Potsdam - Alle Augen im Publikum sind auf Theresa Bräunig gerichtet. Allein steht sie vorne auf der Bühne am Mikrofon, hinter ihr ein Chor. Sie atmet noch einmal tief ein. Eine Sekunde lang ist es ganz still im Saal, dann der erste Ton ihres Solos. „Das ist ein Moment tiefster Entspannung für mich, alles fällt ab. Das Singen mit meinen Chorfreunden ist mein Ventil und meine Leidenschaft.

Deswegen bin ich hiergeblieben“, sagt die 23-Jährige, die in vier Chören in Senftenberg in der Lausitz singt. Sie wuchs im benachbarten Lauchhammer auf, machte dort das Abitur und zog in eine eigene Wohnung in der 3800 Einwohner-Stadt Ruhland. Sie blieb in der Region – anders als 90 Prozent ihrer Klassenkameraden, wie sie sagt.

Eine Entscheidung, die Florian Engels, Sprecher des Brandenburger Sozialministeriums, couragiert findet: „Es hat etwas mit Selbstbewusstsein zu tun, zu sagen: ,Ich bin Brandenburger, ich will hierbleiben und etwas aufbauen.’“ In der vergangenen Woche schaltete das Ministerium ein neues Internet-Portal frei, indem das Land um Fachkräfte, Rückkehrer und Bleiber wirbt.

Ungleicher Arbeitsmarkt

Im Jahr 2011 hatte Brandenburg, erst zum dritten Mal seit 2001, einen positiven Wanderungssaldo: 1847 mehr Menschen zogen in das Bundesland, als Personen es verließen. Betrachtet man allerdings die Gruppe der 18- bis 30-Jährigen, fällt die Bilanz negativ aus. Es gab 7312 mehr Fortzüge als Zuzüge. Ein Hoffnungsschimmer: In den Jahren 2010 und 2009 war die Differenz noch stärker im negativen Bereich.

„Wir wollen mit dem Fachkräfteportal Brandenburg zeigen, dass es tausend Gründe gibt, hierzubleiben“, sagt Engels. „Wie zum Beispiel die Lage auf dem Ausbildungsmarkt, die ist viel besser als Ende der 90er Jahre. Angebot und Nachfrage stehen ungefähr im Verhältnis 1:1.“

Allerdings ist der Ausbildungsmarkt laut Ariane Böttcher, Vorsitzende des modernen Heimatvereins Zuhause in Brandenburg, ungleich verteilt. „Während Fachkräfte und Lehrlinge im ingenieurtechnischen Bereich händeringend gesucht werden, gibt es wenige Stellen, die Mädchen ansprechen“, sagt sie.

Auch Theresa Bräunig merkte dies: „Es gab viele Ausschreibungen zum Beispiel zur Friseurin, aber ansonsten fast nur Technisches.“ Dennoch fand sie einen Ausbildungsplatz als Verwaltungsfachangestellte bei der Stadt Schwarzheide. Einen Studienplatz für Soziale Arbeit in Mittweida schlug sie dafür aus. „Ich wollte immer Erlebnistherapeutin werden. Dafür wäre dieses Studium gut gewesen.“

Aber durch die Ausbildung sieht sie ihre Karrierechancen nicht verbaut: „Später will ich im Jugendamt oder im Jobcenter arbeiten, auch dort kann ich Menschen helfen und sie beraten.“

Natur und Landmentalität

Nicht zwischen Studium und Kleinstadt wählen wollte Veit Göritz. Der in Altenhof im Landkreis Barnim geborene 27-Jährige lebt in Eberswalde und studierte mehrere Jahre Maschinenbau an der Technischen Universität Berlin. Rund eineinhalb Stunden fuhr er von seiner Wohnung in der 40.000-Einwohner-Stadt zur TU, aktuell hat er das Studium unterbrochen.

„Ich mag die Natur und die Mentalität der Menschen auf dem Land“, sagt Göritz, der sich in der Piratenpartei engagiert und gerade überraschend zum Brandenburger Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gewählt wurde. „Auch wenn ich vielleicht bald im Bundestag arbeite, will ich in Eberswalde wohnen bleiben.“

Abends geht Göritz gern gemütlich in eine Kneipe – mit seinen neuen Freunden, 80 Prozent seines alten Umfeldes sei weggezogen. „Viele meiner jetzigen Freunde sind jünger als ich, Gleichaltrige gibt es wenige hier“, sagt er. Theresa Bräunig geht es ähnlich: „Meine Freunde sind mindestens zehn Jahre älter als ich, mit Gleichaltrigen hatte ich es aber noch nie so.“ Ihr Freundeskreis habe sich schon immer in ihren Chören abgespielt, wo Menschen ihre Musikleidenschaft teilen. „Meine beste Freundin ist 40 Jahre älter als ich. Aber solange man die gleiche Lebenseinstellung hat, spielt das Alter doch keine Rolle.“

Mehr engagierte junge Menschen wie Bräunig oder Göritz würde sich Stefan Freimark wünschen. Der Bürgermeister der 3600-Einwohner-Gemeinde Gumtow im Landkreis Prignitz klagt über fehlenden Nachwuchs in den Vereinen. „Die freiwillige Feuerwehr oder die Sportvereine suchen ständig Jugendliche. Ihre Nachwuchssparten stehen oft kurz vor dem Aus.“

Manchmal kommt der Dorf-Koller

Mit den Vereinen steht und fällt häufig das junge Leben in einer Kleinstadt. „Die Vereinslandschaft in der Lausitz soll erhalten bleiben“, sagt Theresa Bräunig, die den Verein Jugendfeier Lausitz gründete, der Jugendweihen organisiert. „Ich bin geblieben, um den Menschen in meiner Region etwas zurückzugeben, nachdem sie mich mein Leben lang begleitet und unterstützt haben.“

Verspürt sie nie den Ruf der großen weiten Welt? „Doch natürlich, manchmal bekomme ich diesen Dorf-Koller. Ich war zu Schulzeiten mit einer Jugendgruppe in Schottland und denke ab und zu, dass ich vielleicht nach der Ausbildung gern mal für ein halbes Jahr dort leben würde“, erzählt sie. „Aber die Entscheidung, langfristig hierzubleiben, steht. Sie hat meiner Meinung nach viel mit der Einstellung zu sich selbst zu tun. Ich habe mich schon gefunden; weiß, wer ich bin und was ich will. Und dafür musste ich nicht die Welt bereisen.“