Sweet Home Saarland: Warum ich mich trotzdem in Berlin mehr zu Hause fühle

Drogen sind normal, jeder raucht Kette und monogame Beziehungen gibt es gefühlt nicht mehr. Eine Saarländerin entdeckt Berlin und will jetzt auch ein Tattoo.

Hannah Brückner für Berliner Zeitung am Wochenende

„Kommt ihr aus Berlin?“, trotz Lächeln schaffte es die Türsteherin der Tanzbar, irgendwie unfreundlich auszusehen. „Nein, aber gerade hergezogen, ist mein erster Abend!“, sagte ich und strahlte sie stolz an. Wir wurden abgewiesen. Ein paar Meter weiter auf der Torstraße versuchten wir es bei einer anderen berühmt-berüchtigten Bar in Berlin, damals noch ohne jegliche Kenntnis über ihren Ruf. Der Türsteher blickte mich an, als würde er mich jeden Moment auffressen. „Steht ihr auf der Gästeliste?“, war seine erste Frage. Natürlich standen wir nicht drauf. „Ähm, nein“, sagte ich zögernd, ein wenig verwirrt über die Unfreundlichkeit, doch weiter kam ich nicht: „Wir sind voll“, sagte er knapp und damit war das Gespräch beendet. 

„Echte Berliner“ sind vom Aussterben bedroht. 46,2 Prozent der in Berlin Lebenden sind auch in Berlin geboren, das macht 53,8 Prozent der Leute in Berlin zu Zugezogenen. Und gerade im Nachtleben haben diese nicht den besten Ruf. „Ich schreibe ‚Zugezogene raus!‘ auf das Schaufenster von Zeit für Brot“, rappt SkiAggu, geboren in Wilmersdorf. In den Rap-Texten von Juju44 fällt die Bezeichnung „echte Berliner“ wie ein Mantra alle paar Zeilen, einmal singt sie: „Zieh her, wenn du Krieg willst“. Wenigstens relativiert sie es kurz danach ein wenig: „Zieh weg oder rauch mit“. Aber richtig willkommen fühlt man sich als gebürtige Saarländerin nicht. 

Heute weiß ich: An der Clubtür muss ich sagen, dass ich aus Berlin komme. Außerdem: Niemals auf die Idee kommen, einen Türsteher anzustrahlen. Und natürlich gibt es in der berühmt-berüchtigten Bar keine Gästeliste, das war nur eine Fangfrage, um mich und meine Freundinnen aus der Heimat als Neuankömmlinge zu entlarven. Dass ich damals, vor zwei Jahren, frisch hergezogen war, rochen Berliner auch gegen den Wind: Mit Alexander-McQueen-Schuhen und Skinny Jeans war nicht mal ein Gespräch nötig, um das ahnen zu können. Doch mittlerweile sind nicht nur meine Röhrenjeans verbannt und die Schuhe gegen Plateau-Boots von Demonia getauscht, sondern ist auch meine damalige Naivität verschwunden.

Meine erste Begegnung mit Ur-Berlinern fand in Australien statt, das neue Malle für Deutsche und die perfekte Gelegenheit, Menschen aus jedem Bundesland kennenzulernen. Es war irgendwo im Regenwald, in einem Hostel. „Meine Berliner Atzen würden hier steil gehen“, meinte Giulio zu seinem „Travel-Mate“ und später noch mal, als es in der Happy Hour ein Liter Cider für fünf Dollar gab: „Das ist so atzig“. Damals dachte ich, „atzig“ sei das Uncoolste was man sagen kann, heute weiß ich es besser: Ich war damals uncool, schließlich kam ich vom Dorf. Nun, eigentlich aus einer Kleinstadt, aber diesen Unterschied werden zumindest die Berliner niemals verstehen. Jede und jeder, der nicht gerade aus Hamburg, München oder Köln kommt, kommt für Berliner „Atzen“ vom Dorf.

Sweet Home Saarland: Nein, meine Eltern sind keine Geschwister

Ich kehrte meinem „Dorf“ – einem 45.000-Seelen-Ort namens Homburg – mit 19 Jahren den Rücken zu. Ich war fertig mit dem Saarland, dem Bundesland, in dem ich meine gesamte Kindheit und Jugend verbracht hatte. Ich selbst würde sagen, dass ich eine behütete Kindheit hatte. Und das stellte bis vor zwei Jahren auch niemand infrage. Bis mir in Berlin mit ernsthafter Besorgnis begegnet wurde, wenn ich mitteilte, wo ich ursprünglich herkomme. „Sind da nicht alle miteinander verwandt?“, war oft die erste Frage. Manchen rutschte statt „Ah“ sogar ein „Oh“ als Reaktion heraus. Ich merkte bald: Mit dem Saarland als Heimat kann ich hier nicht punkten. Am Saarland ist einfach rein gar nichts „atzig“.

Zuerst war ich zutiefst verstört über die Inzest-Vorwürfe, die mir innerhalb des Saarlandes nie begegnet sind – wie gesagt: behütet, ahnungslos, wie der Rest von Deutschland über das Saarland denkt – und irgendwann wahrhaftig bestürzt: Das war unser Image? Hätten wir nicht ein besseres Klischee abbekommen können? Nur, weil wir ein kleines Bundesland sind und „jeder jede kennt“, sind wir gleich eine große Familie? Manche vermuten auch, das Vorurteil käme davon, dass das Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg eine Zeit lang zu Frankreich gehörte, wo Inzest seit Napoleon straflos ist. Meine Lust, den Leuten mitzuteilen, aus welchem Bundesland ich stamme, sank mit jedem Mal. 

Ich spreche Hochdeutsch – oder nischt?

In meiner behüteten Kindheit wuchs ich außerdem mit dem Eindruck auf, ich spräche Hochdeutsch. Saarländer haben einen starken eigenen Dialekt, „unn mei Eldan han zum Klick mit mir ke saarlännisch g’schwätzt“. Ich weiß, es klingt furchtbar. Was ich aber nicht wusste: Ich vertausche trotzdem „ch“ und „sch“ miteinander, sage „Tich“ statt Tisch und „Küsche“ statt Küche. Berliner verstehen nicht, dass das zur moselfränkischen Mundart gehört, sondern denken, ich wolle einen bestimmen Slang sprechen. Den Rest gab mir eine Moderatorin aus Berlin, mit der ich ein Sprechtraining fürs Radio machte und die mich nach ein paar Minuten ziemlich barsch zurechtwies: „Könnten Sie bitte aufhören, so asozial zu reden?“ Autsch. Sie hat wirklich asozial gesagt.

Dabei wissen Berliner, zumindest in meiner Altersklasse, nicht viel über den Rest von Deutschland. Im Saarland gibt es laut ihnen nur eine Stadt – Saarbrücken – und mir wurde unironisch erklärt, was Zara oder H&M sei, mit der Annahme, dort gebe es so was nicht. Als ich jedoch bei einem Trinkspiel im Gleisdreieckpark fragte, was die Hauptstadt von Rheinland-Pfalz sei, lauteten die Antworten Köln, Hessen und Thüringen. Wer ist jetzt der Hinterwäldler? 

Na gut, meistens übernahm die Rolle doch ich. Aber trotz allem fühlte ich mich wohl. Angekommen in einer Stadt, in der sich Leute viel freier ausleben, fragte ich mich selbst zum ersten Mal: Wer will ich eigentlich sein? Und plötzlich trug ich schwarzen Eyeliner, schwarze Ledermäntel und Sonnenbrillen, auch wenn es dunkel war und verspürte den unerklärlichen Drang, meine Haare pechschwarz oder rot zu färben und mir ein Tattoo zu stechen. Nach und nach kam ich auch an jeglichen Türstehern Berlins vorbei. Statt im Bogarts, einer kleinen verrauchten Kneipe in Homburg, trank ich Espresso Martinis im Borchardts, merkte zum ersten Mal selbst, in welcher Bar die Touris nerven und verstand, warum das Berghain nicht jeden reinlässt und die Kameras abgeklebt werden. Es ist besser so.

Drogen sind normal, jeder raucht Kette, und monogame Beziehungen gibt es gefühlt nicht mehr. Berlin ist eine eigene Welt, da verliert man gerne den Anschluss an Restdeutschland. Aber ich fühle mich hier mehr zu Hause als im Saarland. Das soll nicht heißen, dass ich mich als „echten Berliner“ bezeichnen will – so etwas würde ich nie wagen! –, sondern seht es als Hommage an eure Stadt.

PS: Eure Sexpartys erinnern mehr an euer Saarland-Klischee als das Saarland selbst.

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