Eigentlich könnt ihr gar nichts falsch machen“, hatte meine Freundin Frieda gesagt. „Ihr müsst nur rechtzeitig auf Hunger hören, ordentlich essen; wenn eine Kaufhalle kommt, viel Wasser kaufen und bei Problemen nicht gleich die Nerven verlieren. Und rechtzeitig die Unterkunft reservieren.“

Eine Fahrradtour. Das ist der Plan. Entlang der ehemaligen „Oder-Neiße-Friedensgrenze“, auf den Spuren der „Friedensfahrt“, der Tour de France des Ostens. 500 Kilometer sind es von Zittau, wo wir starten, bis zur Ostsee. Mal sehen, wie weit wir kommen.

Auf dem Oder-Neiße-Radweg

Auf jeden Fall bis Guben. Meine Großmutter war dort während des Zweiten Weltkriegs als Schauspielerin am Stadttheater engagiert. Vor einem Jahr habe ich einen Roman über sie geschrieben. Er heißt „Im Sommer wieder Fahrrad“. Jetzt ist der Name Programm.

Wir haben eine Woche Zeit. Radwanderkarte und Fahrradtaschen haben wir uns geliehen, neue Räder und Radlerhosen gekauft. Wir sind auf alles vorbereitet. Dachten wir.

Tag zwei der Tour, 17 Uhr Ortszeit – wir haben etwa achtzig Kilometer hinter uns – an einem Ortsausgangsschild irgendwo in der Lausitz: Der Ehemann und ich sind komplett ausgehungert und völlig erschöpft, in den letzten drei Dörfern war keine Imbissbude zu finden, jetzt stehen wir an der Bundesstraße und brüllen uns über den Lärm der  neben  uns vorbeirauschenden Lastwagen hinweg an, während wir, weil an der Stelle gerade ausreichend Netzabdeckung ist, mit wachsender Verzweiflung versuchen, telefonisch eine Unterkunft zu reservieren.

Hungrig in Brandenburg

„Das war eine absolute Scheißidee“, brüllt Paul, nachdem die dritte freundliche Dame in Bad Muskau bedauernd verneint hat. „Wir hätten viel früher reservieren müssen!"

„Wir hätten in Rothenburg was essen müssen!“, brülle ich zurück.
„Du wolltest doch weiter!“, schimpft er.

„Du doch auch!“, rufe ich. Ein Laster scheppert vorbei. „Ich hab ja wenigstens Kekse gegessen!“, huste ich durch den Staub hindurch, „ Wenn du nicht immer so scheißasketisch bis zur nahenden Ohnmacht warten würdest, eh du mal Nahrung zu dir nimmst, dann hättest du jetzt auch nicht so eine Kacklaune! Und jetzt nimm endlich dein Koks!“

Ich halte ihm ein weißes Tütchen hin. Widerwillig nimmt er es mir aus der Hand, reißt es auf und kippt sich das weiße Pulver in den Mund.
Sportmineralien.

Ich habe in Görlitz eine Packung in der Drogerie erstanden. Zusammen mit glutenfreiem Brot und Reismilch. Mit Lebensmittelunverträglichkeiten durch Sachsen und Brandenburg zu reisen, ist ein Abenteuer für sich. „Armes Leachen“, hatte Frieda vorher gesagt, „wahrscheinlich wirst du dreimal täglich Bauernfrühstück essen.“ – „Geht ja nicht“, hatte ich erwidert, „ist ja Milch drin.“

"Haben Sie Sojamilch?"

Ich bin nicht stolz auf meine Gluten- und Laktoseunverträglichkeit. Sie ist mir im Gegenteil sogar ziemlich peinlich, weil Allergien so eine blöde Modeerscheinung sind, mit der sich Leute interessant machen, die sonst keine Probleme haben. Aber mich erleichtert es einfach unfassbar, endlich zu wissen, warum ich mein halbes Leben lang Bauchschmerzen hatte. Und die würde ich nun gerne vermeiden.

„Entschuldigung, haben Sie laktosefreie Milch oder Sojamilch oder sowas?“ Die alternativ aussehende Bedienung mit Rastalocken und Wickelrock im mit AfD-Plakaten zugekleisterten barocken Zentrum von Görlitz mustert mich von oben bis unten und wendet sich missbilligend ab: „Nee, haben wir nicht. Und wir führen auch keine Light-Produkte.“
Ich werde viel Fleisch mit Pommes in dieser Woche essen und den Kaffee trinke ich schwarz.

„Ja, Hunger macht böse!“, lacht am zweiten Tag die nette Wirtin in dem kleinen Kaff an der polnischen Grenze. Sie serviert Schnitzel mit Pommes für Paul und panierten Fisch mit Pommes für mich. Die Panade soll ich mir abmachen. Eigentlich steht auf der liebevoll laminierten Speisekarte auch noch Seelachsfilet, aber das führen sie nicht mehr. „Des isst ja keena.“

Radfahrer unter sich

Wir sind geduscht und umgezogen und sitzen zufrieden in dem winzig kleinen Biergarten, umgeben von mannshohen Bretterwänden, behütet von riesigen Sonnenschirmen. Es ist fast, als würde man drinnen sitzen, nur mit mehr Frischluft. Am großen Tisch neben uns hocken die Männer des Dorfes. Sie tragen Trainingshosen und Feinrippunterhemden. Rechts hinten in der Ecke nippt ein Pärchen am Hagebuttentee. „Auch Radfahrer!“, raunen wir abschätzig.

„Und? Wie weit seita jefahrn heute?“, fragt uns einer der Männer im Feinripp.

„65 Kilometer“, sage ich stolz. „Nu ja“, sagt der Feinrippige mit demselben Gesichtsausdruck, den meine Deutschlehrerin früher für Gedichtvorträge übrig hatte, die nach der zweiten Strophe abbrachen.
Das Gasthaus ist ein „bett&bike“. Die Unterkunft im 80er-Jahre-Jugendzimmer unterm Dach kostet 25 Euro, das Frühstück pro Person sieben, die warme Mahlzeit aus der Tiefkühltruhe sechs fünfzig. Aber das Bier ist frisch gezapft. Es heißt ja schließlich  „Biergarten“. Es gibt auch Weißwein. In Viertelliterflaschen. „Sowas trinkt hier keiner“, sagt die Wirtin.

Die große Oder-Flut

Irgendwann sieht einer der Männer auf seine Armbanduhr und sagt: „Genau jetzt vor sieben Jahren stand bei uns das Wasser bis an die Türschwelle. Am 8.8.2010 um 20 Uhr 10. Dis hab ich mir gemerkt.“ Das ganze Dorf war eingeschlossen, bis auf den Waldpfad, über den wir gekommen sind.

Am 7. August 2010 gegen 18 Uhr war der Witka-Staudamm im nahe gelegenen Niedów in der polnischen Oberlausitz gebrochen. Regenfälle hatten den Stausee überflutet. Die Flutwelle ergoss sich die Witka hinunter über die Neiße bis in den Berzdorfer See. „Da sind wir doch heute lang gefahren!“, sage ich leise zu Paul. Er nickt. Der Berzdorfer See ist ebenfalls ein Stausee, der größte in ganz Sachsen, 72 Meter tief, fünf Kilometer lang, zwei Kilometer breit, das Wasser königsblau. „Das ist ja wie Ostsee!“, hatte ich Paul zugerufen, total begeistert.

Dann waren wir nach Deutsch-Ossig gekommen, beziehungsweise dem, was davon übrig war. Das Dorf war das letzte, das dem riesigen Braunkohle-Tagebau weichen musste, der dem See zugrunde liegt. Wie ein riesiges Ungeheuer hatte der Tagebau Dörfer, Wiesen und Wälder verschlungen.

Die Dorfbewohner winken ab. „Ach. Den Leuten ging es doch gut“, sagen sie. „Die sind doch umgesiedelt worden. Vattenfall habe denen zuletzt horrende Summen gezahlt, Drei-Seiten-Höfe hingestellt, wunderschön! In den Sechzigern, zu DDR-Zeiten, da war das anders. Da wurden die Leute einfach aus ihren Höfen raus in Neubaublocks gesteckt. Die Hälfte von denen hat sich totgesoffen.“

„Und bis dahin ging die Flutwelle?“, frage ich ungläubig. „Nu“, sagen die Männer und nicken bedächtig. Sieben Meter habe das Wasser bei ihnen erreicht. Normal sei etwas über einen Meter um die Jahreszeit. Im Kloster St. Marienthal bei Zittau, wo wir letzte Nacht geschlafen haben – ein barockes Ungetüm in Weiß, Rosa und Gold – war die Wasserkante an der Mauer vermerkt. Es stand den Zisterzienserinnen bis zum Hals.

Jenseits der Neiße

Wie sie sich eigentlich mit den Polen verstünden, wollen wir wissen, den Leuten vom anderen Ufer. Mitten im Dorf führt eine Brücke über die Neiße in ein polnisches Dorf.

Gut, heißt es einstimmig. „Hier wird auch nicht mehr geklaut als anderswo.“ Die Freiwillige Feuerwehr und die Kindergärten beider Orte pflegen Partnerschaften. Die deutschen Kinder lernten sogar polnisch. Alles wunderbar. Und plötzlich reden wir über Politik. „Die ganzen Flüchtlinge!“ Zwei andere verdrehen die Augen. „Jetzt hör do uff mit den Quatsch.“ Trotz unterschiedlicher Meinungen sitzen die Männer fast jeden Abend zusammen. Was willste auch machen in so ’nem kleinen Dorf. Außerdem haben Worte und Meinungen im Alltag der meisten Menschen lediglich Unterhaltungswert. „Wir brauchen wieder eine Diktatur“, posaunt einer, der später dazu gekommen ist. Der Dorfnazi. Braunbär nennen sie ihn hier. „Und die Polizei muss Waffen tragen“, keift er. „Die müssen einfach ma hart durchgreifen. Und das ganze Pack...“ Sein rechter Arm wedelt schon so komisch.

Wir sitzen bis ein Uhr nachts und reden mit den Männern. Zuletzt predigt nur noch der Braunbär. Erzählt die Wehrmachtsgeschichte seines Vaters. Russische Gefangenschaft. Nichts, was nicht tausende andere auch erlebt hätten. Und dann erklärt er, warum das „amerikanische Finanzjudentum“ und die Flüchtlinge daran schuld seien, dass Dresden seinen Weltkulturerbe-Status verloren hat. „Unter Adolf hätt’s sowas nich jegeben.“

Paul und ich lauschen angewidert fasziniert. Normalerweise vermeiden wir Kontakt zu Leuten, die solche Meinungen laut äußern. Aus Selbstschutz. Aber hey, wir haben Urlaub, warum nicht mal bis ein Uhr nachts mit einem Nazi saufen. Als ich von Mütterchen erzähle, meiner Großmutter, die meinen jüdischen Großvater 1945 aus dem Arbeitslager rettete, fängt er an, mir vorzurechnen, die Nazis hätten gar nicht sechs Millionen Juden vergast, sondern höchstens viereinhalb. Wir gehen schlafen.

Am nächsten Morgen beim Frühstück erzählt die Wirtin, die Frau des Braunbären arbeite mit Flüchtlingen. Das ist dieser merkwürdige Gegensatz zwischen dem, was Leute als ihre Meinung vertreten und dem Alltag, den sie leben.

„Toilettenbenutzung 50 Cent“

Wir fahren weiter. Es ist unser dritter Tag auf dem Rad. Vielleicht schaffen wir es heute bis Guben.
Kilometer 110. Bad Muskau. „Toilettenbenutzung 50 Cent“ steht an der halb vergammelten Klotür eines maroden Imbisses, der in groteskem Gegensatz steht zu der Eleganz des Weltkulturerbe-Landschaftsparks Fürst Pücklers, der kurz dahinter beginnt. Hier sind EU-Gelder geflossen, dort versucht man, aus dem Harndrang der Touristen Profit zu schlagen.
Pückler ist berühmt für die Eiscremekombination Vanille-Schoko-Erdbeer, war Bestsellerautor von Reiseliteratur und Landschaftsgärtner.

„Wieso müssen wir jetzt hier eine vierzehn-Prozent-Steigung raufstrampeln, wenn wir sowieso die ganze Zeit Fahrrad fahren?“, nörgelt Paul. „Na, wegen der Sichtachse, Mensch!“, sage ich. Der Blick über den Park mutet an wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Es gibt einen Aussichtspunkt mit Steinbank, auf der wir uns niederlassen. In der Ausstellung im Schloss gab es einen „Liebesbrief-o-mat“, weil der Fürst so ein feuriger Liebhaber war. Nur einige Hebel bedienen – Mann oder Frau, junge oder alte Liebe, Sehn- und/oder Eifersucht, Dankbarkeit, Abschied und ein dunkles Geheimnis – fertig ist der Liebesbrief! In dem von Paul an mich steht drin, dass er vor lauter Sehnsucht nach mir leider ständig mit anderen Frauen in die Kiste springt. Na prima!

Kilometer 150 auf dem Oder-Neiße-Radweg

Wir fahren weiter. Vom anderen Neißeufer blinken Wellblechhütten herüber. „Zigaretten“ steht in Leuchtschrift über die gesamte Breite eines Containers geschrieben. Deutsche Autos stehen Schlange. Unser Weg führt den Deich entlang. Bäume, Wiesen, Störche. Ich mag die schwarz-rot-gelb gestreiften Grenzsäulen, die von Zeit zu Zeit aus dem Grün hervorstechen. Man kommt sich vor wie ein Zimmermann auf der Walz.

In Forst bei Kilometer 150 fallen wir wieder fast vor Hunger von den Rädern. Erfahrungsresistent, würde Frieda sagen. In einem griechischen Restaurant schaufeln wir dankbar das fettige Essen in uns hinein. Es ist gerade 17 Uhr. Ich bin hundemüde. Nach Guben kommen wir heute nicht mehr.

Das Zeitgefühl ändert sich beim Fahrradfahren, der Rhythmus ändert sich. Zuhause komme ich morgens vor neun Uhr nicht aus dem Bett, in diesem Urlaub warte ich ab halb acht ungeduldig, wann es endlich Frühstück gibt, damit wir weiterfahren können. Abends bin ich quasi schon eingeschlafen, bevor ich überhaupt im Bett liege.

Als romantischer Pärchenurlaub ist eine solche Radtour dementsprechend ungeeignet. Trotzdem mag ich dieses Luxusnomadentum, schon deshalb, weil wir so gut wie ohne Gepäck reisen. Unsere Radlerhosen und Sport-Shirts waschen wir jeden Abend im Waschbecken aus und ziehen sie morgens wieder an. Manchmal föhnen wir sie noch trocken. Wenn ein Fön da ist. Die eine Garnitur Zivilisationskleidung, die jeder von uns dabei hat, tragen wir täglich nur zwei Stunden, von nach dem Duschen in der Unterkunft bis zum Schlafengehen. Make-up habe ich gar nicht erst eingepackt.

Mondlanschaften und Pferdebremsen

Am vierten Tag, nach 160 Kilometern, kommen wir zum Tagebau Jänschwalde. Die Weite dieser Mondlandschaft verschlägt mir die Sprache. Sand, Bagger, Schienen. „Wie so’n Endzeitfilm“, murmelt Paul. Zur Erholung gucken wir uns die kleine Wehrkirche von Grießen an. Die Feldsteinmauern sind meterdick, die neue Kirchturmglocke wurde von Vattenfall gespendet. „Die müssen uns ja immer was geben dafür, dass sie hier baggern dürfen“, sagt die Dame von der Gemeinde fröhlich, die zufällig da ist und uns die Geschichte der Kirche erzählt.

Jetzt geht es wirklich nach Guben. Der Weg wird flacher. Langweiliger. Meistens fährt Paul vorneweg, ich strampele hinterdrein, jeder in seinem Tempo. Manchmal, wenn der Weg breit genug ist, fahren wir nebeneinander und reden. Aber nur vormittags. Je größer die körperliche Erschöpfung im Verlauf des Tages wird, desto hirnloser werden die Gesprächsthemen. Zum Beispiel, ob man Pferdebremsen – diese biestigen Mistviecher! – nicht in Radlerbremsen umbenennen sollte, da sich das Ungeziefer doch heutzutage wahrscheinlich viel häufiger am Blut strammer Radfahrerwaden labt als an dem zarter Pferdeschenkel. Kurz vor Guben werden wir überholt. Zwei fröhlich klingelnde Rentner düsen vorbei, breit lächelnd, aufrecht sitzend, kein Tröpfchen Schweiß auf der Stirn. „Das sind Elektroräder!“, rufe ich Paul zu. Er ist sehr erleichtert.

Gurkeneis, das nach Zitrone schmeckt

Kilometer 180, Guben. Die Sonne scheint, es gibt Steak mit Pommes und grünes Gurkeneis, das genauso schmeckt wie das Zitroneneis zu DDR-Zeiten.

Wir suchen das Haus, in dem Mütterchen von 1940 bis 1945 gewohnt hat. Bis sie zu ihren Schwiegereltern nach Berlin floh, bevor die Rote Armee Guben in Schutt und Asche legte. Kurmärkische Straße 37, Aufgang III. Das weiß ich aus den Briefen meines Großvaters, die er ihr aus dem Arbeitslager geschrieben hat. Sie hat sie auf der Flucht gerettet.

In der Touristeninformation finden wir einen historischen Stadtplan. Die Kurmärkische heißt heute Berliner. Hausnummer 37 ist ein herrschaftliches rotes Backsteingebäude. Es gibt einen Seitenflügel, aber nur zwei Aufgänge im Hof. Vielleicht gehörte der dritte zu einem Hinterhaus, das weggebombt wurde. Ein Schauder rinnt mir den Rücken hinunter. Sie wollte erst gar nicht fliehen. „Ich war doch immer Anti-Nazi“, erzählte sie mir, „Ich dachte, ich hätte nichts zu befürchten.“
Jetzt hängt ein NPD-Plakat vor dem Haus. Wie überall in der Stadt. Paul macht ein Foto.

Von hier an entspricht unser Radweg in etwa der Fluchtroute meiner Großmutter, nur dass sie ihn zu Fuß zurückgelegt hat. Im Februar 1945. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, das Wetterleuchten des Krieges immer am Horizont. Und dass sie bis zur Ostsee musste, bevor sie den Schlenker zurück nach Berlin machte. Fast vier Wochen hat sie gebraucht. Sie hätte nicht gedacht, dass ein Mensch so frieren kann, hat sie mir erzählt.

72 Jahre später sitzt ihre Enkelin samt Ehemann in dem wiederaufgebauten Portal des Theaters, das es nicht mehr gibt und an dem sie so glücklich war, und telefoniert mit einem Mobiltelefon, um eine Unterkunft für die Nacht zu buchen. In Neuzelle. Bier-Kur-Hotel. Ich denke an Zimmerservice und Wellnessbereich, Schwimmbad und Drei-Gänge-Menü. Mir tut auch langsam der Hintern weh. Vielleicht gibt es sogar Sojamilch!

Noch dreißig Kilometer

Ja, sie haben ein Zimmer, knapp 90 Euro die Nacht. „Aber unsere Küche schließt um 19 Uhr. Sie müssten unterwegs noch was essen.“
„Kein Problem“, sage ich, „wir finden sicher noch was. Sind ja noch dreißig Kilometer.“

Pustekuchen! Rainald Grebe hatte Recht. „Nimm dir Essen mit, wir fahr’n nach Brandenburg!“ Zum Glück besteht der Inhalt meiner Fahrradtaschen zum Großteil aus Reiscrackern, Studentenfutter und Sojaquark. Ich habe den Stoffwechsel eines Kleinkindes. Wenn ich nicht alle zehn Kilometer was esse, falle ich um.

Kilometer 210. „Könnten Sie uns Geschirr geben?“, fragen wir freundlich, als wir gewaschen und umgezogen an der Rezeption des Kurhotels stehen. Wir waren um zwanzig nach sieben da. „Ich hatte Ihnen ja gesagt, dass die Küche nur bis 19 Uhr geöffnet ist“, sagt die junge Frau, die ich vorhin am Telefon hatte. Sie trägt ein Dirndl. „Wir wollen ja nur Geschirr“, sagen wir. „Na ja. Ungern“, sagt sie und seufzt schwer. Ich muss kurz blinzeln. Ich bin diese Serviceverweigerungshaltung speziell Nordostdeutschlands einfach nicht mehr gewohnt.

Immer noch keine Sojamilch

Am Frühstücksbuffet am nächsten Morgen gibt es keine Sojamilch. Ich verzehre stattdessen den Großteil des Rühreis und baue Marmeladentürme auf die Reste meiner Reiscracker. Ein Aufsteller thront auf unserem Tisch. Es ist eine Preisliste mit dem Titel „Wenn Sie sich etwas mitnehmen möchten: Belegte Brötchen/Brote, selbst belegt 1,30 €; von uns für Sie vorbereitet 1,60 €; Apfel, Ei, Stück 0,50 €.“
Meine Großmutter hat später auf ihren Reisen als Rentnerin immer Stullen vom Frühstücksbuffet mitgehen lassen. Ich hoffe, es waren richtig viele!

Auf unserem Zimmer war auch ein Schild. An der Minibar. „Wir bitten Sie, hier keine mitgebrachten Speisen und Getränke zu kühlen. Ansonsten müssen wir eine Gebühr von fünf Euro erheben.“
„Warum wird man hier eigentlich die ganze Zeit behandelt wie ein Kleinkind?“, frage ich Paul. „Ich meine, wir zahlen 90 Euro für das Zimmer. Wir hätten mit Kusshand noch mal 60 für ein gutes Abendessen draufgelegt, aber stattdessen wollen sie einen Euro für ein Ei haben!“

„50 Cent“, korrigiert mich Paul. „Wir wollen nicht übertreiben.“
Wir besichtigen das Kloster. Die spätbarocke Stiftskirche erinnert an die Dekoration einer Buttercremetorte. Wirklich beeindruckend sind die Passionsbilder im Kreuzgang aus dem achtzehnten Jahrhundert. Wie überlebensgroße Scherenschnittfiguren wurden bemalte Holztafeln mit Spruchbändern zur Passionszeit in der Kirche aufgebaut. 15 Szenen, bestehend aus mehreren hundert einzelnen Tafeln, die während der gesamten Fastenzeit vor Ostern eine nach der anderen auf und wieder abgebaut wurden. Wie ein Live-Krimi zum Mitbeten. Passion in Echtzeit. Gruselig! Die Tafeln werden jetzt restauriert. Immer zwei können im klimatisierten Museum des Klosters besichtigt werden.

Die Neiße hinter sich lassen

Auf nach Eisenhüttenstadt. Die Neiße haben wir schon gestern hinter uns gelassen. Sie mündet irgendwo vor Neuzelle relativ unspektakulär in die Oder. Kann aber auch sein, dass ich einfach nur pinkeln musste. Das lässt sich nämlich auf den Oderdeichen weitaus schwieriger bewerkstelligen als auf denen an der Neiße. Kilometer um Kilometer geht es schnurgeradeaus. Kein Wald nirgends, in dem man sich mal dezent hinhocken könnte. Und wenn doch, sind überall Brennnesseln.
„Bei der Tour de France steigen die Fahrer ja gar nicht mehr ab zum Pinkeln“, sagt Paul. „Untersteh dich“, sage ich.

Und dann die Mücken! Hat man denn mal ein Plätzchen gefunden, im Schatten eines Baumes, mit Aussicht auf die Oder, freuen sich auch schon drei Milliarden Stechmücken über das zusätzliche Stückchen Haut, das ihnen dargeboten wird. Gemütlich ist anders.

Kilometer 230. In Eisenhüttenstadt sieht es aus wie in Berlin am Frankfurter Tor, nur trostloser. Stalinbauten, Jobcenter, Aldi, Netto. Die MLPD hat großflächig plakatiert. Ich wusste nicht mal, dass es die überhaupt noch gibt. Für den Abend ist Regen angesagt, wir fahren schnell weiter. Malerische Fabrikruinen säumen den Weg. Als der Regen kommt, sind wir in Frankfurt.

Kilometer 250. Lindgrün leuchtet ein Hotel zu uns herüber. „Haben Sie ein Doppelzimmer frei für eine Nacht?“ – „Leider nur Einzelzimmer“, sagt die nette junge Frau an der Rezeption. Ich bin den Tränen nahe vor Erschöpfung. „Aber warten Sie“, schiebt sie nach, „ich rufe in unserem Partnerhotel an, ob die noch was frei haben.“ Es wäre vermessen, zu behaupten, ich wüsste, wie sich meine Großmutter bei ihrer Ankunft im Berlin Ende Februar 1945 gefühlt hat, aber ich spüre den Hauch einer Ahnung davon.

Endlich Sojamilch!

In der Nacht schlägt das Wetter um. Am nächsten Morgen ist es kalt und unwirtlich und wir beschließen, zurück nach Hause mit dem Zug zu fahren. Nach dem Frühstück. Nachdem wir das Kleistmuseum besichtigt haben, die beste Literaturausstellung, derer ich jemals ansichtig werden durfte. Sie beginnt mit den Schriften Kleists, mit der Art, wie er seine Kommas setzte. Labyrinthartige Räume, deren Wände einem Textfragmente zuraunen, wenn man vorbei läuft. Man sollte Schulklassen hindurch jagen! Redakteure! Lektoren!

„Sagen Sie, hätten Sie zufällig laktosefreie Milch oder Sojamilch oder sowas?“, frage ich die Kellnerin am letzten Morgen am Frühstücksbuffet. Sie verdreht gequält die Augen. „Hach Mensch, das tut mir so leid, wir haben nur Vanille und Schoko!“ Mir fällt die Kinnlade runter. „Wie jetzt?“ „Sojamilch“, sagt sie freundlich, „haben wir nur noch in den Sorten Vanille und Schoko. Die normale is gestern alle gegangen.“

Ich fange an zu lachen. Nachmittags radeln wir zum Bahnhof und fahren nach Berlin.
Meine Großmutter hat auf ihren Reisen als Rentnerin zu DDR-Zeiten übrigens stets Reisetagebuch geführt. Und egal, ob sie in New York, Island oder Moskau unterwegs war, ihre Beschreibungen drehten sich eigentlich immer nur ums Essen und die Unterkünfte. Und um die Duschvorhänge. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Korrektur: In einer früheren Version des Textes war von "Schlagbäumen" auf dem Oderdeich die Rede. Gemeint waren "Grenzsäulen".