Berlin - Wir sollen alle zu Hause bleiben, sollen drinnen bleiben wegen Corona. Aber manche müssen draußen bleiben. Martynas sitzt nicht auf irgendeinem Platz, sondern auf seinem Platz im Durchgang unter der S-Bahn am Hackeschen Markt. Er hat sich gegenüber anderen Interessenten durchgesetzt: kommt jeden Tag, bleibt jeden Tag, das wird nach einiger Zeit akzeptiert. Aber manchmal will den Platz dann doch ein anderer haben – Straßenbahnen und S-Bahnen haben Haltestellen, Leute sind unterwegs, ein paar Meter weiter ist zweimal die Woche Markt.

Vor ein paar Tagen verlangte ein Rumäne von Martynas diesen Platz oder, stattdessen, etwas Geld. Der Angesprochene reagierte nicht. Der Mann rief die Polizei und schrie ins Handy, er werde geschlagen. Die Polizei kam mit Bus und fünf Leuten. Unbeteiligte sagten, dass Martynas nichts getan habe. Die Polizisten nahmen die Personalien auf und fuhren wieder. Der Rumäne ging erst einmal weg.

Obdachlose sind draußen immer in Gefahr. Sie werden beklaut. Sie werden verprügelt oder angepisst. Schlafende wurden angezündet.

Martynas hat ein Stuhlbein im Schlafsack, um sich wehren zu können, und seine Hündin Szirma wittert Gefahr. „Wir sind seit zwölf Jahren zusammen“, sagt Martynas. Er sitzt auf seinem Rucksack vor der Wand im Durchgang und liest.

„Ist das der, der immer liest?“, fragen Leute, mit denen ich über ihn ins Gespräch gekommen bin. Ja. Der. Sein Deutsch reicht für eine ganz gute Verständigung. Aber Bücher liest er auf Englisch.

Zurück kann er nicht, die Grenze nach Litauen ist wegen Corona geschlossen

Martynas ist ein Litauer aus Kaunas, 27 Jahre alt und seit zehn Jahren in Europa unterwegs. Viele junge Leute gingen aus Litauen weg und suchten Arbeit oder ein besseres Leben. Martynas träumt von einem Segelboot, damit will er irgendwo im Süden Touristen oder Waren von einem Ort zum anderen bringen. Solange seine Hündin am Leben ist, geht das nicht. „Sie ist alles, was ich habe.“ Er sucht hier eine legale Arbeit, aber die gibt es nicht ohne feste Adresse. Zukunft beginnt erst mit einer Wohnung.

Unterwegs hat er gearbeitet – als Maurer, Mechaniker, Touristenführer, Pilzsammler – und meistens gebettelt. Auch wenn er wollte – er könnte nicht zurück: Litauen schloss die Grenzen. Die Schwester von Martynas in Kaunas hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Er hat Angst um die Mutter und den Großvater. Seine Hände sind rot und geschwollen, aber man kann ein Tattoo lesen: „Destination unknown“. Unbekanntes Ziel.

Dieter Puhl ist 63 Jahre alt, sein Gesicht kennen viele – die ganz oben und die ganz unten. Seit fast dreißig Jahren arbeitet er bei der Berliner Stadtmission, zehn Jahre davon in der Bahnhofsmission am Zoo. 2019 wurde er Leiter des neuen Bereichs „Christliche und gesellschaftliche Verantwortung“ im Zentrum der Berliner Stadtmission, Lehrter Straße 68. Er ist der Vertreter der Armen und Obdachlosen, der Einsamen, psychisch Kranken, Süchtigen, Abgestürzten.

Hilfe für die Obdachlosen: Berge von Säcken mit Kleiderspenden

Vor seinem Büro in der Lehrter Straße stapeln sich am Montagmorgen Berge von Säcken, alles Kleiderspenden. „Ja“, sagt Dieter Puhl, „das ist gut. Aber unsere Leute, die die Säcke auspacken und Sachen für die Kleiderkammer sortieren, müssen Handschuhe tragen, weil sie manchmal in die Scheiße greifen.“ Wortwörtlich. Manche Spenden zeigen auch die totale Ahnungslosigkeit der Gebenden, sie bedenken keine Jahreszeiten oder Lebenslagen. Sie geben achtlos irgendwas weg.

Viele Leute wissen, was Dieter Puhl macht. Auf dem Weg zur U-Bahn ruft jemand seinen Namen. Er dreht sich um. Eine etwa 80-Jährige sitzt auf einer Bank und ruft: „Meine Schlüpfer kriegen Sie!“ Der Erkannte denkt: Wenn sich die Sache mit den Spenden bis hier rumgesprochen hat, sind wir schon weit gekommen.

Seit ich Martynas begegnet bin – zufällig an seinem Platz auf dem Hackeschen Markt –, will ich die Situation der Armen und Obdachlosen in meiner Stadt besser begreifen. Dieter Puhl wird mein Begleiter.

2018 hat er ein Buch geschrieben: „Glück und Leid am Bahnhof Zoo. Ein Leben für die Bahnhofsmission“. Man lernt einen Mann kennen, der einem christlichen Kompass folgt. Manchmal hört er auch: „Ihr übertüncht ja nur die Verhältnisse.“ Am ersten Tag seiner Arbeit in der Bahnhofsmission am Zoo stellte er sich den Haupt- und Ehrenamtlichen so vor: „Ich möchte gerne üben: Wie geht man zur Tür, und wie sagt man freundlich: Herzlich willkommen. Kommen Sie herein. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Darf ich Ihnen die Einrichtung zeigen? Vielleicht mal ein dezenter Hinweis, wo die Toiletten sind. Wenn man ein bisschen älter und lange unterwegs ist, kann das helfen.“ Die Mitarbeiter wollten das nicht üben. Dieter Puhl raffte seinen Mut zusammen: „Ich bin der neue Leiter. Und ich bestehe darauf.“

Die Obdachlosen in Berlin kommen aus 80 Ländern

Von den 60 Ehrenamtlichen haben dann etwa 25 aufgehört, es passte nicht wirklich. Heute arbeiten hier über 200 Ehrenamtliche. In zehn Jahren hat Puhl nicht einen Mitarbeiter entlassen, aber manchmal nach einem Platz gesucht, auf dem einer von ihnen besser aufgehoben war.

Man nennt die Besucher grundsätzlich „Gäste“. 80 Prozent von ihnen sind obdachlos, 20 Prozent schlicht und einfach arm. Die Obdachlosen in Berlin kommen aus 80 Ländern, 40 Prozent aus Deutschland. Die Ehrenamtlichen kommen von überall. „Wir sind gesegnet mit dem Ehrenamt. Ein paar Profis müssen aber dabei sein.“

Täglich werden im Schnitt 300 Anrufe empfangen und 700 Hilfesuchende. Obdachlose sind nicht immer nett. „Manche haben woanders Hausverbot. Wir diskutieren darüber heftigst.“ In einem Übergangsheim wohnen Suchtkranke – in einer der wenigen Einrichtungen, in denen Alkohol getrunken werden darf. Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich gelesen habe: Papst Franziskus wird gefragt, warum er einem Bettler Geld geschenkt habe. Der werde das doch nur versaufen. Der Papst antwortete: „Und wenn das seine einzige und letzte Freude wäre?“

Unter den Armen gibt es Hierarchien. Manche sammeln Pfandflaschen oder verkaufen Obdachlosenzeitungen, das gilt als Zuverdienst und ist am wenigsten schambesetzt. Die Bettler sitzen mit Tüten oder Beuteln auf der Straße und hoffen, dass die Leute über ihren Köpfen ein bisschen Geld in die Becher werfen. Wenn sie genug haben oder nicht mehr auf mehr hoffen, gehen sie nach Hause.

Martynas geht zum Schnorren wie zur Arbeit

Einen Obdachlosen erkennt man am schweren Gepäck. Der muss seinen gesamten Besitz mitschleppen. Den Rucksack von Martynas kann ich nicht anheben. Er muss sich auch immerzu von Sachen trennen: Er kann nicht Sommersachen und Wintersachen auf die Schultern packen. Alles wiegt. Er behält nur das, was er gerade nicht entbehren kann. Bettler betteln nicht, Bettler sagen, dass sie schnorren. Das Wort kommt aus dem Jiddischen: Bettelmusikanten wanderten mit Lärminstrumenten wie der Schnarre. Daher der Name.

Martynas geht zum Schnorren wie zur Arbeit. Er trinkt danach manchmal ein Bier mit zwei Freunden, mehr nicht. Er nimmt keine Drogen. Aber er sammelt Kippen und raucht sie auf. An die sozialen Schlafräume konnte er sich nicht gewöhnen: „Musst du morgens früh raus. Kommst du durch eine Nacht, hast du keine Garantie für die nächste. Wird geklaut, musst du schlafen mit dem Rucksack im Arm, und mein Hund darf nicht überall mit.“

Wochenlang hat er in einer ungeheizten dunklen Garage gewohnt – zusammen mit Igor, einem Ukrainer, und Alexander, einem Esten. Obdachlose bilden oft kleine Gruppen, um sich etwas zu schützen. Sie fanden ein Haus, das seit zehn Jahren leer steht. Als die Nächte besonders kalt wurden, kam am Morgen eine Frau. Sie schrie „Raus! Sofort!“, sie drohte mit der Polizei und schrie immer lauter. Ein türkischer Nachbar kam, er bettelte für die Obdachlosen. Die Frau blieb hart. Der Türke gab den Männern fünf Euro. Sie fanden keine andere Unterkunft und mussten in der nächsten Nacht wiederkommen. Jederzeit könnten sie rausfliegen. „Warum will die Frau, dass wir in Kälte gehen?“, fragt Martynas. „Bei Corona?“

Ein etwas milderer Blick auf die ohne Obdach

Für Obdachlose wird das Wetter übrigens nie besser, nur anders. Dieter Puhl sieht eine Veränderung in der Bewertung von Obdachlosen, auch wenn es nur ein Bauchgefühl ist: „Früher sprachen 90 Prozent der Bevölkerung von ,Pennern‘, heute sind es nur noch 70 Prozent.“ Das hält er für einen Fortschritt.

Bei der Recherche für diesen Text begegnete ich fast immer den 70 Prozent. „Die sollen arbeiten gehen“, sagten Fremde und Freunde. „Mir schenkt auch keiner was.“ – „Die kriegen sogar Hotelzimmer angeboten.“ –  „Und sei bloß vorsichtig.“

Obdachlose haben ähnliche Erfahrungen. Der Hamburger Dominik Bloh hat elf Jahre immer wieder auf der Straße gelebt. Dann schaffte er die Veränderung: Er zog in eine Wohnung und kann in Boxershorts schlafen. 2018 schrieb er ein eindringliches Buch, es heißt „Unter Palmen aus Stahl“, er wurde bekannt und in Talkshows eingeladen. Aber sein Leben behielt brüchige Stellen. In einem Interview mit Zeit online sagt er: „Die Straße bleibt im Kopf. Man ist konditioniert … Schlafen gehen und merken, dass man die Kapuze noch überzieht, ein Schutzreflex von der Straße … Ich rede bis heute mit mir selbst … Ich habe keine Angst, mich zu prügeln. Aber ich habe Angst, an den Briefkasten zu gehen und Briefe zu öffnen.“

Finanzielle Forderungen drohen. „Obdachlose brauchen die öffentlichen Verkehrsmittel zum Überleben, das ist oft der einzige warme Ort. Du wirst erwischt, weil du natürlich am Ticket sparst und nicht am Essen. Das häuft sich. Als ich die Wohnung hatte, kam als Erstes das Inkasso-Unternehmen: Sie sind soundso oft schwarzgefahren, dazu kommen Säumniszuschläge und Inkasso-Gebühren.“ Dominik Kroh hatte 2018 bei verschiedenen Schuldnern 20.000 Euro offen.

Martynas sagt: „Die Straße fickt deinen Kopf. Das Schnorren ist am Anfang mit viel Scham verbunden. Es verändert die Körpersprache, ich muss brechen das Gefühl, wenn ich gehe durch die S-Bahn und bitte um Geld. Viele ignorieren dich komplett, sie sehen ohne Ausdruck im Gesicht in andere Richtung. Ignorieren ist wie … ich bin unsichtbar. Wenn mich alle ignorieren, denke ich, vielleicht bin ich wirklich invisible. Manche Leute verstehe ich nicht: Einmal saß ich auf der Straße, da kam ein Mann und sagte, dass er viel Geld hat, ich aber bin frei. ,Du hast es gut. Frei ist besser!“, sagte er. Dann nahm er einen 20-Euro-Schein aus seiner Tasche, riss ihn durch und gab ihn mir. Ich wusste, dass ich die Hälften wieder in einen Schein umtauschen kann. Aber warum hat er 20 Euro zerrissen vor meinen Augen?“

Ein neues Zentrum am Bahnhof Zoo

2017 bekam Dieter Puhl das Bundesverdienstkreuz und den Regine-Hildebrandt-Preis. Er ist ein begnadeter Vermittler. Er gewann Politiker und Wirtschaftsleute als Unterstützer, auch Botschafter, Sportler, Prominente, Schulklassen, Firmenbelegschaften. Manche haben dann in der Mission als Helfer gearbeitet und ein genaueres Gefühl für die Lage der Obdachlosen bekommen.

Obdachlose versammeln sich meistens in der Nähe von Bahnhöfen. In der Mission am Bahnhof Zoo war es eng geworden. Am 10. Februar eröffnete nach anderthalb Jahren Bauarbeiten das neue Zentrum am Zoo: 500 Quadratmeter, mietfrei für 25 Jahre, die Deutsche Bahn trägt die Betriebskosten. Obdachlose sollen ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft spüren. Es wird psychologische und Sozialberatung geben, Gemeindearbeit, Gottesdienste, Ausstellungen, Lesungen, Filme, Konzerte, Kunst, auch Kunst von Obdachlosen. Wann alles anfangen wird, weiß keiner. Corona.

In der Lehrter Straße kommt ein Ehepaar mit Taschen rein und legt Schokolade, Zucker, Butter, Tee, Bekleidung und noch viel mehr im Flur ab. Der Mann ist Dachdecker, die Frau arbeitet im Supermarkt. Sie spenden hier öfter. „Ist doch normal“, sagt die Frau, und er nickt.