Berlin - Das neue Fluggastterminal des BER ist nicht einmal zweieinhalb Monate in Betrieb – jetzt fordert die Gewerkschaft Verdi, die Passagierabfertigung am T1 einzustellen. Grund ist, dass Beschäftigte der Firma Securitas an Geräten der Fluggastkontrolle immer wieder Stromschläge abbekommen. Inzwischen häufen sich Unglücksfälle dieser Art, teilte Benjamin Roscher von Verdi am Montag mit. Alleine am 6. Januar sei es zu 11 dokumentierten Fällen gekommen, viermal waren Rettungseinsätze erforderlich. Insgesamt soll es bereits mehr als 60 Unfälle dieser Art gegeben haben. Die Bundespolizei bestätigte, dass es Probleme mit elektrostatischen Aufladungen gebe.

Die Dunkelziffer sei hoch, sagte Roscher der  Berliner Zeitung. Gut möglich, dass sich bereits weit mehr Vorfälle dieser Art ereignet haben. „Manche Mitarbeiter werden mehrmals während einer Schicht von Stromschlägen betroffen. Eine Kollegin traf es viermal, sie quittierte für den Tag ihren Dienst“, so der Landesbezirksfachbereichsleiter. 

Sicherheitsleute von Securitas berichten von starken Schmerzen, Taubheitsgefühl und Benommenheit, die sie durch die Stromschläge erleiden, teilte der Gewerkschafter mit. „Mehrfach mussten Verletzte via Rettungswagen in die umliegenden Krankenhäuser transportiert werden. Die behandelnden Ärzte attestierten bei einigen Betroffenen Arbeitsunfähigkeit aufgrund der Stromschläge und schrieben die Kollegen krank.“

Die Unfälle treten an den Handgepäckkontrollen im BER-Terminal 1 auf, das Ende Oktober eröffnet worden ist. Ursache seien elektrostatische Entladungen, wie ein Sachverständiger bestätigt habe, so die Bundespolizeidirektion Berlin. „Diese führen in der Regel zu keinen Verletzungen, können jedoch Schreckreaktionen verursachen“, erklärte eine Sprecherin am Montag. Der Bundespolizei seien solche Vorfälle seit dem 12. Dezember bekannt. Damals habe es erste Hinweise gegeben, hieß es.

Nach „gültigen Normen und anerkannten Regeln“

Die Entladungen entstehen an Röntgengeräten, in denen Handgepäck auf einem Fließband transportiert wird. Nicht alle Gepäckkontrollanlagen teilten Stromschläge aus, andere seien dagegen dafür berüchtigt, berichtete Benjamin Roscher. Sowohl die Haupthalle des T1 als auch der benachbarte Pavillon seien betroffen. Die Gefahr besteht, dass auch Fluggäste „einen gewischt“ bekommen, warnte der Verdi-Mann.

„Nach den ersten Hinweisen schaltete die Bundespolizei unverzüglich entsprechendes eigenes Fachpersonal, Fachpersonal des Herstellers der Kontrolltechnik sowie des Flughafenbetreibers ein“, entgegnete die Bundespolizeidirektion Berlin. „Im Ergebnis eines mittlerweile ebenfalls vorliegenden Sachverständigen-Gutachtens entsprechen alle Anlagen den gültigen Normen und anerkannten Regeln der Technik.“ Die Aufladungen können diverse Ursachen haben. Zum Beispiel seien solche Vorfälle möglich, wenn Mitarbeiter Kleidung mit hohem Synthetikanteil tragen oder auf isoliertem Boden mit isolierenden Schuhe unterwegs sind, teilte die Bundespolizei mit.

Die Mitarbeiter an den Kontrollstellen seien darüber informiert worden, wie sie elektrostatische Aufladungen verhindern könne, hieß es. So empfiehlt die Bundespolizei, „Electro Static Discharge“-Schuhe zu tragen, die Ladungen ableiten können. Außerdem bekamen sie Antistatik-Schlüsselanhänger, an denen sich Spannung entladen kann. Elektroschläge würden so vermieden. Mögliche weitere Gegenmaßnahmen könnten sein, ableitfähige Böden und Bodenunterlagen zu nutzen sowie regelmäßig feucht zu wischen. „Auch ist gegebenenfalls eine Veränderung der Bekleidungsmaterialien des Bedienpersonals in Erwägung zu ziehen“, so die Bundespolizei weiter.

Doch Benjamin Roscher berichtete, dass Gummimatten und Schlüsselanhänger nicht in jedem Fall Aufladungen verhindern konnten. „Geholfen hat das bisher kaum“, sagte er. 

Krankenhäuser wegen Corona schon stark belastet

„Als Gewerkschaft fordern wir, die Arbeiten an den betroffenen Geräten sofort und solange einzustellen, bis die technische Ursache für die Arbeitsunfälle gefunden und zweifelsfrei abgestellt ist“, so der Verdi-Mann am Montag weiter. „Das Verhalten des Unternehmens und der Bundespolizei ist grob fahrlässig. Außerdem belasten die Rettungswageneinsätze und die Einlieferungen in die Krankenhäuser das aufgrund von Corona sowieso schon stark angespannte Gesundheitssystem zusätzlich.“

Die Gewerkschaft verlangte, als Erstes die Passagierabfertigung im Terminal T5 zu untersuchen. Das neue Terminal sollte so lange nicht genutzt werden, bis das Problem behoben sei. Mit dem alten Schönefelder Flughafen stünden reichlich Ausweichkapazitäten zur Verfügung, so Roscher. „Aufgrund des ohnehin sehr niedrigen Passagieraufkommens käme es durch die Einstellung der Kontrolltätigkeiten im Terminal 1 noch nicht einmal zu Einschränkungen des Flugverkehrs.“

Flughafen: Terminal 1 bleibt in Betrieb

Am Nachmittag meldete sich Hannes Hönemann, Sprecher der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, kurz FBB. „Die FBB steht mit der Bundespolizei seit dem vermehrten Auftreten der elektrostatischen Entladungen im engen Kontakt. Daher wissen wir, dass die zuständigen Stellen der Bundespolizei verschiedene Maßnahmen ergriffen haben, die bereits zu einer deutlichen Reduzierung der elektrostatischen Entladungen geführt haben“, teilte Hönemann mit. „Die FBB geht davon aus, dass sich solche Vorfälle durch die Einhaltung entsprechender Verfahren und Vorkehrung bei Durchführung der Sicherheitskontrollen in Zukunft vermeiden lassen. Vor diesem Hintergrund besteht keinerlei Notwendigkeit, die Sicherheitskontrollen am BER Terminal 1 auszusetzen.“ Das bedeutet: Das neue Flughafengebäude bleibt in Betrieb.