vor, dass die Container in Depots am Stadtrand bepackt werden und von dort auch mit der Straßenbahn oder dem Wasserweg in die Innenstadt gebracht werden, wo sie dann mit dem Lastenrad die letzte Meile zurücklegen.

Um das Ziel, jährlich mehrere Tausende Lastenräder in der Scheringstraße zu produzieren, zu erreichen, soll der Standort in den kommenden Jahren weiter digitalisiert und automatisiert werden. „Schritt für Schritt werden wir die Arbeitsebenen anpassen und die Arbeitsinseln zu einem fließenden System verbinden“, sagt Philipp Kahle. Zudem sollen von Berlin aus weitere Produktionsstätten vorbereitet werden. Die Berliner Ono-Fabrik sei nur der Anfang, sagt Kahle. Man wolle künftig dort fertigen, wo die Fahrzeuge gebraucht werden. Man denke an Europa „und darüber hinaus“.

In der Montage
In der MontageVolkmar Otto

Zunächst ist Onomotion jedoch vor allem in Deutschland vertreten. In knapp 20 Städten gibt es bereits Niederlassungen. Beres Seelbach würde sich bei geplanten Expansion auch über Hilfe aus der Politik freuen. Etwa über einen Ausbau der Rad-Infrastruktur. „Wer Straßen baut, bekommt Autos, wer Radwege baut, bekommt Fahrräder“, sagt er.