Auf dem Kottbusser Damm prallen Welten aufeinander. Noch gibt es viele Ramschläden, die Alltagsgegenstände zum kleinen Preis verkaufen. Doch einige Hipster-Cafes, teure Bio-Supermärkte und angesagte Restaurants haben ebenfalls schon Fuß gefasst. Zwischen Kottbusser Tor und Hermannplatz können sich alteingesessene Ladenbetreiber die Mieten nicht mehr leisten, während sich Selfemade-Hipster über günstige Mietpreise freuen, um neue Konzepte in Kreuzberg auszuprobieren.  

Wir haben drei Menschen vom Kottbusser Damm besucht. Ein Ehepaar, dem gerade ihre Lebensgrundlage, ihr Kleidungsgeschäft gekündigt wurde, einen Gastronom, der einen hippen Laden aufgemacht hat und einen alteingesessenen Händler, der seit 26 Jahren den Kottbusser Damm beobachtet. 

Der Neue – Patrick Walter betreibt die Eggkneipe  

Patrick Walter läuft durch seinen Laden und balanciert dabei ein dunkles Holzbrett – darauf: eine dampfende Suppe und knusprig getoastetes Brot. „Für den Apotheker nebenan“, sagt er und stellt das Tablett kurz vor der Tür auf einen Tisch. Er macht mit seinem Handy noch schnell ein Foto von dem Gericht.

„Bin gleich wieder da“, sagt Walter. Er trägt Mütze, Wollpulli und Schnürstiefel. Er ist einer der Neuen am Kottbusser Damm. Eigentlich ist der 37-Jährige Fotograf, lange hat er hauptberuflich Bilder von Models und Musikern gemacht. Eine Zeit lang lebte er in Paris. Vor zwei Jahren wollte er einen Richtungswechsel: etwas anderes machen, raus aus der Hochglanz-Welt, weg vom Chichi.

Also eröffnete er im November 2017 mit einem Freund, einem Designer, die Eggkneipe, kaum 50 Meter von Kamil Moden entfernt, nah dran am Landwehrkanal und der „Ankerklause“, wo im Sommer vor allem Pärchen und Gruppen von jungen Leuten mit Blick aufs Wasser trinken und quatschen.

Kunden werden überschwänglich auf Deutsch oder Englisch begrüßt

Die Kneipe ist winzig, aber mit Stil eingerichtet: Das Interieur, auch in der Küche, besteht aus dicken, dunkelbraunen Holzbohlen, an der Wand hängen gerahmte Bilder, groß und klein, in scheinbarer Unordnung sorgfältig drapiert.

Die Angebote des Tages schreibt Walter selbst mit Kreide auf die Tafel vor der Tür, Kunden begrüßt er überschwänglich auf Deutsch oder Englisch – viele kennt er bereits persönlich. Jedes Gericht auf der Karte kann er in seine Zutaten zerlegen und gerät rasch ins Schwärmen: über das Kastanienmehl für die Wraps, das extra aus Süddeutschland geliefert wird, oder den selbst gemachten Ingwer-Sud, aus dem die Limonade des Hauses entsteht. „Alles nachhaltig, bewusst, glutenfrei“, sagt Walter über seine Produkte. „Wir machen keine Kompromisse.“ Das preiswerteste Sandwich kostet 5,50, das teuerste 7 Euro.

Hipster-Läden – so nennen die Gewerbetreibenden, die schon lange am Kottbusser Damm arbeiten, die neuen Cafés, die Burger- und Donutläden, die hier nun entstehen. Oft schwingt dabei auch eine große Portion Angst mit. Die Angst davor, verdrängt zu werden, von jener Gruppe von Leuten, die Prenzlauer Berg und gute Teile von Kreuzberg mit ihrer aufwendigen Gastronomie schon fest in der Hand haben.

Wie viel Miete er zahlt, will Walter nicht sagen

Dabei geht es Walter mit der Eggkneipe nicht besser als den anderen hier. Wie viel Miete er zahlt, will er nicht sagen. Doch der Laden ist neu am Kottbusser Damm, und die Lage in direkter Nähe des Landwehrkanals ist besonders beliebt. Und so nutzen die meisten Vermieter jeden Um- und Neueinzug für drastische Erhöhungen. „Die Mieten in der Straße sind einfach zu hoch“, sagt Walter. „Da kann der Laden so schön sein, wie er will – am Ende des Tages müssen auch die Zahlen stimmen.“

Auf den wenigen Quadratmetern gibt es nur vier Sitzplätze auf hohen Hockern. Im Sommer stellt er draußen noch zwei Stehtische auf. Zum Mittagessen seien die Plätze immer vergeben, sagt er, das Geschäft laufe dann sehr gut. Doch nun im Winter, bei Kälte und Frost, fallen die Plätze draußen weg. Das Geschäft beschränkt sich auf den kleinen Innenraum und die Kunden, die ihr Essen in hellbraunen Bio-Papier-Tüten mitnehmen – „to go“ eben.

Auch Walter beobachtet die Entwicklung am Kottbusser Damm mit Sorge. Er glaubt, dass die neuen Läden neue Ideen bringen und Veränderungen, die gut sind für den Kiez. Aber er bezweifelt, dass sie bei den hohen Kosten bleiben werden. „Wir werden sehen, ob sie sich halten können.“

Die Gekündigten – Familie Qadri betreibt ein Bekleidungsgeschäft

Vor der Tür hängen auf zwei Stangen Leggins, Röcke und Tücher, die etwa zehn Euro das Stück kosten. Doch die Sonderangebote sind nicht der Blickfang des Geschäfts namens Kamil Moden. Denn mehrere selbstgemalte Transparente hängen darüber und verdecken die gesamte Glasfront. Darauf steht: „Stoppt die Verdrängung! Jetzt!!!“ Es ist ein Hilferuf – und zugleich ein trotziger Protest.

Die Besitzer des Ladens sollen raus aus ihrem 60 Quadratmeter großen Geschäft. Dabei sind Joanna Poplawskaja-Qadri und ihr Mann Hassan Qadri im Kiez seit 17 Jahren eine feste Größe. Die Polin und der Pakistani haben sich spezialisiert: Vor allem Frauen aus der türkischen und arabischen Community kaufen bei ihnen ein. Die Qadris führen Tücher in Dutzenden Farben; Röcke und Hosen haben sie auch in Übergrößen. Der findige Qadri hat früher Stoffe gleich um die Ecke auf dem Markt am Maybachufer verkauft und sich notiert, was seinen Kundinnen fehlte.

Die Familie ist in der Nachbarschaft perfekt vernetzt. Am diesem Tag bringt ein Mann zur Mittagszeit Tupperware zurück und redet mit Poplawskaja-Qadri über seine krebskranke Frau. Eine gebürtige Bosnierin mit grauem Kopftuch erzählt, dass ihr vor kurzem gekündigt wurde. Eine türkische Familie lädt den Schulranzen ihrer Tochter hinter der Theke ab, weil sie noch einkaufen will. Ein Obdachloser kommt in den Laden herein, Joanna Poplawskaja-Qadri reicht ihm 50 Cent, die neben der Kasse bereitliegen. Ein tägliches Ritual. Kiez-Kultur in Reinform.

„Der will hier ein Café machen“

Das Geschäft laufe stabil, die Miete werde zuverlässig gezahlt, sagen die Qadris. Dennoch hat ihr Vermieter, ein Privatmann, ihnen im Sommer die Kündigung ausgesprochen – zu Ende Dezember. Einen Grund habe ihr Vermieter nicht genannt. Auch auf Nachfrage der Berliner Zeitung reagiert er nicht. Joanna Poplawskaja-Qadri vermutet, dass er den alten Laden und die alte Kundschaft nicht mehr haben will.

„Der will hier ein Café machen für die jungen Leute, für die Touristen. Schicker, hipper, teurer.“ Rechtlich ist dies vermutlich in Ordnung. Die Qadris hatten einen unbefristeten Vertrag mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten, die der Eigentümer eingehalten hat. Doch den Qadris geht es nicht um Paragrafen, sie appellieren an das Gewissen ihres Vermieters.

Es ist nicht das erste Geschäft am Kottbusser Damm, das es trifft. Direkt nebenan musste eine Änderungsschneiderei schließen, eine der letzten im Kiez. 30 Jahre lief das Geschäft, dann verdreifachte der Eigentümer die Miete. Für das alte Ehepaar war das nicht zu stemmen, sie gingen in Rente.

Die Qadris kämpfen weiter

Die Qadris wollen nicht aufgeben. Sie können auch gar nicht. Es geht um ihre Existenz. Sie haben sich um andere Räume in der Gegend beworben, wurden aber nicht genommen. Gerüchte kursieren, dass man erst mal einen Brief mit mehreren Zehntausend Euro unterm Tisch übergeben muss. Geld, das sie nicht haben. „Wir haben so viel gekämpft, schon immer“, sagt die 43-Jährige. „Um unsere Papiere, als wir nach Deutschland kamen, um den Laden. Wir können nicht noch mal neu anfangen.“

Also kämpfen sie weiter: Sie sammeln Unterschriften auf der Straße und online auf „Change.org“. Mehr als 2000 Menschen haben bisher unterzeichnet. Jeden Donnerstag treffen sie sich mit anderen Verdrängten und den Anwohnerinitiativen Ora Nostra und Bizim Kiez – „Unser Kiez“. Sie wehren sich auch juristisch: Im Februar ist der nächste Gerichtstermin. Ihr Vermieter hat bisher nicht mal reagiert.

Der Alteingesessene – Händler Yalcin wurde im Kiez geboren

Im Laden von Sahin Yalcin stapeln sich die Haushaltswaren gut sortiert bis unter die Decke: Porzellangeschirr und silbrige Teetassen, Tabletts und Sandwichtoaster . Es ist kühl im Sinanogullari. Yalcin steht hinter der Theke und trägt eine dicke Weste über einem dunkelblauen Hemd. Immer wieder unterbricht der 45-Jährige das Gespräch kurz, um Kunden zu bedienen. Sekundenschnell wechselt er von perfektem Deutsch in fließendes Türkisch.

Yalcin wurde im Kreuzberger Urban-Krankenhaus geboren, seither lebt er im Kiez. Den Laden an der Ecke Kottbusser Damm/Maybachufer führt er seit 26 Jahren. Er habe Glück mit seinem Vermieter, sagt er. Vor kurzem sei ihm die Miete erhöht worden. „Aber das war die erste Erhöhung in 26 Jahren. Das ist für mich in Ordnung.“ Er weiß genau: Seinen Nachbarn ergeht es anders.

In den vergangenen zwei Jahren hat er miterlebt, wie angestammte Läden schließen mussten und Dutzende neu eröffnet wurden – und sah, wie viele von ihnen schon nach kurzer Zeit wieder gingen. Die Mieten seien explodiert, sagt Sahin Yalcin, der Beobachter. Die Fluktuation habe sich dadurch massiv erhöht, der gesamte Kiez habe sich gewandelt.

Früher lebten hier viele Migranten und Arbeiter. Leute, bei denen das Geld immer knapp war. Yalcins Laden ist einer, der sich genau an sie richtete: Alltagsgegenstände gibt es hier günstig. Türkische Hausfrauen kauften früher reihenweise für ihre Aussteuer. Nun zieht ein anderes Klientel hierher. „Leute, die nicht auf Geld achten müssen“, sagt Yalcin. Von denen betrete keiner seinen Laden, was oft aber auch eine Frage des Alters sei. „Die bestellen alle online.“

Mehr und mehr hätten sich die Angebote der Läden an diese Klientel angepasst, nur seien die alteingesessenen Bewohner des Kiezes doch auch noch da. „Die Grundstruktur aus den 90er-Jahren und Preise wie auf dem Ku’damm – das verträgt sich einfach nicht“, sagt Yalcin.

Er gibt den Neuzugezogenen keine Schuld, doch er hat auch das Gefühl, dass die sozialen Konflikte in der Nachbarschaft wachsen: Einige neue Anwohner würden sich zum Beispiel über die Marktschreier auf dem Türkenmarkt beschweren, selbst aber mitten in der Woche bis zwei Uhr nachts Party machen – keine gute Mischung.

Bei den Läden auf dem Kottbusser Damm sieht Yalcin aber vor allem ein Problem, das alle trifft: „Die Eigentümer sind geldgeil geworden“, sagt er. Er zögert, will nicht schlecht über seine Kollegen reden, dann sagt er zurückhaltend: „Und viele der neuen Mieter sind naiv.“

Er hat nichts gegen die neuen Geschäfte und die Gastronomie, die sich nun hier ansiedelt, auch wenn er über die Preise, die sie verlangen, manchmal nur den Kopf schütteln kann. Viele von ihnen hätten hervorragende Ideen und gäben sich viel Mühe. Nur hat er zu oft gesehen, wie es für die meisten endet. „Die Mieten sind einfach zu hoch.“ Wer sich hier niederlasse, der müsse sich eben darauf einstellen „kleine Brötchen“ zu backen. „Den großen Gewinn am Kottbusser Damm, den machen nur die Vermieter“, sagt Sahin Yalcin.

Für den Mann mit der schwarzen Brille ist das Verhalten der Eigentümer nicht nur menschlich schwer zu verstehen. Immer wieder stünden Läden über Monate leer, bis der nächste gefunden sei, der den Höchstpreis zahle. Traurig findet Yalcin das für den Kiez. Schließlich stünde hinter jedem Geschäft auch eine Existenz. „Und für die Vermieter bedeutet das doch auch Stress. Warum geben sie sich nicht zufrieden, solange die Leute ihre Miete zahlen?“