Dr. Now verlangt von seinen Patienten eine Gewichtsabnahme, bevor er die Behandlung übernimmt.
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BerlinStopp! Die Senderwahl ist beim Durchlauf schneller geworden. Ich nehme den Finger weg: Da steht eine 42 auf dem Bildschirm. Der Sender auf diesem Platz heißt TLC, nie gehört. Aber wo ich nun mal da gelandet bin, sehe ich mir das laufende Programm an: „Mein Leben mit 300 Kilo“. Es ist eine Serie. In jeder Folge wird eine einzelne Person über zwölf Monate beim Kampf gegen ihr Übergewicht begleitet. Noch nie habe ich solche Körper gesehen oder für möglich gehalten.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht – aber bei mir wich der Schock dem Interesse, die Abwehr wich dem Mitgefühl. Mit jeder Sendung wurden die Gefühle verlässlicher.

TLC ist ein amerikanischer Kabel-TV-Sender, die Abkürzung steht für „The Learning Channel“. Man kann ihn in Deutschland seit 2014 empfangen. Bisher wurden von „Mein Leben mit 300 Kilo“ 108 Folgen produziert, eben läuft die 8. Staffel. Bei dem Thema kann nichts gefaked werden. Intime Bereiche werden unscharf gemacht. Aber man sieht groteske Lymphödeme und hängende Fleischwellen. Man sieht die Not.

In einer Klinik in Houston/Texas behandelt Dr. Younan Nowzaradan als Adipositas-Chirurg stark übergewichtige Patienten. Alle nennen ihn Dr. Now. Neben Magenbypass-Operationen führt er allgemeine, vaskuläre und plastische Eingriffe durch, wie die Entfernung überschüssiger Haut. Oft behandelt er Menschen, die wegen ihres Übergewichts von anderen Ärzten abgelehnt wurden.

Dr. Now ist ein kleiner, gebückter, alter Mann ohne Illusionen über seine Patienten. Jede Folge der Sendung gibt am Anfang bekannt: „Ihre Chance, langfristig an Gewicht zu verlieren, liegt unter 5 Prozent.“

Unter fünf Prozent! Die Eröffnung verabredet mit dem Zuschauer, dass er sich auf Vergebliches gefasst machen muss. Vielleicht wird er die Gründe begreifen, warum es Menschen mit einem nahezu bewegungslosen Leben, gesundheitlichen Gefahren, gesellschaftlicher Isolation so selten schaffen, weniger zu essen.

Die Folgen sind 45 bis 120 Minuten lang. Am Anfang werden die Patienten – es sind mehr Frauen als Männer – auf Fotos als Kinder und Jugendliche gezeigt, die immer dicker wurden. Oft fühlen sie sich ungeliebt, dominiert. Sie essen, um sich zu trösten. Später leben sie, um zu essen.

Sean wiegt 400 Kilo, als er zum Doktor kommt. Seine Mutter hatte ihn durch ständiges Füttern an sich gebunden, wie ein Baby. Nach einem Magen-Bypass nimmt er 136 Kilo ab. Zu Hause nimmt er wieder zu und stirbt mit 29 Jahren. Oft geraten Partner und Kinder in Co-Abhängigkeiten und besorgen jeden Tag Unmengen Fast Food, um Streit zu vermeiden. Oder sie essen auch selbst zu viel.

Dr. Now verlangt von seinen Patienten eine Gewichtsabnahme, bevor er die Behandlung übernimmt. Er will ihren Willen testen. Tatsächlich können sie nach der OP in kurzer Zeit 100 Kilo und mehr abnehmen. Aus 300 werden 200 Kilo, oder so. Aber dann kommt die Herausforderung, weiter abzunehmen oder das Gewicht zu halten. Das schaffen eben nur diese fünf Prozent. Die anderen halten plötzlich die Erwartungen von Dr. Now für übertrieben, wenn sie wieder zum Wiegen kommen müssen.

Ich kenne meine eigenen Gedanken, wenn eine sehr dicke Frau neben mir im Café Torte isst. Kann sie sich nicht zusammenreißen? Jetzt habe ich verstanden, dass genau das eben nicht geht. Die Serie kann ich als Übung in Empathie empfehlen.