Berlin - Berlin, Stadt der Brücken. Allein rund 700 Bauwerke dieser Art gehören dem Land Berlin – von der fast 450 Jahre alten Jungfernbrücke über den Spreekanal in Mitte bis hin zu der Wohnüberbauung der Autobahn an der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf. Doch in welcher Verfassung sind diese Bauten? Dazu hat der Senat jetzt neue Zahlen herausgegeben. Es sei ein „erheblicher Instandhaltungsrückstau“ zu verzeichnen, teilte Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Katalin Gennburg und Kristian Ronneburg hin mit. Der Grünen-Politiker kündigte an, dass Ende des Jahres eine Datenbank scharf geschaltet wird, das die Erhaltung der Brücken erleichtern soll. Allerdings fehlt für den Betrieb des Systems Personal. Die Drucksache des Abgeordnetenhauses liegt der Berliner Zeitung vor.

Regelmäßig schauen sich Experten im Auftrag des Senats die Brücken in Berlin an, danach gibt es Noten. Eine Note zwischen 3,0 und 3,4 bedeutet: nicht ausreichender Bauwerkszustand. In der Liste, die Streese seiner Antwort auf die parlamentarische Anfrage beigefügt hat, haben 36 Brücken des Landes Berlin diese Bewertung bekommen. Mal ist das gesamte Bauwerk betroffen, mal nur einer von mehreren Überbauten.

„Standsicherheit erheblich beeinträchtigt oder nicht mehr gegeben“

Beispiele für diese Zustandsklasse sind die Schiffbauerdammbrücke (Note 3,0), die ebenfalls in Mitte liegende Mühlendammbrücke (3,4), die Dunckerbrücke in Prenzlauer Berg (3,0), die Eldenaer Brücke in Friedrichshain (3,4) sowie die Admiralbrücke in Kreuzberg (3,0) – vor Corona ein beliebter Treffpunkt nicht nur für Touristen, auch für Berliner. Mit einer Note von 3,0 steht auch die Mörschbrücke in Charlottenburg, die den stark befahrenen Tegeler Weg über den Westhafenkanal führt, auf dieser Liste. Die Sellheimbrücke in Karow ist dank der Note 3,0 ebenfalls dort zu finden, genauso wie die Rohrdammbrücke in Charlottenburg und die Spandauer Charlottenbrücke (beide 3,4).

Aus der Liste des Senats geht außerdem hervor, dass der Zustand von drei Brücken des Landes sogar als ungenügend bewertet wird. Dabei handelt es sich um die Moltkebrücke (3,5) im Regierungsviertel sowie um zwei Fußgängerbrücken: die Sellerbrücke in Wedding (3,5) und die Adlerbrücke (3,7) im Tiergarten. Eine Bewertung von 3,5 und schlechter bedeutet, dass „die Standsicherheit und/oder Verkehrssicherheit erheblich beeinträchtigt oder nicht mehr gegeben“ sind, so die offizielle Einstufung.

Ein neu entwickeltes Datenbanksystem soll den Verantwortlichen in der Senatsverkehrsverwaltung künftig dabei helfen, die Brücken des Landes zu erhalten. Allerdings fehlen für den Betrieb offenbar die nötigen Mitarbeiter. Zwar sei die Entwicklung des digitalen Erhaltungsmanagementsystem namens EMS-I „weit vorangeschritten“, teilte Staatssekretär Streese in der parlamentarischen Drucksache mit. Für die Einführung Ende 2021 sei Personal vorhanden. Doch für die dauerhafte Anwendung, Pflege und Auswertung der Daten seien „bisher keine personellen Daten zur Verfügung gestellt worden“, räumte der Senatspolitiker ein.

Für den Wiederaufbau der Waisen- und Brommybrücke fehlt Personal

Elf große Brückenbaumaßnahmen gibt es derzeit in Berlin – unter anderem Großprojekte wie den Neubau der Salvador-Allende-Brücke in Köpenick oder der Elsenbrücke, die zwischen Treptow und Friedrichshain die Spree überspannt. Viele kleinere Vorhaben kämen hinzu, so Streese. Aus seiner Auflistung geht hervor, dass für die kommenden Jahre bis 2030 rund 40 weitere Brückenprojekte in Berlin geplant sind. Dabei sind die Überführungen, die im Verlauf der geplanten Radschnellverbindungen entstehen, noch gar nicht mitgezählt.

Es gibt also einiges zu tun. Bedingt durch „jahrzehntelange Sparvorgaben für die Infrastruktur des Landes Berlin“ sei man mit der Instandhaltung in einen erheblichen Rückstand gekommen, teilte der Verkehrs-Staatssekretär weiter mit. Weil man sich zunächst auf den Erhalt bestehender Brücken konzentriere, könnten Wünsche von Bürgern und Politikern nach Neubauten vorerst nicht erfüllt werden.

Dies betrifft zum einen die Waisenbrücke, die einst unweit der Jannowitzbrücke die Spree in Mitte überspannte. Vor kurzem wurde mit einer Schiffsdemo der Wunsch nach der Wiederherstellung als Fuß- und Radwegeverbindung bekräftigt. Zum anderen geht es um die Brommybrücke zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, deren Wiederaufbau ebenfalls gefordert wird. Zwar sei dieses Vorhaben „grundsätzlich wünschenswert“, so Streese. Doch es könne nur mittel- bis langfristig umgesetzt werden – wenn genügend Personal vorhanden sei. Brückenbauingenieure sind rar.

Planer informieren Bürger über den Neubau der Westendbrücke an der A100

Auch an den Bundesautobahnen in Berlin stehen Brückenbauprojekte an. Prominentes Beispiel ist die Rudolf-Wissell-Brücke, die in Charlottenburg die stark befahrene A100 über das Spreetal hinweg führt. Die 930 Meter lange Überführung wird abgerissen und mit zwei Überbauten neu errichtet. Frühester Baubeginn: 2023.

Südlich davon steht die 243 Meter lange Westendbrücke auf der Liste, ein Spannbeton-Bauwerk aus dem Jahr 1963. „Die Brücke zwischen den Anschlussstellen Kaiserdamm und Spandauer Damm hat das Ende ihrer Lebensdauer erreicht und muss dringend erneuert werden“, teilt die Projektgesellschaft Deges mit. Für das Projekt muss die jetzige Fahrbahn in Richtung Dreieck Funkturm nach Westen verschoben werden, wofür in den Friedhof Luisengemeinde II eingegriffen werden muss. Am 3. Juni können sich Bürger bei einer digitalen Veranstaltung über den geplanten Ersatzneubau informieren.