Berlin - Während die Blätter sich nun verfärben, herrscht in den Supermärkten schon Winter. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die im September mit einem „Endlich!“ zu Dominosteinen und Spekulatius greifen, habe es mir aber auch abgewöhnt, mich über die Weihnachtsberge im Altweibersommer aufzuregen. Ich mag Vorfreude, und die lasse ich mir weder durch voreiligen Genuss noch durch den Ärger über die Verführung nehmen. Man kann sie ja ignorieren.

Nicht ignorieren kann ich die Begleiterscheinungen. Das Kind fängt nämlich beim Anblick der Lebkuchen und Zimtsterne verlässlich an zu singen. Und wer einmal „In der Weihnachtsbäckerei“ im Ohr hatte weiß: Das geht so schnell nicht weg. Kaum ein Wurm hält sich fester. Gemessen an seiner Länge und Kraft müsste er Ohr-Anakonda heißen. Und so kommt es, dass ich mir zwar die Dominos und auch das Lamento über ihre Omnipräsenz verkneife, aber mit einem gequälten „zwischen Mehl und Milch / macht so mancher Knilch / eine riesengroße Kleckerei“ durch den sonnigen Park stapfe.

Stapfte. Denn ich wünsche mir den Knilch im Ohr zurück. Schreibe „kaum ein Wurm“ und nicht „kein Wurm“. Bin seit kurzem klüger. Da hörte ich Gesang aus einer Kita, vielstimmig, hell und so schief, wie man es nur Kinderkehlen verzeiht. Der Text ging so: „Aram Sam Sam Aram Sam Sam Gulli Gulli Gulli Gulli Gulli Ram Sam Sam.“ Die Melodie passte in ihrer Schlichtheit dazu wie ein Sternförmchen zum Mürbeteig und genau in mein Ohr. Demütig begriff ich, dass man sich noch viel bescheuerter vorkommen kann, als mit der „Weihnachtsbäckerei“ auf den Lippen.

Nun hat man sich ja, im 3. Jahrtausend und in einer Großstadt lebend und folglich permanent Musiken ausgesetzt, Kompetenzen angeeignet, sich zur Wehr zu setzen. Denn viele der Lieder, die in Warteschleifen und Geschäften laufen, haben Wurmkräfte. Hält sich einer besonders hartnäckig oder ist besonders hässlich, hilft am besten ein anderer hartnäckiger, idealerweise nicht ganz so schlimmer.

Kinderlieder, siehe „Weihnachtsbäckerei“, eignen sich hervorragend, etwa „Booooob the builder“. Man kann sich aber auch „Für Elise“, „It’s Raining Men“ oder „Er gehört zu mir“ ins Gedächtnis rufen. Wenn man sich traut. Denn während man mit Kinderliedern nur Eltern ansteckt, trifft es bei letztgenannten alle.

Apropos alle. Von dem Kita-Lied befreite mich kurzfristig die BVG. Seit Jahren mit der BSR um den besten Kalauer wetteifernd, hat sie einige Straßenbahnen mit folgendem Slogan bedruckt: „Weine nicht, wenn der Regen kommt. Tram Tram, Tram Tram“. Mit dem Wurm könnte ich ein paar Stunden leben, zumal ich für Kalauer nicht weniger empfänglich als für Dominosteine bin. Aber „Tram“ und „Aram“ reimt sich halt leider. Dem wilden Wechsel beider Lieder ausgesetzt, kommt mir die letzte Zeile der „Weihnachtsbäckerei“ in den Sinn: „Schmeiß den Ofen an oh ja!“ Von mir aus.