Leben nach dem Mauerfall: Dieser Mann öffnete Bornholmer Straße die Grenze

Berlin - Hätte Harald Jäger nicht Hunde so gern und die Natur, wäre die deutsche Geschichte vielleicht anders verlaufen. Dann hätte Harald Jäger sich nicht schon als Junge für die Hundeführerschule der Grenzpolizei in seiner Heimatstadt Bautzen begeistert, dann hätte er sich 1961 nicht zur Grenzpolizei gemeldet, sondern wäre Ofensetzer geblieben.

Doch es kommt anders, er wird Grenzer, er wird Mitarbeiter der „bewaffneten Organe“ und ist froh, als die Mauer gebaut wird, weil die Schmuggelei nach Westen jetzt ein Ende hat. Am 9. November 1989 ist Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger der diensthabende Leiter des Grenzübergangs Bornholmer Straße in Berlin. Dort gibt er irgendwann zwischen halb elf und elf Uhr nachts einem Kollegen den Befehl, die Grenzkontrollen einzustellen und die Menschen einfach passieren zu lassen. Er ist der Mann, der die Mauer aufgemacht hat.

Harald Jäger sitzt in seinem Wohnzimmer auf einem wuchtigen Sofa. Er hat Kaffee gemacht, in einer Thermoskanne auf dem Esstisch steht er, daneben zart geblümte Tassen. Jäger ist Jahrgang 1943, Rentner, er trägt ein blaues T-Shirt, Jeans, kurzes graues Haar, eine Brille mit Metallfassung. Seit ein paar Jahren wohnt er in Werneuchen, nordöstlich von Berlin, in einem Mehrfamilienhaus aus den Sechzigerjahren. Wegen des Gartens, den sie hier haben, sind seine Frau und er hierhergezogen. Von Berlin-Hellersdorf, wo sie früher gewohnt haben, war die Fahrt so weit.

Die Nacht, um die es in dieser Geschichte geht, liegt 25 Jahre zurück. Nach so langer Zeit fällt es einem oft nicht leicht, sich genau zu erinnern. Bei dieser Nacht ist es anders, das geht vielen Menschen so.

Ein Kaffee und zwei Brötchen

Für Harald Jäger ist es die Nacht seines Lebens. Aber das weiß er nicht, als er am frühen Abend Hunger bekommt. Er geht in die Kantine. Dort sitzt er allein am Tisch, deshalb sieht er die Nachrichten im Fernsehen, und hört, was Günter Schabowski zum neuen Reisegesetz der DDR sagt. Er hört die Worte „sofort und unverzüglich“. Sie beziehen sich auf den Zeitpunkt, zu dem das neue Gesetz in Kraft treten soll.

Harald Jäger hatte sich einen Kaffee und zwei Brötchen geholt. „Die müssen heute noch irgendwo rumliegen“, sagt er und lächelt verschmitzt. „Mir ist der Bissen im Hals steckengeblieben.“ Beim Hinausgehen sagt er zu den Kollegen: „Was redet der denn da für einen geistigen Dünnschiss.“ Harald Jäger hat offenbar nicht vor, Schabowskis Worte ernst zu nehmen. Aber dann ruft er doch seinen Vorgesetzten an, Oberst Ziegenhorn, den stellvertretenden Leiter der Hauptabteilung VI des Ministeriums für Staatssicherheit. Denn dieser ist die Passkontrolleinheit, der Harald Jäger angehört, unterstellt.

Wenn Harald Jäger von den Telefongesprächen erzählt, die er in dieser Nacht mit Ziegenhorn geführt hat, dann tut er das in Dialogform. „Wegen diesem Unsinn rufst du an“, habe Ziegenhorn gesagt. – Und er: „Was ist da dran?“ – „Nüscht. Sind schon welche da?“ – „Nö.“ – „Wenn welche kommen, schick sie wieder nach Hause.“

Zwanzig Minuten später kommen sie. „Sie standen hinten, sie beobachteten“, sagt Harald Jäger. Für kurze Zeit halten sie sich noch an das Schild mit der Aufschrift Grenzgebiet. Sie dürfen es nur mit Grenzübertrittsdokumenten betreten, also einem Reisepass mit Visum. Dann kommen die Ersten nach vorne an den Schlagbaum. „Schabowski hat doch gesagt, wir dürften sofort ausreisen. Ihr sagt doch immer, was die Partei sagt, ist richtig.“ An solche Sätze kann Harald Jäger sich erinnern. Er ruft Ziegenhorn an. Der sagt: „Schick sie weg.“ Draußen werden es immer mehr, mit jeder Straßenbahn.

Ein Funkstreifenwagen fährt vor. Ein Volkspolizist ruft durchs Megafon, man könne die Reisedokumente bei der Volkspolizei beantragen, jetzt sofort. „Das nächste Revier war am Arnimplatz“, sagt Harald Jäger. „Aber das war ja schon zu um diese Zeit, und deshalb waren die auch nach 20 Minuten wieder da.“ Sauer seien sie gewesen.

„Ihr wollt uns veralbern.“ Dann sind alle drei Spuren der Bornholmer Straße blockiert, bis zur Schönhauser Allee stehen die Autos, die Menschen, die Straßenbahnen fahren nicht mehr, sie können vorne am Übergang nicht mehr wenden. Harald Jäger weiß, warum ausgerechnet hier so viele Menschen sind. Prenzlauer Berg ist die Hochburg der Bürgerrechtler und Umweltaktivisten, Menschen, die im Stasi-Jargon als feindlich-negative Kräfte bezeichnet werden.

Harald Jäger ruft Ziegenhorn an. „Wir brauchen eine Lösung, wir müssen was tun“, sagt er zu ihm. „Jäger, du weißt, was du zu tun hast.“ – „Die lassen sich nicht zurückschicken.“ Ziegenhorn legt auf. Draußen wird es immer schlimmer. Sie müssen den spanischen Botschafter abweisen, weil alles blockiert ist. Harald Jäger ruft Ziegenhorn an.

Der lässt sich diesmal weiter nach oben verbinden, zu Generalmajor Gerhard Niebling, der die Zentrale Koordinierungsgruppe des MfS leitet, die für die Bekämpfung von Übersiedlung, Flucht und Fluchthilfe zuständig ist, oder zu Generalleutnant Neiber, den Stellvertreter von Minister Mielke.

Harald Jäger weiß es nicht genau. Er soll jedenfalls bei dem Gespräch mithören. „Aber halt die Klappe.“ So hört Harald Jäger, wie der General Ziegenhorn fragt: „Ist Jäger überhaupt in der Lage, das einzuschätzen?“ Da schaltet Jäger sich dazu. Er hält den Telefonhörer aus dem Fenster. Die Verbindung bricht ab.

Vielleicht ist das der Zeitpunkt, in dem sich bei Jäger etwas in Bewegung setzt, und sei es nur, weil er so wütend ist, dass man das heute noch spürt. „Ich habe 28 Jahre lang meine Arbeit an der Grenze gemacht, und die halten mich für zu blöd“, sagt er.

Kurz darauf meldet sich Ziegenhorn: „Wir lassen alle raus, die provokatorisch in Erscheinung treten.“ Die Ventillösung. Den Passkontrollstempel sollen sie zur Hälfte auf das Bild im Personalausweis drücken. „Die lasst ihr nicht wieder einreisen.“ Endlich gibt es etwas zu tun. Harald Jäger trommelt seine Leute zusammen und weist sie ein. Zwei-, dreihundert Leute lassen sie über die Grenze in den Westen.

Forderungen werden lauter

Doch statt den Druck zu lockern, bewirkt das Verfahren das Gegenteil. Die Forderungen werden lauter. Harald Jäger ruft Ziegenhorn an. „Ich habe gefragt, ob wir nicht alle ausreisen lassen können. Der Druck war so groß.“ Ziegenhorn: „Du hast eine Weisung gekriegt, mehr ist nicht.“ Seine Mitarbeiter sagen: „Harald, du musst was tun.“ Er habe gewusst, was sie wollten. Aber gesagt habe es keiner. „Das wäre Hochverrat gewesen.“

Nun kommen die Ersten zurück, deren Lichtbild sie gestempelt haben. „Bleibt mal drüben“, sagen Harald Jägers Leute ihnen. Ein Ehepaar lässt sich nicht abweisen. Harald Jäger wird geholt. „Sie müssen uns zurücklassen“, sagt die Frau. „Zu Hause liegen unsere Kinder und schlafen.“ Niemand habe ihnen gesagt, sie könnten nicht zurück. „Da wurde mir der ganze Irrsinn dessen klar, was wir getan hatten“, sagt Harald Jäger. „Wir hatten gegen bestehende Gesetze verstoßen, indem wir die Leute auf diese Weise ausgebürgert haben. Ich hätte den Befehl gar nicht befolgen müssen.“

Es ist jetzt gegen halb elf Uhr abends. Harald Jäger gerät in eine Art Rausch. Es ist, als ob die enthemmte Menschenmasse in ihm etwas löst. Das Ehepaar, der Botschafter, die Forderungen der Kollegen. Er sieht, wie der Metallzaun zwischen Fußgängern und Autofahrern sich biegt „wie sonst was“.

Er sagt: „Mach den Schlagbaum auf.“ – „Was“, fragt der Zugführer. Das ist der letzte Moment, in dem Harald Jäger noch hätte umkehren können. „Ach, nichts“, hätte er sagen können. Stattdessen sagt er: „Du hast gehört, was ich gesagt habe. Schlagbaum auf und alle rauslassen.“ Und der Zugführer tut es.

Harald Jäger ist ein bodenständiger Mann, Ofensetzer, Oberstleutnant. Aber wenn er seinen Zustand beschreibt, nachdem er die Anweisung gegeben hat, klingt es, als erzähle er von einer Art Trip. „Man schwebt. Ohne Anziehung“, sagt er. „Man ist nur noch sich selbst überlassen und weiß nicht, was geschieht.“ Irgendwann sei dann das Bewusstsein zurückgekehrt und mit ihm die Gefühle. Entsetzen, Enttäuschung, Angst, Freude, Erleichterung. Er geht zurück in das Dienstbüro, er muss Ziegenhorn anrufen. Wie er dorthin gekommen ist, daran kann er sich nicht erinnern. Er kann seine Beine kaum kontrollieren. Der 9. November ist ein kalter Tag, aber Harald Jäger erinnert sich dran, wie ihm der Schweiß den Rücken hinabläuft.

Er hätte in sein Dienstzimmer gehen können. „Aber ich wollte nicht allein sein.“ So als könnten ihm die Kollegen allein durch ihre Anwesenheit etwas von der Verantwortung abnehmen. Die Kollegen in der Baracke, der Zugführer, der Lageoffizier und zwei Kollegen von der Passkontrolle, müssen das auch so empfunden haben. Bis auf den Lageoffizier verlassen alle den Raum. Harald Jäger fühlt sich verlassen. Er ruft Ziegenhorn an. „Ich habe die Kontrollen eingestellt, wir konnten die GÜST (Grenzübergangsstelle) nicht mehr halten.“ Und Ziegenhorn? Der bekommt keinen Wutanfall, spricht nicht von Befehlsverweigerung, er sagt: „Ist gut, mein Junge.“

„Er wird gemeint haben: Hast du endlich begriffen, was du machen musst“, sagt Harald Jäger. „Er hätte es nicht anordnen können.“ Gesprochen haben die beiden nie über diese Nacht. So, als hätte es sie nie gegeben. Auch der Lagefilm und der Rapport des 9. November am Grenzübergang Bornholmer Straße sind verschwunden. Ein Jahr später stirbt Oberst Ziegenhorn an einem Herzinfarkt.

„Ich hab’ heute Nacht die Grenze aufgemacht"

Draußen an der Grenze fließt der Strom in den Westen. Es wird Sekt getrunken, auch die Grenztruppen bekommen welchen angeboten. Ob sie akzeptiert haben? „Wir waren ja im Dienst“, sagt er. Es ist ein Satz, der ein helles Licht auf das Pflichtbewusstsein Harald Jägers wirft und seine Tat noch ein wenig unwahrscheinlicher erscheinen lässt. Er ist im Dienst, auch wenn die Welt Kopf steht. Später steht er neben einem Kollegen. „Harald, das war’s dann wohl“, habe der gesagt. Um acht Uhr morgens ist seine Schicht zu Ende, er geht nach Hause. „Ich hab’ heute Nacht die Grenze aufgemacht“, sagt er seiner Frau. „Verklapsen kann ich mich alleine“, antwortet sie, dann ist sie weg. Um zehn hat er einen Arzttermin, später ruft er seine Schwester an. Er habe mit jemandem sprechen müssen, sagt er. Und abends tritt er wieder an zum Dienst an der Bornholmer.

Erst im Januar geht er selber das erste Mal nach West-Berlin. Als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit darf er nicht früher. Über die Bornholmer Straße geht er in den Wedding, holt sich die 100 Mark Begrüßungsgeld. Es ist schon dunkel, er bleibt vor einem Döner-Imbiss stehen. Er traut sich nicht zu fragen, was das ist. Auf dem Rückweg sieht er bei einem Autohändler eine zweikolbige Luftpumpe fürs Auto. Zehn Mark kostet sie ihn. Den Rest des Geldes gibt er seiner Frau.

1990 wird das Ministerium für Staatssicherheit aufgelöst. Harald Jäger ist fast zwei Jahre arbeitslos. Dann arbeitet er in verschiedenen Zeitungskiosken, er verkauft Tiefkühlkost vom Wagen herunter, verdient höchstens 700 Mark im Monat. Später wird er Wachmann, arbeitet im Maßregelvollzug in Reinickendorf. Auch seine Frau verliert ihre Arbeit im Archiv der Bezirksleitung der SED, verdingt sich als Reinigungskraft.

„Ich könnte mich als Verlierer der Wende fühlen“, sagt Harald Jäger. Aber das tut er nicht. „Weil ich mich mit der Vergangenheit beschäftigt habe.“ Zu DDR-Zeiten habe man alles für richtig gehalten. Und die Ziele seien auch sehr gut gewesen. „Aber erreicht haben wir sie nicht.“ Sie hätten die eigene Bevölkerung unterdrückt. „Wir haben ihnen die Denkfreiheit geraubt, die Bürgerrechte.“

Er hat die Freiheit genutzt. Seine erste Reise führte ihn nach Bornholm. „Eine schöne Insel“, sagt er. „Und die Dänen so freundlich.“ Er war mit seiner Frau auch in Italien, Norwegen, der Schweiz. „Schon deshalb hat sich’s gelohnt.“ Am 5. November wird der Film „Bornholmer Straße“ in der ARD zu sehen sein. Charly Hübner spielt Harald Jäger, sie haben sich ein paar Mal getroffen. Bei einer Voraufführung in München hat ihn der Produzent nach vorne gerufen. Stehende Ovationen habe es gegeben. Ob er sich als Held fühlt? „Nö“, sagt er. „Die Helden waren die anderen. Ich stand ja auf der sicheren Seite.“ Stolz vielleicht? Doch, ja. „Darauf, dass die Nacht ohne Blutvergießen ausgegangen ist und dass die Kollegen genauso gedacht und gehandelt haben wie ich.“ Er setzt hinzu: „Man hätte es auch falsch machen können.“

Jetzt fährt er in seinen Garten; wenn es warm genug ist, sind seine Frau und er tagelang dort. Als er noch an der Grenze arbeitete, durfte er keinen haben. „Ich musste jederzeit erreichbar kein, und es gab noch keine Handys“, sagt er. Den Antrag auf den Garten hat er schon im Sommer 1989 gestellt. Als habe er etwas geahnt. In der nächsten Folge lesen Sie: Wie der ehemalige Betriebsdirektor Wolfgang Becker zusammen mit der Belegschaft ein Chemnitzer Traditionsunternehmen gerettet hat.