Berlin - Die Balkontür steht bereits einladend offen. Man kann nicht anders, als geradewegs durch das Wohnzimmer zu gehen und die Aussicht zu bewundern. Alles ist grün ringsum, eben und ein bisschen hügelig, mittendrin blinkt ein See. Als Ingrid Beyer, 87 Jahre ist sie alt, selbst auf ihrem Balkon angekommen ist, sagt sie, dass das Zeugen der letzten Eiszeit seien. Dazwischen stehen Häuser wie große Schachteln, weiß-gelb-rote Plattenbauten. Die sind Zeugen des Wohnungsbauprogramms der DDR. Wir sind in Berlin-Hohenschönhausen.

„Die Straßen hier sind alle nach Antifaschisten benannt“, sagt die Gastgeberin. „Und als die Bürgermeisterin von Lichtenberg eine Kommunistin war, hat sie dafür gesorgt, dass die Kinder von den Schulen hier am 1. Mai Vorträge vorbereiteten über das Leben dieser Antifaschisten. Auch Texte und Briefe von ihnen wurden vorgelesen.“

Am Ende haben alle Blumen abgelegt am Denkmal für die Widerstandskämpfer. Das kann man auch vom Balkon aus sehen. Wie heißen die Straßen? Gerade fallen ihr nicht mehr Namen ein als Anton Saefkow, nach dem der Platz benannt ist, und Judith Auer. Die Schnellstraße, die man durch die Bäume sieht, passt nicht dazu. Aber mit der Frage „Wer war Landsberger?“ kann man Ingrid Beyer zum Lachen bringen. Nein, nein, das sei ja die Leninallee gewesen. Die wurde umbenannt nach der Wende.

Sie setzt sich an den Wohnzimmertisch, von dem aus man durch Glasscheiben die Küche sehen kann. Das ist eine Durchreiche, typisch für eine bestimmte Art von Neubauwohnungen. Im Flur steht ein Rollator. „Ich habe mir einiges gebrochen“, sagt Ingrid Beyer mit einem Lächeln, das wie eine Entschuldigung aussieht. „Aber mit dem Ding komme ich gut voran, runter mit dem Fahrstuhl, am Concierge vorbei, und dann erreiche ich alles mühelos, Einkaufen, Friseur, Krankengymnastik, Parteigruppe.“

Den Möbeln sieht man an, dass mit ihnen schon lange gelebt wird, ein paar Jahrzehnte. Auf der Schrankwand stehen Kleinplastiken und Vasen, wenig Schnickschnack. An der Wand hängt Kunst, kein Kunstgewerbe: Grafiken, Drucke von Karl-Georg Hirsch zum Beispiel, von Oskar Nerlinger. Auch ein großformatiges Selbstbildnis von Lea Grundig, das sie vor der Totenmaske ihres Mannes Hans Grundig zeigt. „Das hat sie mir zu meiner Dissertation geschenkt“, sagt Ingrid Beyer, „sie wollte zur Verteidigung kommen, hatte dann aber eine Autopanne.“ Lea Grundig, jüdische Kommunistin, war von 1964 bis 1970 Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler der DDR.

„Es gibt nicht nur Sonnenschein“

Kulturfunktionärin war auch Ingrid Beyer die meiste Zeit ihres Arbeitslebens. Nach dem Krieg, als sie noch eine Schule suchte, wo sie das Abitur ablegen konnte, wurde sie gleich zur Neulehrerin ausgebildet, arbeitete eine Weile mit Kindern im brandenburgischen Peitz, wurde dann an die Parteischule der SED nach Kleinmachnow delegiert. Anschließend war sie als Mitarbeiterin des Zentralkomitees der SED für das „künstlerische Laienschaffen“ zuständig. Dabei, während der Thomas-Müntzer-Festspiele in Sangerhausen, lernte sie ihren Mann kennen, einen Kommunisten, der das KZ hinter sich hatte. Er wurde später stellvertretender Bürgermeister von Berlin-Mitte. „Er hat sich aufgeopfert“, sagt sie.