Tegel, wichtigster Flughafen Ostdeutschlands. Auch hier geht der Verkehr zurück.
dpa/Soeren Stache

BerlinBurkhard Kieker ist alles andere als ein Pessimist. Seit mehr als zehn Jahren bewährt er sich als Berlins oberster Tourismuswerber, und er hat Routine darin entwickelt, selbst in Krisen auf positive Trends hinzuweisen. Die Ausbreitung des Coronavirus’ stellt allerdings auch den Geschäftsführer von Visit Berlin auf eine schwere Probe. „Die Lage ist katastrophal“, sagte Kieker am Dienstag. „Wir haben eine Situation, die schwieriger ist als nach 9/11“ – den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Corona hat den Tourismus und mit ihm den Luftverkehr in Bedrängnis gebracht, zwei wichtige Wirtschaftszweige in Berlin. Der Tourismus ist eine Schlüsselbranche in Berlin. 2019 wurden 34,1 Millionen Übernachtungen gebucht. Rund 45 Prozent der Gäste stammen aus dem Ausland. Rund eine Viertelmillion Menschen arbeitet in diesem Bereich.

Auch Enrico Rümker sieht sich nicht als Schwarzmaler. Doch der Verdi-Gewerkschafter, der sich um die Berliner Luftfahrtbeschäftigten kümmert, hat ebenfalls den Ernst der Lage erkannt. „Wir beobachten, dass der Verkehr in Tegel und Schönefeld dramatisch einbricht“, sagte Rümker. Wenn der Abschwung so weitergehe, „werden wir einen katastrophalen Sommer erleben“. Der Branche drohten Pleiten und der Verlust vieler Arbeitsplätze. 

So weit will Berlins Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup noch nicht gehen. Doch klar sei: „Die Situation ist auch für uns schwierig“, sagte er der Berliner Zeitung. Natürlich wirke sich die Pandemie auch auf den Berliner Flughäfen aus. „Der Ausfall der ITB, die zahlreichen Flugstreichungen der Airlines und die um sich greifende Verunsicherung treffen uns.“

79 Prozent weniger Buchungen nach Europa

Aktuell würden viele Dienst- und Urlaubsreisen in Frage gestellt, abgesagt oder verschoben. „Der Reiseverkehr im Februar war gegenüber dem Vormonat bereits gut zehn Prozent schwächer. Im März wird sich dieser Trend wohl verstärken“, so Lütke Daldrup. „Für diesen Monat erwarten wir einen größeren Rückgang bei den Passagierzahlen als im Februar.“ Im Februar lag das Fluggastaufkommen in Berlin um 10,2 Prozent unter dem des Vorjahresmonats, im Januar betrug der Rückgang immerhin 6,9 Prozent.

Andere Daten geben ebenfalls keinen Anlass zum Optimismus. So sei für den Interkontinentalverkehr nach Europa in der vergangenen Woche ein Rückgang der Flugbuchungen von 79 Prozent gemeldet worden, berichtete Berlins Tourismuschef Burkhard Kieker.  Bei der Lufthansa sei die Zahl der Buchungen weltweit auf einen einstelligen Prozentwert gesunken, hieß es in Branchenkreisen. Easyjet, Marktführer in Berlin, und Ryanair, die ebenfalls bei Berlin-Touristen beliebt, würden ebenfalls einschneidende Nachfragerückgänge verzeichnen. Eurowings habe die Bedingungen für Sparpreistickets gelockert, so ein Beobachter. „Aber auch das scheint nicht wirklich zu helfen.“

„Es starten und landen weiterhin viele Menschen in Tegel und Schönefeld“, sagte Flughafenchef Lütke Daldrup. Doch der Abschwung ist deutlich zu sehen, wenn man die Abflugtafeln betrachtet. Die rund 50-prozentige Kapazitätsreduzierung bei der Lufthansa wirkt sich auch in Tegel aus. Die größte deutsche Airline hat den Flugplan nach Frankfurt am Main und München ausgedünnt. Airlines wie die Swiss, Brussels Airlines und Eurowings, die zur Lufthansa-Gruppe gehören, sagen ebenfalls Flüge ab. „Gestrichen“: Das wird auch für Flüge von Easyjet, der Air France oder der  El Al vermerkt.

Usedom statt Italien, Rügen statt Ägypten

„Corona wird die Tourismusbranche durcheinander wirbeln“, sagte Burkhard Kieker. Zwar schätzt auch er die Lage so ein, dass die Reise nach Berlin weiterhin sicher sei. Im internationalen Vergleich sei die Zahl der Corona-Infektionen in Berlin niedrig, betonte der Geschäftsführer der landeseigenen Berlin Tourismus & Kongress GmbH. Doch die Branche müsse zur Kenntnis nehmen, dass die Lust zu reisen gesunken sei, und das wirke sich auch auf Berlin aus.  

„Es gibt Hotels, die sind fast leer“ – vor allem Häuser, in denen normalerweise Geschäftsleute, Messebesucher und Kongressteilnehmer logieren, erklärte er. Berliner Hotels, die vor allem von Privatleuten gebucht werden, klagten ebenfalls über eine Flaute. Sie hätten Auslastungen von zum Teil nur noch 30 bis 50 Prozent.

Was kann in dieser Situation helfen? Zuversicht, mahnte Berlins oberster Tourismuswerber. Auch wenn das erst mal paradox klingt. Die Region müsse sich auf ihre Stärken besinnen, auf das Positive, dem auch Corona nichts anhaben könne. „Berlin ist eine grüne Stadt, mit vielen Wasserflächen“, sagte er. Sie ist auch eine Metropole, deren Attraktionen dezentral verteilt sind. Berlin sei  nicht so überlaufen wie andere Tourismusziele – ein wichtiger Aspekt in einer Zeit, in der vor Massenveranstaltungen gewarnt wird, so Kieker. Der  Deutschland-Tourismus habe in vielen Regionen bislang kaum gelitten. So gehen an der Ostsee die ohnehin guten Buchungszahlen weiter in die Höhe – mit ihnen die Preise.  Usedom statt Italien , Rügen statt Ägypten: Das scheint für immer mehr das Motto zu sein.

Gefahr für den geplanten Probebetrieb am BER

„Wie die gesamte Branche hoffen wir, dass die Gesundheitsbehörden die weltweite Pandemie schnell in den Griff bekommen“, sagte Flughafenchef Lütke Daldrup. „Auch weltwirtschaftliche Konjunkturzyklen und die Klimadebatte machen sich bei uns an den Flughäfen bemerkbar.“ Dennoch sei es richtig, den neuen Schönefelder Flughafen  zu eröffnen. „Ich bleibe dabei: Der BER wird in den kommende Jahrzehnten ein international wichtiger Flughafen, und er wird sich schrittweise weiterentwickeln.“ Der Bau des Terminals T2, das die Kapazität erhöhen soll, werde fortgesetzt. Lütke Daldrup: „Auch ein möglicher Passagierrückgang 2020 würde unsere Planungen nicht verändern. Das T2 werden wir auf jeden Fall brauchen.“

Trotzdem drohten dem Projekt BER Risiken, warnte Gewerkschafter Rümker. „Ich habe Sorge, ob der Testbetrieb wie geplant ab Ende April stattfinden kann“, sagte er. An den Proben im Flughafen sollen viele Freiwillige teilnehmen – meist mehrere hundert auf einmal. Fraglich sei, ob solche Massenveranstaltungen demnächst noch möglich sind.

„Derzeit kann niemand sagen, wann es aufhört“ – wann die Corona-Krise endet, sagte Sandra Courant von der Lufthansa. „Es wird ein schwieriges Jahr für den Berlin-Tourismus“, so Burkhard Kieker. Doch er erwartet, dass es viele kurzfristige Buchungen geben wird, wenn die Pandemie zurückgeht. Im Mai, so hofft er, sei Corona kein Problem mehr – und dann werde Berlin einen „erfolgreichen Sommer“ erleben.