Berlin - Iven ist heute zehn Jahre alt, ein blonder Junge, ein bisschen schmächtig vielleicht. Als er vor drei Jahren neu in die Klasse kam, machten sich seine Mitschüler schon bald über ihn lustig. Sie fragten ihn, wer sich denn diesen Namen ausgedacht habe. Das klinge ja wie ein Mädchen. „Hinzu kam, dass ich damals eher klein war und auch nicht der Schnellste“, sagt Iven. Deshalb sei er auch in Prügeleien geraten und habe sich unglücklich gefühlt.

Was Iven widerfahren ist, heißt Mobbing. Andere Schüler beleidigen und hänseln immer wieder denselben Schüler. Das passiert an vielen Schulen in Berlin. Täglich. Nicht nur in der Grundschule an der alten Feuerwache in Oberschöneweide, die Iven besucht. Sein Klassenlehrer Hauke Frieböse berichtet, dass mehr als 80 Prozent der Schüler schon einmal beleidigt wurden und darunter leiden. „Meist passiert das während der Pausen.“

Fortbildungen für Lehrer

Die Bildungsverwaltung hat darauf reagiert. Es gibt eine Anti-Mobbing-Fibel und einen Notfallplan, der für die Schulen festlegt, was in schweren Mobbingfällen, gar bei einem Suizidversuch zu tun ist. Bis zum Jahresende soll jede Schule zudem zwei sogenannte Anti-Mobbing-Koffer erhalten. Ein solcher Koffer enthält viel Papier und vier Filme rund um das Thema. Zentrales Element ist ein aufwendiges Handbuch, mit dem die Lehrer eine Projektwoche über Mobbing durchführen können. Es geht um feste Verhaltensregeln und darum, dass die Schüler sich mit Hilfe von Rollenspielen besser in den anderen hineinversetzen sollen. Schüler sollen sagen, wie sie von Mitschülern behandelt werden wollen – und wie nicht.

Dafür werden zunächst die Lehrer fortgebildet. Im Bezirk Treptow-Köpenick, wo auch Ivens Grundschule ist, haben die meisten Schulen bereits daran teilgenommen. Inzwischen hat auch die Klasse des Fünftklässler Iven eine solche Projektwoche gemacht. „Es war wichtig, dass wir darüber geredet haben, wie wir uns fühlen“, sagt Iven. „Aber ich war richtig schockiert, dass manche sich wegen Mobbing selbst umbringen wollen.“

Der noch junge Lehrer Frieböse findet das Projekt gut. Allerdings glaubt er, nicht alle Schüler erreicht zu haben. Mitunter nämlich fehle es schon in den Familien an Aufmerksamkeit füreinander, da könnten sich manche Schüler auch nicht wirklich in die Gefühlswelt ihrer Mitschüler hineinversetzen. Eine Lehrerin berichtet, dass Schüler irritiert seien, weil das, was sie bisher für Hänseleien gehalten hätten, nun als Mobbing gelte. Und nicht alles ist tatsächlich Mobbing. „Wird einmal eine Federtasche versteckt oder jemandem eine Mütze von Kopf gerissen, ist das oft Teil der unvermeidlichen Machtkämpfe in der Klasse“, heißt es denn auch in den Empfehlungen. Auch die Eltern wurden während der Projektwoche einbezogen. Schulleiterin Gudrun Weimann berichtet, dass nach der Wende hier am einstigen DDR-Industriestandort Oberschöneweide viele Eltern plötzlich zu „einem Heer von Arbeitslosen“ geworden seien. Inzwischen geht offenbar die soziale Schere auch im Kiez rund um die Grundschule auseinander. „Da gibt es Kinder mit einem Terminplan voll wie Manager.“ Und es gebe Kinder, die seien bereits im Grundschulalter eher „eine Art Partner der alleinerziehenden Mutter“.

Sofort handeln

Schulpsychologen raten Eltern sofort zu handeln, wenn es auch nur den Verdacht gibt, dass das Kind gemobbt wird. Sie sollten ihr Kind gezielt darauf ansprechen und ihm mitteilen, dass sie es auf jeden Fall schützen werden. Bestätigt sich der Verdacht, sollte der Klassenlehrer informiert werden. Nicht zu akzeptieren sei es, wenn Eltern Abneigungen gegen einen einzelnen Schüler noch verstärken, etwa in dem sie ihrem eigenen Kind den Umgang mit dem Mitschüler verbieten.

„Eine besondere Herausforderung für viele Lehrer ist das Thema Cybermobbing“, sagt Schulpsychologin Ulrike Buckwitz. Denn hier sei zunächst unklar, was genau passiert sei. Nach der Debatte um die inzwischen abgeschaltete Internet-Hetzseite „Isharegossip“ vor gut einem Jahr ist die Zahl der gemeldeten schweren Mobbingvorfälle im zu Ende gehenden Schuljahr aber auf 71 gesunken. Das teilte die Bildungsverwaltung mit. Im Jahr davor gab es 93 Meldungen.