Berlin - „Mit dem Gehirn denkt man, dass man denkt. Außerdem wird es für die Kopfschmerzen gebraucht. Es sitzt im Kopf direkt hinter der Nase. Wenn man niest, tropft es. Das Gehirn ist ein sehr empfindliches Organ. Die meisten Leute benutzen es deshalb nur ganz selten!“ – das schrieb ein Viertklässler in einem Schüleraufsatz, den ich im Internet gefunden habe. Er hat mich sehr zum Lachen gebracht.

Aber irgendwie stimmt es ja auch, was er schreibt. Zum Beispiel, wenn es um Corona geht. Nach vielen Monaten Pandemie glaubt man wirklich, dass manche Zeitgenossen ihr Gehirn „nur ganz selten“ benutzen.

Zwar zweifelt kein vernünftiger Mensch daran, dass man konsequent etwas gegen das Coronavirus tun musste. Mit AHA-Regeln und anderen Maßnahmen. Was mich von Anfang an aber nervte, sind jene Übereifrigen und Amts-Neurotiker, die den Regeln einen großen Schuss Irrationalität beigegeben haben. Und zwar überall, wohin man guckt.

Ein Bekannter aus dem Westen erzählte mir, dass man in seiner Stadt zwar Speiseeis am Stand kaufen könne. Die Becher würden aber vor der Übergabe an den Kunden extra in Alufolie eingepackt – wohl damit auf dem kurzen Weg über die Theke kein Virus draufhopse. Irrational!

Die Fernsehsendung „extra 3“ des NDR hat eine wahre Sammlung „realen Corona-Irrsinns“ angelegt. Man sieht zum Beispiel einen Bürgermeister, der den Skatepark seines Ortes mit Rollsplitt zuschütten ließ, weil die skatenden Jugendlichen nicht genügend Abstand einhielten. Den Unterschied zwischen drinnen und draußen haben manche bis heute nicht verstanden. Hauptsache Aktionismus!

Da ist die Frau aus Neuss, die vor einem Café den dort gekauften Kaffee nicht trinken durfte, weil per Corona-Verordnung eine Verzehr-Sperrzone von 50 Metern rund um gastronomische Einrichtungen gezogen worden war. Nachdem die Frau 50 Meter gelaufen war, stand sie vor einem anderen Café. Aber das war völlig egal.

In den schottischen Highlands verfolgten Sicherheitskräfte mit Drohnen einsame Spaziergänger auf gottverlassenen Klippenwegen, weil man nur „nach draußen“ gehen sollte, wenn man „wirklich einen Grund“ dazu hatte. Dass es in Pandemiezeiten nichts Besseres geben kann als einsame Spaziergänger auf gottverlassenen Wegen, drang nicht ins Hirn der Ordnungshüter. 

Die hiesige Ausgangssperre war auch so ein Ding. In Berlin durfte man zwar bis Mitternacht draußen spazieren gehen, aber nicht mit dem Partner, mit dem man sonst den ganzen Tag in der Bude hockte. Ja gut, mit Hund ging. Also kam meine Frau auf die Idee, mich an die Leine zu nehmen, damit ich neben ihr auf allen Vieren herumkrabble.

Man sollte aber mit dem Finger nicht nur in eine Richtung zeigen. Hier ein ganz anderes Beispiel: Monatelang liefen Leute ohne Atemmaske herum, weil diese a) nichts nütze und b) gefährlich sei. Plötzlich aber setzen sie eine auf. Und zwar, um sich vor gegen Corona geimpften Personen zu schützen. Die sollen angeblich gefährliche Proteine absondern.

Ja, es stimmt. Das Gehirn sitzt direkt hinter der Nase. Und wenn man niest, tropft es.

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