Möglicherweise gibt es rund um das Kottbusser Tor zwei Wahrheiten. Die eine sehe ich am Nachmittag beim Spazieren in der kleinen Straße vor dem Zentrum Kreuzberg, kurz nachdem ich die Haustür hinter mir geschlossen habe. Plötzlich kommt ein Mann um die Ecke gerannt. Hinter ihm laufen zwei Verfolger. Sie sind schneller, packen ihn am T-Shirt, drücken ihn zu Boden, knien sich auf ihn. Sie schreien, auf Arabisch, der Mann auf der Erde brüllt zurück. Er umklammert ein Handy, sie zerren daran.

Vorn an der Reichenberger Straße höre ich Glas klirren und noch mehr Gebrüll. Männer eilen hin, gucken rechts, links, was passiert? Ein Pulk hat sich gebildet, bestimmt 25 Menschen, im Kern schubsen sich Männer. Einer hat eine Platzwunde auf der Stirn, ein anderer blutet aus der Nase. Das Wort „Polizei“ fällt irgendwo. Das Knäuel trennt sich, in Grüppchen gehen die Männer davon. Niemand rennt. Fünf Minuten später fahren Polizeiautos vor. Da liegt nur noch Glas auf dem Boden.

Die zweite Wahrheit liest sich so: 57 Prozent weniger Anzeigen wegen Körperverletzung, 37 Prozent weniger Raubüberfälle, 49 Prozent weniger Taschendiebstähle. Verglichen mit den Zahlen von Januar bis Mai vergangenen Jahres ist die Kriminalität rund um das Zentrum Kreuzberg deutlich gesunken. Im April und Mai 2017 registrierte die Polizei bisher nur fünf Fälle von Körperverletzung. 63 Mal meldeten Menschen, dass ihnen ein Portemonnaie oder die Handtasche gestohlen wurde. Im Vorjahr waren es allein in einem Monat 79 Anzeigen.

Das Kottbusser Tor ist nach wie vor ein aggressiver, gewalttätiger Ort. Gleichzeitig hat die Polizei, auch wenn sie manchmal zu spät kommt, ihre Präsenz erhöht.

„Viele Sachen kommen aber gar nicht bis zur Anzeige“, glaubt Ercan Yasaroglu. „Die tauchen nie in der Statistik auf.“ Yasaroglu betreibt das Café Kotti auf der Galerie des Zentrums Kreuzberg. Er sitzt draußen an einem Tisch. Von hier blickt er über den Platz wie ein Regent. Von frühmorgens bis spätabends trifft man den gebürtigen Türken, der seit 35 Jahren in Deutschland lebt, vor dem Lokal. Er kennt hier jeden, jeder kennt ihn. Gewaltausbrüche, Vergewaltigungen, Mord: Er habe schon alles gesehen, sagt Ercan Yasaroglu. Alles.

Anfassen, Grapschen, Zischen

Dort hinten, Yasaroglu zeigt auf die Schlange am Geldautomaten vor der Bank, spähten sie die Touristen aus. „Die sehen genau, wer was abhebt. Dann folgen sie ihnen und ziehen die Geldbörse aus der Tasche.“ Jeder hat seinen Platz am Kotti, das sieht man schnell. Die Dealer stehen vor dem Gemüsestand und unter der Galerie im Schatten der Bäume. Gewerbetreibende von dort erzählen über drastische Maßnahmen, zu denen sie im Kampf gegen die Kriminalität greifen. Einer sagt, er vergrabe Spritzen in seinen Blumenkübeln vor der Tür, um Dealer und Konsumenten zu erschrecken und zu verhindern, dass die Pötte als Drogenversteck genutzt werden.

Auch die Antänzer tummeln sich in der kleinen Straße vor dem Zentrum Kreuzberg. „Letzten Sommer habe ich beobachtet, wie Männer erst freundlich taten, Frauen einen Wodka-Shot spendierten – in dem dann K.O.-Tropfen waren“, sagt Yasaroglu. „Zzsschh, heeyy“, das hört man als Frau im Vorbeigehen nicht selten. Eine Nachbarin sagt, sie blicke dann nach unten, nicht in die Augen der Männer, auch wenn ihr eigentlich danach wäre, ihnen die Meinung zu geigen. Im Herbst 2015 schrieben die Gewerbetreibenden einen Brandbrief an den Senat, um sich über die eskalierende Gewalt zu beklagen.

„Neue Tätergruppierungen aus den Maghreb-Staaten“

Tatsächlich ergab auch die Polizeistatistik zu diesem Zeitpunkt einen erheblichen Anstieg der Straßenkriminalität. „Es gab, und das kann man klar benennen, neue Tätergruppierungen aus den Maghreb-Staaten“, sagt Tanja Knapp, die den zuständigen Polizeiabschnitt 53 leitet. „Die hatten wir vorher so nicht.“ Die Polizei erhöhte ihre Präsenz und entwickelte Anfang diesen Jahres eine neue Strategie.

Seit Februar ist die Polizei am Kottbusser Tor zwischen donnerstags und sonntags in den Abend- und Nachtstunden mit einer speziellen Einheit unterwegs. Zehn Beamte, die das Gebiet gut kennen, laufen durch die Straßen zu Zeiten, in denen statistisch die meisten Straftaten passieren. Ein Mannschaftswagen parkt dann manchmal auf dem Platz zwischen Skalitzer und Reichenberger Straße, das sieht man vom Balkon. Gerade verlängerte die Polizei das Projekt um einen Monat, weil es Erfolg hat.

Irritierte Täter

„Der Auftrag der Truppe ist, sich auch um Ordnungsstörungen zu kümmern“, erklärt Tanja Knapp. „Das heißt, sie stellen Platzverweise aus. Werden die gebrochen, kann die Polizei Personen vorübergehend in Gewahrsam nehmen. So verhindern wir, dass wir einen Dealer 480 Mal festnehmen und er eine Stunde später wieder dort steht.“ Die Maßnahme habe die Täter irritiert, glaubt Knapp.

Die Idee des Senats, eine mobile Wache am Kottbusser Tor zu installieren, lehnt die Abschnittsleiterin ab. „Wenn wir im Wagen sitzen und warten, dass Leute nach dem Weg fragen oder eine Anzeige aufgeben, können wir unserer eigentlichen Aufgabe, die Täter zu verfolgen, schwer nachkommen.“ Die mobile Wache ist eine Art zum Revier umfunktioniertes Polizeiauto mit fester Besatzung. Die jetzige Einsatztruppe sei besser geeignet, auf Nachbarn einzugehen, Kontakte zu knüpfen und dort zu sein, wo sie gebraucht werde, sagt Knapp.

Keine Law-and-Order-Politik

Nachbarin Marie Schubenz, die im Nebentrakt wohnt und Mitglied im Mieterrat ist, würde eine solche, sensible Vorgehensweise gut finden. „Wir wollen keine Law-and-Order-Politik, keine Wache im Haus oder flächendeckende Videoüberwachung.“ Es mache keinen Sinn, Kriminelle bloß zu vertreiben, weil sie dann zwei Ecken weiter wieder stünden. „Das hat man gesehen, als der Görlitzer Park zur Null-Toleranz-Zone erklärt wurde und die Dealer alle hierher wechselten.“ Eine ähnliche Entwicklung kann die Polizei am Kottbusser Tor aber nicht ausmachen, seit sie ihre Präsenz verstärkt hat. Man verdränge Straftäter zwar, es entstünden aber keine neuen so großen Hotspots.

Wie schnell sich Kriminelle und Junkies ihrer Umgebung anpassen, ist zu beobachten, seitdem der westliche U-Bahn-Ausgang am Kottbusser Tor gesperrt ist. Sah man zuvor noch täglich Trinker, Drogenabhängige und Dealer um die Stufen stehen, versammeln sie sich nun am Ausgang in der Reichenberger Straße. Dort ist die U-Bahn offen, sie können schnell in den Untergrund schlüpfen, wenn sie Gefahr wittern.

Die verschiedenen Ebenen am Kottbusser Tor, das Zentrum Kreuzberg mit seinen Außenetagen, der Vorplatz und die unterirdischen Bahnhöfe erschweren die Polizeiarbeit. In den  dunklen Eingängen des verwinkelten Hauses finden schnelle Deals statt. Nachbarn erzählen, ungefähr einmal im Monat stolperten sie über Junkies, die sich gerade einen Schuss gesetzt haben.

Uringeruch in den Fluren

Viele stört der Geruch nach Urin in den Fluren. Einer habe sogar mal sein großes Geschäft direkt neben den Fahrstuhl gemacht. Solche Geschichten hört man von Nachbarn immer wieder. Die Supermärkte klagen, Abhängige klauten dort Alkohol oder Essen. Ercan Yasaroglu hat eher Mitleid mit den Junkies, „die tun ja niemandem wirklich was“. Er wünscht sich für sie Toiletten, einen Ort zum Waschen und einen Druckraum am Platz.

„Die meisten Junkies sind Kottianer“, sagt Yasaroglu. Das ist für ihn ein Schlag Mensch, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Status. Jemand, der die Leute um ihn herum sein lässt, wie sie sind. „Pauschale Schuldzuweisungen bringen uns am Kotti nicht weiter“, sagt er. Einmal habe er einer belästigten Frau zu Hilfe eilen wollen. „Die dachte, ich stecke mit dem Täter unter einer Decke, weil ich auch ausländisch aussehe.“

Im Eingang von Yasaroglus Büro im Café Kotti hängt ein Schild. „Jeder, der sich in diesem Raum aufhält, trägt Verantwortung“, steht dort. Dies sollten sich auch alle auf dem Platz, in den U-Bahnhöfen und den Hausfluren im Kreuzberger Zentrum zu Herzen nehmen, sagt Ercan Yasaroglu. Sei doch ganz einfach. Eigentlich.