MÄRKISCH BUCHHOLZ - Hellgelbe Farbe ziert das zweigeschossige Haus gleich neben dem Eiscafé. Es ist ein unscheinbares Gebäude an einer unscheinbaren Kopfsteinpflasterstraße, die sich quer durch das brandenburgische Märkisch Buchholz zieht. Das Haus war einst die Dorfkneipe, das Café Görsch. Zwei Briefkästen hängen am großen Tor.

Nichts deutet auf die heutige Bestimmung des Hauses in der Friedrichstraße 27 hin, das im Ort nun anders heißt. Café Braun wird es genannt. Oder NPD-Haus. Seit drei Jahren wohnt hier Sven Haverlandt. Er macht aus seiner rechtsextremen Gesinnung keinen Hehl. Haverlandt hat die Fenster im Obergeschoss vergittern lassen und in dem Haus ein Büro der NPD eingerichtet. Bei den Kommunalwahlen im Mai wollte er der erste Bürgermeister der NPD in Brandenburg werden. Es kam anders.

350 Meter von dem Haus mit der gelben Fassade entfernt, dort, wo die Kopfsteinpflasterstraße in einen asphaltierten Damm übergeht, steht ein schöner Backsteinbau, eine alte Schule. Sie wurde saniert und vor zwei Jahren als Literatur- und Begegnungszentrum mit Gemeindebüro eröffnet. Es ist benannt nach dem prominentesten Einwohner des Ortes, dem 1984 verstorbenen Schriftsteller Franz Fühmann.

Im Haus ist es kühl, Bianca Urban führt erklärend durch das Gebäude. Hier die Fühmann-Ausstellung, dort das Literaturcafé, in dem die alten Stühle aus der Schulaula stehen. Die Mädchen und Jungen vom Jugendclub gegenüber haben sie aufgemöbelt. Bianca Urban bietet Kaffee an, schenkt sich selbst eine Tasse ein und setzt sich dann in den schattigen Garten, den sich das Literaturzentrum und der Jugendclub teilen.

Sie hat das persönlich genommen

Die blonde Frau mit dem wachen Blick hinter der randlosen Brille ist der Gegenpart zu Haverlandt. Bianca Urban ist Mitinitiatorin der Bürgerinitiative „Buchholz offen und bunt“, die Haverlandts Pläne und die seiner Partei durchkreuzt hat. Urban hat selbst für das höchste Amt ihres Heimatortes kandidiert.

Zum zweiten Mal nach 2008 ist sie Bürgermeisterin geworden. Beim ersten Mal, als sie für den Heimatverein angetreten war, hatte es nicht auf Anhieb geklappt. Urban musste in die Stichwahl. Diesmal ging sie für die Bürgerinitiative an den Start. Das Votum war überwältigend. Weit über zwei Drittel der Wähler wollten, dass sie auch in den nächsten fünf Jahren weitermacht.

„Klar ist das ein tolles Wahlergebnis und ein echter Vertrauensbeweis“, sagt Bianca Urban, die Fachanwältin für Sozialrecht. Sie streicht sich eine blonde Strähne aus der Stirn. Ihr Lächeln hält nicht lang, sie räuspert sich, schlägt die Beine übereinander und nippt nachdenklich an ihrem Kaffeepott, den sie so hält, als müsste sie sich die Hände daran wärmen. Der NPD-Mann ist zwar als Bürgermeisterkandidat „grandios gescheitert“, wie sie ohne Ironie sagt. Doch viele Buchholzer haben ihn in das örtliche Parlament gewählt. Sogar mit dem fünftbesten Ergebnis unter 25 Bewerbern. An einer geringen Wahlbeteiligung kann es nicht gelegen haben, fast 80 Prozent der Buchholzer gaben am Wahltag ihr Stimme ab.

Bianca Urban, 37 Jahre alt, hat das persönlich genommen. „Dass er es so eindeutig schafft, damit habe ich nicht gerechnet, das war ein echter Schock“, bekennt sie, ihr rechter Fuß wippt nervös. Sie versucht erst gar nicht schönzureden, was so offensichtlich geworden ist. Dafür ist sie gar nicht der Typ. „Mir war überhaupt nicht klar, dass wir hier so ein rechtes Potenzial haben.“

Hier, das ist ihre Heimat. Hier ist sie zur Schule gegangen, in jenem Backsteingebäude, in dessen Garten sie gerade sitzt. Bis es die DDR nicht mehr gab, bis aus der Polytechnischen Oberschule die Fühmann-Grundschule wurde und Bianca Urban nach Königs Wusterhausen musste, um ihr Abitur zu machen. Da war sie zwölf, der Konsum, in dem die Mutter arbeitete, wurde ein Supermarkt, die LPG, in der der Vater Schlosser war, machte dicht.

Ein typisch idyllisches Örtchen am Tor zum Spreewald

„Meine Eltern haben nicht resigniert“, sagt Bianca Urban. Sie haben sich mit einem kleinen Hotel selbstständig gemacht. Die Pension gibt es immer noch. Bianca Urban hat in Berlin studiert, später in Stralsund bei der Rechtsschutz GmbH des Deutschen Gewerkschaftsbundes gearbeitet. Doch als es dann nach München gehen sollte, ist sie zurückgekehrt nach Märkisch Buchholz. Wegen der Familie, wegen der Freunde, wegen der Ruhe nahe an der Großstadt, wegen ihrer beiden Kinder, die hier aufwachsen sollten. Es klingt nach Heimweh.

Märkisch Buchholz ist ein idyllisches Örtchen, das Tor zum Spreewald, so steht es in den Reiseführern. Die kleinste Stadt Brandenburgs hat mit ihren gerade einmal 750 Einwohnern die Größe eines Dorfes. Es gibt den Heimatverein, den Tourismusverein und den Sportverein. Die Angler sind ebenso organisiert wie die Kleingärtner.

Mitten im Wald liegt ein kleiner jüdischer Friedhof, der zur Nazizeit teilweise verwüstet wurde. Der Ort selbst wurde im Zweiten Weltkrieg zu 70 Prozent zerstört. In der Gegend tobte die letzte große Kesselschlacht. Die Toten liegen auf dem größten deutschen Soldatenfriedhof im Nachbarort Halbe. Dort marschierten jahrelang alte und neue Nazis zum sogenannten Heldengedenken auf. Halbe schaffte es damit jedes Jahr in die Nachrichten. In Märkisch Buchholz, nur fünf Autominuten entfernt, blieb es ruhig.

Bis das Café Görsch verkauft wurde. An die Ehefrau des damaligen NPD-Kreisvorsitzenden. „Den Namen Haverlandt kannte hier keiner“, sagt Bianca Urban fast entschuldigend. Auch dem Makler war entgangen, dass der Mann seiner Kundin noch aktives Mitglied der NPD, ja, sogar Parteifunktionär war.