Berlin - Plötzlich springt Christoph Dieckmann von seinem Korbstuhl auf und ruft lachend: „Das muss ich Ihnen zeigen!“ Der groß gewachsene Mann, der die ergrauten Haare im Nacken zum Zopf zusammenbindet, umkurvt routiniert all die Bücher- und Papierstapel im Arbeits- und Wohnraum seiner Altbauwohnung in Niederschönhausen und kehrt mit einer Mappe großformatiger Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Flur zurück.

Es sind Fotos von der Feierstunde zur Deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 im Rosengarten des Weißen Hauses. Präsident George Bush senior am Rednerpult vor Ehrengästen. Während ein Kinderchor in Seppelhosen und karierten Hemden „Auf der schwäb’sche Eisenbahne“ sang, saß Christoph Dieckmann in der zweiten Reihe und schoss Fotos. Nur: Er war gar nicht eingeladen.

Noch immer kann sich Christoph Dieckmann köstlich über diese Situation amüsieren. Wenn er lacht, klettert seine ruhige, leise Stimme in eine hohe Tonlage. „Ich war da der einzige Ostdeutsche“, gluckst er. Wieder einmal war er ein bisschen anders als die anderen. Diese Rolle hat er, der Sohn eines Pfarrers in der DDR, von Kindesbeinen an eingeübt. Nach dem Mauerfall hat er sie weiter kultiviert.

Aus der Perspektive des Einheimischen

Mit zehn Nachwuchs-Journalisten aus zehn Ländern von Uganda bis Litauen bereiste Dieckmann damals für sechs Monate die USA. Sein Englisch hatte er zuvor bei der Mutter von Angela Merkel aufpoliert, sie gab damals Kurse im Missionshaus in Ost-Berlin. Dort war er kirchlicher Medienreferent und nebenher freier Mitarbeiter der DDR-Wochenzeitung Sonntag, die schon bald zum Freitag werden sollte.

Durch glückliche Umstände, er selbst spricht von einem „Ossi-Bonus“, hatte der 34-jährige Theologe mit ungewisser beruflicher Perspektive in den Wendezeiten ein Stipendium des US-amerikanischen World Press Institute ergattert. An jenem 3. Oktober hatte die Gruppe, rein zufällig, einen Besichtigungstermin im Weißen Haus. Dieckmann setzte sich trickreich ab, ging allein auf die Suche nach einer Feier des historischen Tages. Und wurde tatsächlich ungehindert fündig.

Über die Eindrücke von seiner USA-Reise schrieb er im Sonntag. Später wurde ein Buch daraus mit dem Titel „Oh! Great! Wonderful! – Anfänger in Amerika“. Als er zurückkehrte, bot ihm Die Zeit in Hamburg einen Vertrag an. Von da an war er in ihrem Berliner Büro der erste und für lange Zeit einzige ostdeutsche Redakteur. Zu Beginn hat er sich gelegentlich selbstironisch Quoten-Ossi genannt, später Ostschreiber.

In seinen Reportagen und mittlerweile 15 Büchern beschrieb Dieckmann fortan nicht nur, aber vor allem den deutschen Osten. Wie er aus seiner Sicht einmal war und wie er sich nach der Vereinigung verändert hat. Die Orte. Die Menschen. Das Alltagsleben. Seine Aufgabe sah er auch darin, Übersetzungsarbeit zu leisten, sagt er.

Den Westlern den Osten zu erklären. In den Neunzigerjahren erhielt er für seine stets aus der Perspektive des Einheimischen geschilderten Betrachtungen renommierte Preise. In den Feuilletons wurden seine Bücher beachtet und gelobt. Unter ostdeutschen Intellektuellen gab es regelrechte Dieckmann-Fangemeinden. Das ist alles schon eine Weile her.