Am Anfang klingt es wie ein schlechter Scherz: Ich laufe meinen ersten Marathon, und es ist nicht etwa einfach nur schlechtes Wetter. Nein, es ist: der Jahrhundertsturm. Das Sturm-Monster.

Frankenstorm, wie die New Yorker ihn nennen. Ich frage mich die ganze Zeit vor dem Abflug, ob der Marathon am Sonntag überhaupt stattfinden wird. Aber es bleibt dabei, auf der offiziellen Website des New York City Marathons hinterlässt „Sandy“ nicht einmal die Spur eines Zweifels. Als meine Familie und ich am Donnerstagmorgen zum Flughafen fahren, schaue ich ein letztes Mal nach: Der Lauf soll im Gedenken an die Opfer des Sturms stattfinden, steht da jetzt. So macht man das in Amerika, denke ich, positiv denken, weitermachen.

Zur gleichen Zeit etwa schreiben Einwohner von Staten Island die Pinnwand der Facebook-Seite des Marathons voll: Cancel the race! Boycott the marathon! Durch Staten Island führen die ersten Kilometer des Laufs. Staten Island ist der Stadtteil, den „Sandy“ am schlimmsten verwüstet hat. Häuser stürzten unter den Fluten ein. In Staten Island sieht New York aus wie das Katastrophengebiet, als das Präsident Obama die komplette Stadt ausgerufen hat.

In New York fahren wir vom Flughafen mit dem Bus in die Stadt. Der Reiseleiter, ein Deutscher, der seit vierzig Jahren in New York lebt, erzählt, während wir in der Rush Hour feststecken. Sein vierter Hurrikan sei das gewesen. „Ich habe Schlimmeres erlebt“, sagt er, 1974 etwa, da sei der Wind mit hundert Stundenkilometern durch die Häuserschluchten gepfiffen. „Von ,Sandy‘ habe ich nur ein bisschen Nieselregen mitbekommen.“ Alles andere hat er, wie wir auch, in den Nachrichten gesehen in seinem Büro in Manhattan, das noch immer keinen Strom hat.

„Wir brauchen Wasser, warme Decken, Lebensmittel, all das, was für euch beim Rennen zur Verfügung gestellt wird“, schreiben die Staten Islander auf die Facebook-Seite. „Wenn ihr über die Verrazano-Brücke lauft, kehrt um und helft lieber beim Aufräumen.“
„New York braucht den Marathon, gerade jetzt“, sagt Bürgermeister Michael Bloomberg im Fernsehen. Für die Wirtschaft der Stadt. 340 Millionen Dollar bringt der Marathon den Geschäften, gerade den kleineren. Ich weiß nicht, was das Richtige ist. Laufen? Nicht laufen? Meine Familie und ich werden unsere Startnummern abholen, wir werden nachdenken, dann wird der Familienrat eine Entscheidung treffen, ob wir am Sonntag den New-York-Marathon laufen werden oder nicht.

Nachtrag

Am Freitagabend stehen wir in der Schlange vor den Schaltern, an denen die Startnummern ausgegeben werden. Den Tag haben wir in Manhattan verbracht, wir sind U-Bahn gefahren und mussten nichts bezahlen, weil alle öffentlichen Verkehrsmittel in diesen Tagen umsonst sind. Wir sind an Geschäften auf der 5th Avenue vorbei gelaufen, die geschlossen waren, weil sie noch immer kein Strom haben.

Wir haben die Taxifahrer an einer Tankstelle gesehen, die in einer langen Schlange vor den Zapfsäulen standen, um Kanister mit Benzin zu füllen – es herrscht Benzinmangel in New York. Deshalb sind die Straßen fast leer. Wir sind um den Central Park herumspaziert und haben den Freiwilligen beim Aufbau zugeschaut. Jetzt warten wir auf unsere Startnummern, neben uns steht ein New Yorker und tippt auf seinem Smartphone herum.

Es ist 18 Uhr. "Sie sagen den Marathon ab", sagt er. "Was?", sage ich. Er zeigt mit die Homepage der New York Times. Da steht: Nach Tagen des öffentlichen Drucks, nach Kritik von Politikern, Läufern und der Öffentlichkeit, entscheiden die Veranstalter des ING New York City Marathons, den Lauf nicht stattfinden zu lassen.
Wir verbringen den Abend sprachlos, ratlos, unsere ganze Reise hatte sich um diesen Lauf gedreht. Irgendwie warten wir wohl noch immer auf die Nachricht, dass der Marathon nun doch stattfindet. Im Hotelzimmer laufen die Bilder der kaputten Häuser im Fernsehen, von Menschen, die in Mikrofone sagen, sie haben alles verloren. Wenn die Fähre fährt, das beschließen wir, bevor wir schlafen gehen, fahren wir am Samstagmorgen nach Staten Island. Vielleicht können wir etwas tun, wenn wir schon nicht laufen. Vielleicht verstehen wir auch ein bisschen besser, warum.