Tausende Menschen in Berlin leiden an einer Krankheit, die in der Gesellschaft oft noch immer missverstanden wird: Sie sind depressiv. Der Berliner Student M.* ist einer davon.

Immer, wenn M. eine „schlimme Phase“ hat, wird der Kontakt zu seiner Mutter enger. Er ruft sie dann fast täglich an. Sie gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit in den Monaten, in denen er nirgends mehr Halt findet, am wenigsten bei sich selbst, Monate, die bestimmt sind von lähmender Antriebslosigkeit, von bleiernem Überdruss. Sie anzurufen, ist dann das Einzige, das ihn keine Überwindung kostet.

Denn in diesen „schlimmen Phasen“, wie M. seine wiederkehrenden depressiven Schübe selbst bezeichnet, bedeutet alles Überwindung, Freunde und Kollegen zu treffen, oder auch das Studium, das ihm eigentlich Spaß macht, ist ihm nur möglich unter größten Aufbietung seiner restlichen Kräfte. So fühlt sich M. dann: Alles wird zur Qual, alles wird erdrückt in einem zähen Sog, in dem jegliche Lebensfreude zu verschwinden scheint.

Kreativ und sensibel

M. ist 26 Jahre alt. Er studiert Germanistik und Geschichte an der Freien Universität Berlin und leidet an Depressionen. Seinen Namen will er nicht preisgeben. Zwar geht er offen mit seinem Leiden um und möchte zur Aufklärung über die noch immer mit Vorurteilen behaftete Krankheit beitragen, doch dass entfernte Bekannte oder der Arbeitgeber davon erfahren könnten, möchte er zurzeit noch nicht riskieren. Der junge Mann macht einen aufgeweckten und sympathischen Eindruck.

Sein Umfeld beschreibt ihn als kreativen und sensiblen Charakter. Sein großer, stabiler Freundeskreis weiß Bescheid, er wird von vielen für seine Hilfsbereitschaft und für seinen sarkastischen Humor geschätzt. Kurz: Vieles an seinem Auftreten macht ihn zu jemandem, der nicht in das Bild passen möchte, das von angeblich dauermelancholischen und zu Tode betrübten Depressiven gemeinhin gezeichnet wird. M. ist ein typischer Berliner Student, ehrgeizig, feierwütig und lebenshungrig. Und seit zehn Jahren depressiv.

In den Augen vieler Mitmenschen macht ihn das auch 2016 noch zu einem Sonderling. Und das, obwohl er an einer der häufigsten Erkrankungen in Deutschland leidet. Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung von Depressionen betroffen. Für Berlin würde dies bedeuten, dass rund 175.000 Menschen an einer depressiven Erkrankung leiden. Die knapp 1400 behandelnden Psychotherapeuten, die von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin gelistet werden, erscheinen da wenig. Zudem beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz oft mehrere Monate.

In den vergangenen Jahren ist das gesellschaftliche Bewusstsein um die Krankheit aber durchaus gewachsen. Es gibt viele Informationskampagnen und auch in den sozialen Netzwerken findet Aufklärung in Eigenregie statt: Unter dem Hashtag #notjustsad etwa berichten Tausende Betroffene auf Twitter von ihren Erfahrungen mit der Krankheit und lassen so andere Menschen teilhaben. Trotzdem sind Depressive wie M. noch immer Unverständnis, Ausgrenzung oder gar Anfeindungen ausgesetzt, auch im sonst so toleranten Berlin: „Vieles ist ja gut gemeint“, sagt M. „Unerfahrene Freunde sagen dann: ,Komm schon, wir sind doch alle mal traurig. Das wird schon wieder!‘“ Häufig sei von Ahnungslosen in Gesprächen zum Thema zu hören, die Leute sollten eben keine Waschlappen sein und die Dinge ertragen. „Es passiert auch, dass es als Charakterschwäche ausgelegt wird. Dann heißt es, man habe sich zum Beispiel im Job einfach nicht genug angestrengt, wenn man versagt“, sagt M.

Wenn eine Depression all das nicht ist, weder eine vorübergehende Verstimmung, eine Schwäche oder eine Ausrede für mangelnde Selbstdisziplin, was ist sie dann? Was viele nicht als das erkennen, was es ist, beschreibt die internationale Klassifikation der Krankheiten ICD 10 als eine ernste psychische Störung: Betroffene leiden während depressiven Episoden unter anderem an verminderter Aktivität, mangelndem Selbstwertgefühl und der Unfähigkeit zur Freude. Und dies in einem Grad, der Gesunden oft schwer zu vermitteln ist. Eindrücklicher beschreibt M. seine immer wiederkehrende Begleiterin: „Es ist, als würde die Depression neben dir liegen und gleich nach dem Aufwachen damit beginnen, dir ins Gesicht zu schlagen. Damit hört sie nicht mehr auf, bis du abends wieder ins Bett gehst.“ Besonders leidet M. dann, wenn er sich trotz allem zwingt, aktiv zu bleiben, zum Beispiel um Freunde zu treffen, obwohl er Angst davor hat, das Haus zu verlassen: „Die Depression gönnt dir nicht das kleinste Fünkchen Freude. Und besonders schlimm ist das in den Momenten, von denen du weißt, dass sie dich eigentlich verdammt glücklich machen würden.“

Mehr als nur eine Krankheit

Wie schwer muss es sein, sich trotz fehlendem Antrieb jeden Morgen zu überwinden, sich immer wieder aus dem Bett zu quälen und zur Arbeit zu gehen? Obwohl doch nichts verlockender ist, als einfach liegen zu bleiben und sich wieder dem Schlaf zu übergeben, für noch ein paar weitere erträgliche, weil emotionslose Stunden. Doch diese Überwindung ist für M. absolut notwendig, er muss aktiv bleiben um jeden Preis, sonst würde sich sein Zustand noch verschlimmern.

Tatsächlich ist Depression nicht gleich Depression, nach der ICD 10 werden leichte, mittelgradige und schwere depressive Episoden unterschieden, bei Letzteren sind einfachste alltägliche Dinge nicht mehr möglich, Wahnvorstellungen können auftreten, es kann Suizidgefahr bestehen. Das ist ein Abgrund, an dem M. niemals stehen möchte. So findet er trotz aller Widrigkeiten immer wieder die Kraft, sein Leben aufrechtzuerhalten. Er sagt: „An den Punkt, mich einfach wegzumachen, will ich niemals kommen. Ich bin eigentlich ein fröhlicher Typ. Die Depression, das bin ich nicht.“

Bis vor Kurzem war es M. egal, warum er an dieser Krankheit leidet, vielmehr sah er sie wie eine Grippe, die man eben mit Medikamenten behandelt. Tatsächlich sind es nicht immer konkrete Auslöser wie Arbeitslosigkeit oder eine schwierige Kindheit, wofür dann in einer Therapie auch jeweils Lösungsansätze erarbeitet werden könnten. Auch genetische Faktoren können eine erhebliche Rolle spielen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2011 kam zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken variiert, je nachdem, wie ein bestimmtes Transportergen von Serotonin beschaffen ist, gemeinhin als Glückshormon bekannt. Seitdem M., der selbst aus schwierigen Familienverhältnissen stammt, für sich erkannt hat, dass vielleicht mehr hinter seinem Leiden steckt als bloße Genetik, lässt er sich neben seiner Medikation auch von einer Psychotherapeutin helfen. Trotz Medikamenten sei es wichtig, auch die konkreten Probleme anzugehen. Momentan gehe es ihm aber außerordentlich gut. Er hat seine Mutter schon länger nicht mehr angerufen.

*Name der Redaktion bekannt