Man möchte ihm etwas Tröstendes sagen, einen Ausblick zeigen, der Hoffnung macht. Denn Werner Castorf, der, wie er sagt, nie ein trauriger Mensch gewesen sei, kann zurzeit nichts Positives in seinem Leben finden. Der Mann, 90 Jahre alt, steht in seinem kleinen Laden, der längst nicht mehr aussieht wie ein gut geführtes Fachgeschäft, sondern wie ein unsortierter Lagerraum – vollgestellt mit Jalousien, Markisen, Rollos und Sonnenschutzanlagen in etlichen Breiten, Längen und Farben, aus Aluminium, Holz, Papier und Plastik.

Im Laden ist es fast so kalt wie auf der Straße, sicher unter fünf Grad Celsius. Werner Castorf heizt nicht. Er sagt: „Das lohnt sich nicht mehr.“ Castorf löst sein Geschäft auf. Nicht, weil er sich mit 90 zu alt dafür fühlt, sondern weil sein Laden nicht mehr läuft. Wohin jetzt mit den vielen Rollos? Niemand will sie haben.

Castorfs „Licht- und Sonnenschutz-Fachgeschäft“ einst Institution

Es gab eine Zeit, da waren Castorfs Rollläden und Markisen begehrt, die Nachfrage überstieg das Angebot, das gab es oft in der DDR. Castorfs „Licht- und Sonnenschutz-Fachgeschäft“ an der Stargarder Straße, Ecke Pappelallee in Prenzlauer Berg war eine Institution, ein stadtbekanntes Geschäft, hunderte Quadratmeter Verkaufs- und Lagerfläche, acht Schaufenster und Aufträge im ganzen Land. Alle wollten seine Jalousien, sie hingen im Forum-Hotel und im Interhotel „Stadt Berlin“, im Polizeipräsidium, im Fernsehturm und in tausenden Wohnungen. „Wir waren eine große Einrichtung mit einer 123-jährigen Familiengeschichte“, sagt Castorf.

Im Jahr 1899 hatte Albert Castorf, Werner Castorfs Großvater, sein Eisenwarengeschäft von Friedrichshain in den Prenzlauer Berg verlegt. Im Gründerzeitviertel Prenzlauer Berg wurde viel gebaut, das Geschäft mit Eisenwaren lief prima. In zweiter Generation übernahm Willy Castorf 1920 den Betrieb an der Straßenkreuzung, Licht- und Sonnenschutzanlagen kamen ins Sortiment. Werner Castorf spezialisierte sich ausschließlich auf diese Waren, als er 1957 das Geschäft weiterführte. Er gründete eine OHG-Handelsgesellschaft. So konnte der gelernte Handelskaufmann sein Geschäft als Privatunternehmen führen, was Ladeninhabern im DDR-Wirtschaftssystem nur selten gelang.

Regelmäßig Warteschlangen

Vor seinem Laden bildeten sich regelmäßig Warteschlangen. Sein Kontingent musste sich Castorf vom Bezirksamt Prenzlauer Berg, Abteilung Handel und Versorgung, genehmigen lassen. „Man bestellte 100 von einer Sorte und bekam 20“, sagt Castorf. Im Wendejahr 1989 war das plötzlich anders. Castorf bestellte 100 Jalousien einer Sorte und bekam auch 100. Doch die Kunden wollten keine DDR-Ware mehr, bei Castorf stapelten sich die Vorräte. Geschäftlich ging es abwärts. 2002 musste er sein Geschäft verlassen. Die hohe Miete, die der neue Hausbesitzer verlangte, konnte er nicht bezahlen. Ein Steak-Restaurant eröffnete, „Grill’n Chill“ steht auf den Markise. Werner Castorf wechselte in einen kleinen Laden um die Ecke. „Doch der neue Laden hat sich nicht mehr gelohnt“, sagt er. Schon gar nicht im Winter.

Keine Verkäufe, keine Miete

Die vergangenen drei Monatsmieten hat Werner Castorf nicht bezahlt, er hatte nichts verkauft. Jetzt darf ihn der Hausbesitzer räumen lassen, hat das Gericht entschieden. Für Werner Castorf war das ein übliches Prozedere. Im Winter zahlte er keine Miete, im Frühjahr, wenn sich Rollos und Sonnenschutzanlagen besser verkaufen lassen, glich er die Rückstände aus. Bisher hatten das die Hausbesitzer akzeptiert, es habe immer ein „Gentlemen’s Agreement“ gegeben, sagt Castorf. „Aber in der heutigen Zeit zählt so etwas nichts mehr.“

An drei Nachmittagen der Woche öffnet Werner Castorf noch für drei Stunden. Er will im Laden sein, er wohnt nur wenige Gehminuten entfernt. In ein, zwei Wochen muss das Geschäft leer sein. Castorf will alles wegschmeißen. Einen Nachfolger gibt es nicht. Castorfs Sohn Frank ist Theaterregisseur. Werner Castorf ist stolz auf ihn. Beide sind in ihrem Job berühmt geworden.

Doch jetzt wirkt der alte Mann resigniert. Werner Castorf und seine Frau Ulli (89) haben ein Leben für den Laden geführt, 65 Jahre lang. „Der innere Verlust ist sehr groß“, sagt Werner Castorf.