Wandlitz - Mit einem Seufzer lässt sich die Witwe aufs Sofa fallen. Ihr krummer Diener, die Haare zerzaust, das Hemd halb aus der Hose hängend, versucht, sie zum Aufstehen zu bewegen. „Gnädige Frau, das ist nicht gut. Sie richten sich zugrunde.“ Seit Monaten verschanzt sich die Trauernde in der Wohnung und empfängt keinen Besuch. Dem grobschlächtigen Gutsbesitzer sind die zarten Gefühle der Witwe herzlich egal. Er stürmt ins Haus und fordert sie auf, ihm das Geld auszuzahlen, das ihm ihr verstorbener Mann schuldet.

Nicht irgendein Ort

Die Szene spielt sich auf der Bühne des privaten „Theaters am Wandlitzsee“ ab. Und das befindet sich nicht irgendwo, sondern in einer der bekanntesten Ortschaften im Land Brandenburg: in Wandlitz (Barnim) und dort auch noch in der ersten Etage des bekannten Bahnhofs gleich gegenüber dem ebenso bekannten Freibad.

Dass der einstige Prominentenort nun auch ein Theater hat, liegt an Julia Horvath, die in diesem Stück die Witwe spielt, und an Sascha Gluth, der den Gutsbesitzer gibt. Die beiden Schauspieler sind von Berlin nach Wandlitz gezogen und haben dort im Herbst 2016 ihr Theater eröffnet – denn so etwas gab es in der Gegend bisher nicht.

Insgesamt gibt es in Brandenburg ein Staatstheater in Cottbus, vier kommunale Theaterhäuser und mehr als 25 professionelle Freie Theatergruppen, von denen aber viele keine eigenen Spielstätten haben. Pointiert, mit Slapstick und Musik bringt das Ehepaar in Wandlitz das Stück „Der Bär“ von Anton Tschechow auf die Bühne – zusammen mit dem Einakter „Der Heiratsantrag“.

Lieblinge auf der Bühne

Die beiden fanden nach gezielter Suche den geeigneten Ort für ihre Spielstätte in dem in den 1920er-Jahren erbauten Gebäudekomplex im Stil der neuen Sachlichkeit. „Unsere Idee war, in einer Gegend, in der es sonst kein Theater gibt, eine kleine Bühne zu etablieren“, sagte Julia Horvath. Sie zeigen an Wochenenden Eigenproduktionen, Gastspiele, Konzerte und Kinderstücke.

Von der Anbindung her ist der Bahnhof natürlich optimal: Vor der Tür befinden sich Parkplätze, hinter dem Gebäude halten die kleinen Züge der Niederbarnimer Eisenbahn. Von dem großen Balkon aus blickt man auf den See.

„Es hat sich gezeigt, dass die Zuschauer am liebsten uns Betreiber auf der Bühne sehen“, erzählt Julia Horvath. „Die Stücke verkaufen sich am besten, wenn sie vor Ort gemacht wurden.“ So sind die beiden sehr präsent – ob in der Krimikomödie „Mörderkarussell“, Sascha Gluths Solo-Stück „Allein in der Sauna“ oder der Komödie „Schluss mit André – Geschwister und andere Katastrophen“ mit Julia Horvath. Die ausgebildete Musicaldarstellerin hat unter anderem ein Marlene-Dietrich-Programm im Repertoire, das sie auch schon im Pflegeheim gespielt hat – vor Menschen, die es nicht mehr zu ihnen ins Theater schaffen. „Das macht mir total viel Spaß“, erzählt sie.

Ein Anker in der Wahlheimat

Das Paar ist es gewohnt, gemeinsam auf der Bühne zu stehen. So haben sie sich kennengelernt: bei den Störtebeker-Festspielen auf Rügen, bei denen Sascha Gluth elf Jahre lang die Hauptrolle gespielt hat. Julia Horvath stammt aus Österreich. Sie hat in verschiedenen Fernsehserien wie „Kommissar Rex“ und „Alisa – Folge deinem Herzen“ sowie in Kinofilmen mitgespielt.

Die beiden Freiberufler sind viel unterwegs, arbeiten an Theatern, fürs Fernsehen und als Sprecher. Mit dem Theater am Wandlitzsee wollten sie bewusst einen Anker in der Wahlheimat schaffen, erzählt Julia Horvath. „Nun wird es immer mehr zum Lebensmittelpunkt.“

Menschen, Lieder und Gefühle

Bei ihren Inszenierungen setzen die Theaterbetreiber auf Humor und Musik. „Man merkt, dass sich die Leute in der heutigen Zeit entspannen und nicht unbedingt das Drama der Welt auf der Bühne spüren wollen“, sagt Julia Horvath. Vielleicht liege das daran, dass sie nicht in der Großstadt wohnen. „Aber ich denke, es liegt auch an der Zeit, in der wir leben.“ Oft höre sie von Zuschauern, dass diese keine Lust mehr auf düstere, allzu realistisch anmutende Fernsehkrimis haben.

Ihr Theater bietet das Gegenprogramm zu einem solchen Fernsehabend: Wenn Jens Hasselmann das russische Liebeslied „Katjuscha“ anstimmt und einige Zuschauer schunkelnd mitsingen, erscheint die große weite Welt mit ihren Problemen tatsächlich sehr fern.

Hasselmann spielt und singt nicht nur, sondern hat bei dem Stück auch Regie geführt. „Der Bär“ erzählt kurz und humorvoll, wie schnell sich Gefühle ändern können. Laut und unnachgiebig fordert Gutsbesitzer Smirnoff sein Geld von der eitlen Witwe. „Sie haben sich lebendig begraben, aber nicht vergessen, sich zu pudern“, attestiert er ihr. Die beiden fauchen einander an und entwickeln aus ihrer Rage heraus zärtliche Gefühle füreinander.

Private Finanzierung

Erhitzt vom Pausen-Wein im Foyer wirken die Zuschauer bei der zweiten Hälfte des Abends, dem „Heiratsantrag“, noch lustiger. Mit alltäglichen, menschlichen Geschichten sollen auch Menschen mit Berührungsängsten gegenüber klassischem Theater erreicht werden. In Deutschland werde lustig oft mit platt assoziiert, sagt Horvath, die lange in den USA gelebt hat. Dort sei das anders.

„Die Kunst ist, es auf einem hohen Niveau zu machen“, sagt sie. Wer staatlich subventioniert werde, könne es sich leisten, auch schwierige, weniger gut besuchte Stücke zu spielen. „Aber wir müssen jeden Tag davon leben.“ Denn das Theater finanziert sich privat – aus Eintrittsgeldern, Vermietungen und über die Theaterschule für Kinder.