Jerusalem/Berlin - Es ist 20 Uhr, Hauptnachrichtenzeit. Das aktuelle Magazin im Channel 10 präsentiert gleich zu Beginn ein Aufregerthema, über das seit Tagen ganz Israel spricht: den „Milky-Protest“. Der Fernsehsender hat eigens einen Reporter nach Berlin geschickt, um eine dreiteilige Serie über die günstigen Lebensverhältnisse dort zu drehen. Deswegen ziehen mittlerweile Heerscharen junger Israelis an die Spree.

Der Trailer der Sendung zeigt den Wirtschaftsjournalisten Matan Hodorov – kurze dunkle Haare, jungenhaftes Gesicht, randlose Brille – in einem Berliner Supermarkt, wo er einen Schokoladen-Pudding mit Sahnehaube aus dem Regal nimmt. „Milky“ nennt man dieses Fertigdessert in Israel, das zum Symbol einer Facebook-Kampagne gegen die hohen Lebensmittelpreise in Israel geworden ist. Hodorov hält den Puddingbecher in die Kamera. Tatsächlich: in Berlin ist er für 19 Cent zu haben. Das ist weniger als ein Drittel von dem Preis, der in Israel verlangt wird. Und dazu, stellt Hodorov fest, sei in der Berliner Variante „auch noch mehr drin“.

Bitterböse Reaktionen

Den Stein ins Rollen gebracht hat ein 25-jähriger israelischer Ex-Offizier, der inzwischen im Wedding, dem alten Berliner Arbeiterbezirk, wohnt. Er hat kürzlich die Rechnung seines Einkaufs in einem Supermarkt an der Ecke im Facebook gepostet. Damit wollte er seinen Landsleuten daheim demonstrieren, wie viel billiger man in Berlin als in Tel Aviv leben könne. Es ist Naor Narkis, sein Name ist seit dem vergangenen Wochenende bekannt. Erst wollte er ihn auf keinen Fall veröffentlicht sehen – aus gutem Grund, wie israelische Kommentatoren vermuten: Denn dass er und seine Gesinnungsfreunde sich „Olim le-Berlin“, also Berlin-Aufsteiger, nennen, hat ihnen nicht nur jede Menge Aufmerksamkeit beschert, sondern auch bitterböse Reaktionen. Schließlich ist der hebräische Begriff „Olim“ Einwanderern vorbehalten, die den Aufstieg ins gelobte Land machen. Auswanderer heißen in Israel „Jordim“ – Absteiger.

Nach Deutschland zu gehen, also ins „Land der Täter“, das galt bis noch vor einigen Jahren als besonders schändlich. Einige Journalisten wie Ben Caspit in der Zeitung Maariv, griffen wieder tief in die moralische Kiste, um diesen Facebook-Aufruf zu diskredittieren, nach Berlin zu kommen. Wie könne man sich nur als israelischer Jude ausgerechnet in der Hauptstadt des ehemaligen Nazi-Regimes niederlassen, warfen sie den Berlin-Fans vor und nannten das „geschichtsvergessen“.

Aber es gab auch massive Kritik an dieser Argumentation. „Es ist korrekt, niemals zu vergessen. Aber es ist dumm, sich niemals voran zu bewegen“, konstatierte der Journalist David Rosenberg. Sein Kollege Anschel Pfeffer konstatierte: „Auswandern ist kein Makel mehr, dessen man sich schämen muss.“ Statt dieser Diskussion drängte sich schnell eine ganz andere Frage in den Vordergrund – und zwar, wieso eigentlich die Lebenshaltungskosten in Israel derart hoch sind.

In Berlin muss man für Nahrungsmittel 25 bis 50 Prozent weniger bezahlen als in Israel. Das hat Reporter Hodorov vor Ort akribisch überprüft. „Der Preisunterschied ist riesig“, berichtete er. „Und dies bei vergleichbaren Löhnen.“ Schuld an den hohen Preisen in Israels Supermärkten sind Zölle zwischen 55 und 212 Prozent, die der Staat auf importierte Molkereiprodukte erhebt, um die eigenen Milchkonzerne zu protegieren. Zudem wird in Israel eine pauschale Mehrwertsteuer von 18 Prozent auf sämtliche Güter und Dienstleistungen erhoben. „Egal, ob es sich um Eier oder eine Nacht im Luxushotel handelt“, so Hodorov.