Leben nach dem Mauerfall: Plötzlich fehlten in der LPG die Leute

Mestlin - Von der Ernst-Thälmann-Straße gelangt man direkt auf den Marx-Engels-Platz von Mestlin. Auf dem Platz steht ein riesiges Gebäude, das sich Kulturhaus nennt und architektonisch sehr an die Berliner Stalinbauten erinnert. Und wer sich dann in Richtung Ortsausgang bewegt, der gelangt zur LPG Mestlin.

Ein Spaziergang durch Mestlin, das mecklenburgische Dorf, könnte eine Art Zeitreise zurück in die DDR sein. Es ist dann aber doch alles etwas anders, als man denkt. Wie so oft im Leben. Für wohl kaum einen anderen Ort hat die Wiedervereinigung so eklatante Veränderungen mit sich gebracht wie für Mestlin.

Ein paar Hundert Meter vom Marx-Engels-Platz entfernt sitzt Verena Nörenberg-Kolbow an ihrem Schreibtisch in einem Gebäude eben dieser LPG und sieht sich im Internet die Wetteraussichten an. „Wir brauchen dringend Regen“, sagt die 58-Jährige, und ein paar Sorgenfalten ziehen sich über ihre Stirn. Doch es dauert nicht lange, da lacht die Frau mit der Brille und den kurzen braunen Haaren wieder. Verena Nörenberg-Kolbow ist eine Optimistin. Der Regen wird kommen, und wenn er nicht kommt, wird es trotzdem weitergehen. So, wie es auch in der Vergangenheit immer irgendwie weitergegangen ist.

Verena Nörenberg-Kolbow ist die Chefin der LPG Mestlin. Selbst die landwirtschaftliche Genossenschaft heißt hier noch wie früher. Zumindest fast. Als nach der Wiedervereinigung ein neuer Name für den Betrieb gesucht wurde, machten die Mestliner aus ihrer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft einfach die landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft. „Bei der Namenswahl waren wir wohl etwas nostalgisch“, sagt Verena Nörenberg-Kolbow. Doch bevor sie damit beginnt, ihre Geschichte und die Geschichte ihres Dorfes zu erzählen, holt sie erst einmal einen Kaffee. „Den trinken wir hier übrigens noch immer am liebsten türkisch, ich hoffe, das macht Ihnen nichts aus?“, fragt sie noch im Hinausgehen, auf die Antwort wartet sie nicht.

Idyllisch im Niemandsland

Das Dorf liegt idyllisch mitten im Niemandsland. Rundherum gibt es nur Weide- und Ackerflächen. Zwei Stunden von Berlin entfernt, hat man, wenn man nach Mestlin kommt, die mecklenburgische Seenplatte noch nicht erreicht. 34 Kilometer sind es bis zur Landeshauptstadt Schwerin.

Mestlin war vor der Gründung der DDR ein unterentwickeltes Fleckchen Erde, welches, mal abgesehen vom Gutshof, nicht einmal an das Elektrizitätsnetz angeschlossen war. Doch zu DDR-Zeiten blühte der Ort auf. Das Dorf wurde auserwählt, zu einem sozialistischen Musterdorf zu werden. Am Beispiel Mestlins wollte man zeigen, wie überlegen der Sozialismus war. Es wurde jede Menge Geld investiert, es wurde gebaut, erneuert und verschönert. Auch das Kulturhaus wurde während dieser Zeit errichtet. Mehr als 3,5 Millionen Ostmark soll der ehemals so prachtvolle Bau gekostet haben.

Das zweigeschossige Haus mit seinen riesigen Fenstern und seiner Freitreppe war der Mittelpunkt aller Planungen. Und es funktionierte: Innerhalb kürzester Zeit wurde Mestlin zu einem der attraktivsten Dörfer der DDR. Immer mehr Leute zogen hierher. Aber nicht nur Mecklenburger kamen, auch aus Berlin, Sachsen und Brandenburg reisten die Zuzügler an.

Im Jahr 1980 kam auch Verena Nörenberg-Kolbow gemeinsam mit ihrem ersten Ehemann und der gemeinsamen Tochter in das Musterdorf. Die Familie bezog eine moderne Ausbauwohnung im Dachgeschoss eines Hauses direkt am Marx-Engels-Platz. Verena Nörenberg-Kolbow hatte zuvor an der Rostocker Wilhelm-Pieck-Universität Pflanzenproduktion studiert und begann nun in der Verwaltung der LPG zu arbeiten. Einige ihrer Universitäts-Lehrbücher hat sie heute noch. Sauber aufgereiht stehen sie in einer Regalwand im Konferenzraum gleich gegenüber von ihrem Büro.