Großräschen - Von seinem Büro aus überblickt Sören Hoika den noch sehr flachen Großräschener See, dazu einen Weinberg und die Seebrücke. Das alles klingt nach einem Urlaubsland, aber nicht nach dem, was es tatsächlich ist: ein ehemaliger Tagebau in der Lausitz, diesem 150 Jahre alten Kohlerevier im Süden Brandenburgs.

Hoikas Büro befindet sich direkt am Rand des Tagebaulochs. Ganz in der Nähe wurde er vor 35 Jahren geboren. Es ist seine Heimat, die heute ganz anders aussieht als noch vor einigen Jahren und die sich im ständigen Wandel befindet. Denn die alte Grube ist keine Kohlegrube mehr, sondern wird geflutet. So wie ein paar Dutzend Seen, die hier zu Europas größter künstlicher Seenlandschaft werden sollen.

Und Hoika ist einer, der vom großen Wandel vom Kohlerevier zum Erholungsgebiet profitieren will: Mit seinem „Reisebüro für die Region Lausitzer Seenland“ bietet er geführte Touren für Leute an, die die Landschaft im Wandel erkunden wollen.

Niedergang und Neuanfang

Der Diplomsoziologe hatte eigentlich gar nicht vor, jemals wieder nach Großräschen (Oberspreewald-Lausitz) zurückzukehren. Er studierte in Dresden und machte, um Geld zu verdienen, Touristenführungen in der alten Heimat. Als es mit der angestrebten Universitätskarriere länger dauerte als erhofft, kehrte er 2011 zurück und machte seinen Nebenjob zum Hauptberuf. Anfangs glaubte kaum jemand an die Idee. „Heute würde ich den Job für nichts in der Welt wieder eintauschen“, sagt er. „Die Leute opfern ihr Geld und ihre Freizeit, um mir zuzuhören.“

Noch 1999 war Großräschen eine Stadt des Bergbaus, der die Menschen ernährt, aber auch Löcher gerissen hat, wo vorher ganze Dörfer standen. Heute trägt Großräschen den Namenszusatz „Seestadt“. Dazwischen liegt das gesamte Spektrum von Niedergang und Neuanfang. Sören Hoika und seine Familie haben beides miterlebt.

Dem Ende des Tagebaus folgten der massenhafte Verlust von Arbeitsplätzen und die Abwanderung vor allem der jungen Leute. Der Landkreis verzeichnete 2004 seine höchste Arbeitslosenzahl. Da liefen bereits vier Jahre lang die Projekte der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land, die Impulse für den Strukturwandel setzen sollten. „Die IBA schuf keine Arbeitsplätze“, sagt Hoika. „Aber sie brachte eine Perspektive für die Zeit nach dem Bergbau.“ Für Großräschen bedeutete das konkret den Bau der IBA-Terrassen und die Flutung des Tagebaus.

Während er studierte, machte sich sein Vater, ein damals arbeitsloser Klempner, 2003 selbstständig. Er erfand für sich eine Arbeit im Windschatten der IBA. Was andere können, können wir auch, sagte er sich, kaufte einen Bus und zeigte denen, die interessiert waren, die Nachfolgelandschaft des Bergbaus. Sein Sohn half ihm gelegentlich.

„Wer will denn die Löcher sehen?“ fragten die Großräschener, denen die Tagebauüberbleibsel eher hässlich erschienen. Doch diese bizarren Mondlandschaften, diese endlosen tiefen Gruben, hatten für viele einen ganz speziellen Reiz. Im ersten Jahr kamen um die 300 Gäste. Letztes Jahr waren es 32 000. Hoika: „Der Tourismus am Rand von Kohlegruben hat etwas eigenartiges und zieht Besucher an.“

Kleine intellektuelle Insel

Ohne die IBA wäre der Erfolg kaum möglich gewesen, glaubt Sören Hoika. Der Tagebau habe damals für Kultur wenig Raum gelassen. „Durch die IBA gibt es jetzt eine kleine intellektuelle Insel.“

Als sich die Internationale Bauausstellung 2010 ihrem Ende näherte, musste die Gemeinde entscheiden, wie die entstandene Infrastruktur künftig genutzt werden soll. Beide, Sören Hoika und sein Vater, entschlossen sich, ihre Führungen mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten weiter anzubieten. Sie übernahmen eines der Büros auf den IBA-Terassen. Das Arbeitsamt förderte den Berufseinstieg des Sohnes mit einem Existenzgründerseminar. Neben seiner eigentlichen Arbeit ist Sören Hoika ehrenamtlich im Tourismusverband tätig, arbeitet als Prüfer der IHK für Tourismusberufe, nimmt an Fachmessen teil und entwickelt Marketingstrategien für das Lausitzer Seenland. Pionierarbeit, denn die Lausitz befindet sich noch in einer Art Zwischenzeit, zwischen industrieller Vergangenheit und touristischer Zukunft.

Der Tourismus wird noch einige Zeit brauchen, um als Wirtschaftsfaktor ernst genommen zu werden. Er kann nicht jene Jobs ersetzen, die zuvor verloren gingen.

Ein Stück Selbstbewusstsein

Die größte Schwierigkeit liegt aber darin, dass das Lausitzer Seenland künstlich erschaffen wird und dass es damit keine bekannte geografische Marke ist wie etwa die Uckermark oder der Spreewald. Die Vermarktung wird auch dadurch erschwert, weil sich die Region in mehreren Landkreisen und mit Sachsen auch in zwei Bundesländern befindet. „Die Landschaft ist erklärungsbedürftig“, sagt Sören Hoika. Deshalb sind seine Themen ganz andere als sonst im touristischen Bereich üblich. Radfahren am See könne man woanders auch, aber hier gelte es, eine Industriekultur zu vermitteln, die einzigartig ist, und dabei eine Identität zu finden.

Der See soll bis 2018 seinen endgültigen Pegel erreicht haben. Die Seebrücke, die noch im Trockenen steht, wird dann bis ins tiefe Wasser hinein reichen. Derzeit wird ein Stadthafen gebaut, dessen Bootsanlegestellen schon alle angemietet sind. Zwei große Narben sollte die IBA heilen: Die Narben in der Landschaft und die Narben am Selbstbewusstsein der Menschen. „Die Melancholie überwinden“, nennt es Sören Hoika. Das ist nach seiner Einschätzung geglückt. „Besucher, die heute kommen, sagen: Ist das schön bei euch!“ Das müsse sich verfestigen. „Dann kommt es auch bei denen an, die hier leben.“