Es sollte ein lustiger Abend werden. Ein Freund war zu Besuch, wir trafen uns um 19 Uhr auf dem Breitscheidplatz. Nach dem ersten Glühwein musste ich etwas essen. Überall gab es nur Thüringer Rostbratwurst. Die mag ich nicht. Das hat uns das Leben gerettet. Der Stand, an dem es statt Thüringern polnische Würste gab, lag die Stufen hoch, abseits der Schneise, die der Lkw in den Weihnachtsmarkt riss.

Ich sah nur, wie plötzlich die Auslage wackelte, ich hörte ein Rattern, mein Freund zerrte mich weg, die Leute um uns herum rannten los. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war, ich wusste nur: Ich muss da hin.

Kein Zögern

Als junger Mann habe ich meinen Wehrdienst abgeleistet, indem ich mich zehn Jahre zum Katastrophenschutz verpflichtet habe. Jedes Jahr arbeitete ich etwa 200 Stunden beim Arbeiter-Samariter-Bund in München. Regelmäßig nahm ich an Übungen teil, bei denen der Katastrophenfall geprobt wurde: ein Flugzeugabsturz in der Innenstadt oder ein Zugunglück. An den Wochenenden fuhr ich auf dem Rettungswagen mit, mal lasen wir einen Volltrunkenen von der Straße auf, mal wurden wir zu einem Verkehrsunfall mit Schwerverletzten gerufen.

Meine Zeit beim Rettungsdienst ist nun schon eine ganze Weile her. Trotzdem gab es auf dem Breitscheidplatz für mich kein Zögern. Ich muss da hin, ich bin Sanitäter, sagte ich zu meinem Freund. Dann lief ich los.

Schlafen ist jetzt nicht

Es war so still, geradezu gespenstisch. Links und rechts lagen Verletzte am Boden, neben vielen knieten bereits Menschen, die sich kümmerten. Ich ging von Gruppe zu Gruppe, redete den Helfern gut zu: Achtet darauf, dass die Atemwege frei sind, redet mit den Verletzten.

Bei einem Mann blieb ich dann, ein älterer Herr, an seinem Kopf klaffte eine Wunde, die stark blutete. Ein Budenverkäufer holte einen Verbandskasten, und ich konnte den Mann notdürftig versorgen. Alle paar Minuten hatte er vergessen, was geschehen war. Immer wieder fragte ich ihn: Wie heißen Sie? Was arbeiten Sie? Wo kommen Sie her? Wenn er sich hinlegen wollte, hielt ich ihn fest: Schlafen ist jetzt nicht. „Steht es so schlimm um mich?“, fragte er. „Nein“, log ich, „aber Sie müssen wach bleiben, damit wir uns unterhalten können.“

Leben mit den Erinnerungen

Es dauerte zwei Stunden bis Sanitäter kamen und den Mann mitnahmen. Danach stand ich verloren auf dem Platz, meine Hände waren voller Blut, und ich sah mich zum ersten Mal um.

Ich wünschte, ich hätte das nicht getan. Dann hätte ich nicht die Leichen gesehen, die zugedeckt am Boden lagen. Mein Blick blieb an einem Paar Füßen hängen, das unter der Decke hervorlugte. Es gehörte einer jungen Frau, die ich gleich am Anfang gesehen hatte – mit aufgerissenen Augen und zitternd am ganzen Körper. Jetzt war sie tot. Dieser Anblick, der geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, es hätte mich getroffen, statt dass ich mit diesen Erinnerungen leben muss.

Zurück auf den Breitscheidplatz

Diese Gedanken kamen aber erst später. Jetzt wollte ich mir nur die Hände waschen. Ein Polizist schickte mich ins Waldorf Astoria, dort gab es Tee und Seelsorger. Es waren nur wenige andere Ersthelfer da, und ich selbst hatte nicht das Gefühl, dass ich das brauchte. Ich war nicht besonders erschüttert. Das war Dienst, dachte ich, und den hast du hinter dir.

Ein paar Nächte schlief ich schlecht, ich hatte Muskelkater. Beamte vom LKA besuchten mich. Ich konnte ihnen nicht viel sagen, aber zumindest erfuhr ich so, dass der Mann, den ich so lange im Arm gehalten hatte, lebte. Weihnachten ging ich noch mal auf den Breitscheidplatz, danach waren die Nächte wieder ruhig.

Posttraumatisches Belastungssyndrom

Es ging mir also ganz gut. Manchmal scherzte ich sogar: Zweimal im Leben wird man sicher nicht Opfer eines Terroranschlags. Meinen habe ich hinter mir. Dann kam der 17. August, in Barcelona fuhr ein Terrorist 14 Menschen mit einem Lieferwagen tot. Seitdem ist alles wieder da. Wenn ich im Bett liege oder in der S-Bahn aus dem Fenster schaue, läuft das ab wie ein Film: diese Schwärze vor mir, wie ich den Gang entlanglaufe, die Verletzten zu beiden Seiten – dann sehe ich wieder die junge Frau, die zitternd am Boden liegt.

Es fällt mir heute schwer, das Haus zu verlassen. Ich habe Panikattacken. Eine Ärztin diagnostizierte bei mir ein Posttraumatisches Belastungssyndrom. Damit muss ich jetzt leben. Was mir Halt gibt, ist, dass ich geholfen habe. Wäre ich davongerannt, würde ich an den Erinnerungen zerbrechen.

Meine Pflicht zu helfen

Im Oktober habe ich beim Weißen Ring angerufen. Ich wollte wissen, wie es dem älteren Herren geht. Ich dachte, es könnte mir innere Ruhe geben. Er war als einer der Letzten aus dem Krankenhaus entlassen worden. Mittlerweile war er in der Reha. Mehr brauche ich nicht zu wissen. Ich will keinen Dank. Es war doch meine Pflicht zu helfen.

Trotzdem ist es schwer, dass kaum jemand über uns Ersthelfer spricht. Wir wurden vergessen. Erst im November las ich ein Interview mit dem SPD-Abgeordneten Tom Schreiber. Er sagte, Ersthelfer sollten sich melden. Also habe ich ihm geschrieben. Und bekam tatsächlich eine Antwort. Das hat mich mit der Politik versöhnt. Tom Schreiber hat auch dafür gesorgt, dass ich die Gedenkveranstaltung besuchen kann. Endlich hat sich jemand gekümmert. Das gibt mir Hoffnung.

* Name geändert

Protokoll: Anne Lena Mösken