Berlin -  Amina Staroste ist mächtig stolz. Das ist sofort zu sehen, als sie in die Hasenheide kommt. Beschwingt läuft sie an der Minigolf-Anlage vorbei. Es ist ein halbkühler Nachmittag, und ihr erstes Wort ist: „Bestanden!“ Sie kommt gerade von ihrer theoretischen Fahrprüfung und freut sich, dass sie die „zweitwichtigste Prüfung“ des Jahres geschafft hat. „Ich habe nur drei Fehler gemacht“, sagt sie. „Zehn wären erlaubt gewesen.“ Bald kommt die allerwichtigste Prüfung: die praktische Fahrprüfung. „Dieses Jahr kann vielleicht doch noch ein ganz gutes Jahr werden“, sagt die 19-Jährige. „Dabei sah das gar nicht so aus.“

Amina Staroste gehört zu den Jugendlichen, die im Vorjahr in der Corona-Zeit ihren Schulabschluss gemacht haben. Tausende Jugendliche standen plötzlich ohne Zukunft da, wussten nicht, was als Nächstes kommen wird. Nun, da sie endlich erwachsen sind.

„Ich hatte mich am Ende der zwölften Klasse beworben, ich wollte Hotelkauffrau werden“, sagt Staroste. „Wir sind als Familie viel gereist, ich war immer gern in Hotels und finde die Idee gut, mit anderen zusammen dafür zu sorgen, dass es den Gästen gut geht.“ Sie habe ihre Bewerbung an eine große internationale Hotelkette geschickt und sei tatsächlich genommen worden. „Ich hatte dort schon ein freiwilliges Praktikum gemacht und in den Sommerferien gearbeitet. Alles war perfekt. Aber dann kam Corona.“

Nur noch halb so viele Ausbildungsverträge

Die Pandemie hat die Lage in der Berufsausbildung dramatisch verschlechtert. Viele Betriebe haben ihre Pläne für die zwei- bis dreijährigen Ausbildungszeiten gestoppt, weil sie nicht wissen, ob sie selbst die nächsten Monate überleben. Andere würden gern ausbilden, können aber nicht, weil sie seit Monaten geschlossen sind oder kaum Arbeit haben. Vor allem im Hotel- und Gastgewerbe sowie in der Veranstaltungs- und Tourismusbranche ist die Berufsausbildung quasi zusammengebrochen. Im vergangenen Jahr wurden dort nur noch etwa halb so viele Lehrverträge abgeschlossen wie im Jahr zuvor.

Insgesamt war die Zahl der Lehrstellen in der Berliner Wirtschaft bis zum September vorigen Jahres um mehr als 2200 auf 14.859 Ausbildungsplätze zurückgegangen. Zwar gab es parallel auch weniger Bewerber, weil sich viele in unsicheren Zeiten lieber für ein Studium oder das Abitur entschieden. Aber dennoch waren kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres in Berlin noch 3355 Bewerber ohne Lehrstelle. Und das Angebot ging weiter zurück. Derzeit sind bei den Berliner Arbeitsagenturen sogar nur noch 10.741 Ausbildungsstellen gemeldet. Leere statt Lehre.

Und dann kam der Brief von der Ausbildungsstätte

Auch bei Amina Staroste, die in Neukölln lebt, ging es schief. Dabei hatten sie und die Schüler ihres Jahrgangs gedacht, dass sie noch Glück gehabt hätten. „Als im vergangenen März die Schulen wegen des Lockdowns geschlossen wurden, war für uns der Unterricht in der Schule regulär sowieso vorbei“, sagt sie. „Wir mussten uns von da an für die Prüfungen vorbereiten.“

Beim Abitur lag sie dann im Mittelfeld. Aber sie wollte sowieso nicht gleich studieren. „Der Ausbildungsvertrag war unterschrieben, und mein großer Traum war es, im Sommer nach dem Abi und vor der Lehre per Interrail durch Europa zu reisen.“ Der Traum platzte genauso wie der Abi-Ball, die Abi-Feier und die Abi-Fahrt. Aber wenigstens sollte ihre Ausbildung August des vergangenen Jahres beginnen. „Doch dann kam ein Brief, dass der Beginn der Ausbildung um ein halbes Jahr auf den Februar verschoben sei.“

Immerhin war ihr Vertrag nicht gekündigt. Bei anderen sah es zu dieser Zeit schon ganz anders aus. So wie in ganz Deutschland. Überall hat das Lehrstellenangebot dramatisch abgenommen, in Berlin ist die Lage aber besonders alarmierend. Denn hier geht die Zahl der Lehrstellen seit Jahren zurück. „Durch die Pandemie ist der Mangel unübersehbar geworden“, sagt Holger Seibert, Soziologe und Co-Chef der Berliner Dependance des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Berlin steht weit am Ende der Liste

Einer aktuellen Analyse der Bundesagentur für Arbeit zufolge stehen bundesweit 100 Azubi-Bewerbern derzeit im Schnitt 132 Ausbildungsstellen zur Verfügung. In Berlin sind es gerade mal 84. Es gehen also von vornherein 16 Prozent der Bewerber leer aus. Damit rangiert Berlin nicht nur am Ende aller Bundesländer, Berlin gehört in Sachen Lehrstellenangebot zusammen etwa mit Recklinghausen oder Eberswalde zu den zehn schlechtesten der insgesamt 182 Arbeitsagentur-Regionen in Deutschland. Es ist kein Zufall, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Berlin fast viermal so hoch ist wie im Bundesdurchschnitt.

Amina Staroste machte also nicht die lange erträumte Europa-Reise. Sie hockte im langen Pandemie-Sommer in Berlin und hoffte, dass sie ihre Ausbildung trotz der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten würde anfangen können. Die meisten Mitschüler aus dem Gymnasium hatten ihre großen Sommerträume ebenfalls aufgeben. „Die meisten wollten für den Sommer oder ein Jahr ins Ausland“, erzählt sie. Andere wollten Praktika machen, ein paar Dinge ausprobieren, um zu erkunden, welches Fach sie studieren könnten. Doch all das fiel aus. „Die meisten haben sich dann einfach blind für irgendwelche Fächer oder Ausbildungen beworben.“

Staroste war froh, dass sie einen klaren Plan hatte. Und Ideen für die Zukunft. „New York wäre mein großer Traum“, sagt sie. „Deshalb habe ich mich extra bei einer Hotelkette beworben, die weltweit ein paar Tausend Hotels hat.“ Doch dann kam der November und mit ihm die Ernüchterung.

Als der zweite Lockdown in der Vorweihnachtszeit begann und wieder viele Betriebe – vor allem in der Gastronomie und Hotellerie – schließen mussten, klingelte bei Staroste das Telefon: Ihr künftiger Arbeitgeber sagte die Ausbildung ab. „Es war ja wirklich sehr nett, dass sie mich angerufen haben und ich nicht wieder nur einen Brief bekommen habe. Aber ich war natürlich enttäuscht und hatte nun richtig Zukunftsangst.“

Berufswunsch: Influencer oder Zuhälter

Und dann musste sich Amina Staroste im Lockdown ausgerechnet in einer der am meisten gebeutelten Branchen einen neuen Ausbildungsplatz suchen. Der Berliner Wirtschaft wird seit Jahren vorgeworfen, dass sie zu wenige Lehrstellen bereitstellt. Die Wirtschaft wiederum kontert den Vorwurf gern mit der Zahl der unbesetzten Stellen. Insbesondere die Jugendberufsagenturen müssten alles tun, um die Jugendlichen zu erreichen und sie über die vielfältigen Berufsbilder und Perspektiven zu informieren, heißt es etwa bei den regionalen Unternehmensverbänden. Und tatsächlich standen den mehr als 3300 unversorgten Bewerbern zu Beginn des aktuellen Lehrjahres mehr als 1600 offene Stellen gegenüber. Wie kann das sein?

Karen Marker ist Berufsberaterin und kennt die Sorgen und Nöte junger Menschen, die in Mittelstufenklassen die Weichen für ihr Leben bis zur Rente stellen sollen. Sie weiß von unerfüllbaren Träumen und kennt die hoffnungsvollen Umwege zu ersehnten Karrieren. Sie hat unglückliche Teenager erlebt, die von ihren Eltern zum Studium gedrängt wurden, obwohl sie doch viel lieber Gärtner oder Tischler werden wollten. Und Halbstarke, die sich ein Erwerbsleben als Influencer, Rapper oder Zuhälter vorstellten und von Karen Marker dann doch für eine Bürokaufmann-Ausbildung begeistert werden konnten, weil, so Markers Argumentation, auch Zuhälter abrechnen und planen müssen. „Wir suchen für jeden einen Weg“, sagt die diplomierte Sportlehrerin.

Die Jugendberufsagentur, in der Karen Marker arbeitet, befindet sich in der Lehrter Straße. Es ist eine von zwölf Agenturen in der Stadt, die Jugendlichen behördlicherseits bei der Suche nach einer Ausbildungsmöglichkeit helfen sollen. Wenn Marker aus ihrem Büro schaut, sieht sie viel Beton und eine Eisenbahntrasse, auf der regelmäßig ICE- und S-Bahn-Züge vorbeifahren. „Schön ist es hier nicht“, sagt die 54-Jährige und dass sie normalerweise ohnehin meist in Schulen in Moabit, Tiergarten und Wedding unterwegs sei. 20 Klassen hat die Berufsberaterin dort zu betreuen. Wenn die Schüler in die achte Klasse wechseln, stellt sich Marker erstmals vor. In der neunten Klasse beginnt die konkrete Berufsberatung für jeden einzelnen Schüler. „Vor der Klasse 10 hat jeder einen Plan.“

Berufsberater dürfen nicht mehr in die Schulen

Im vergangenen Jahr war aber auch für Karen Marker alles anders. Kollegen aus der Berufsberatung wurden für die Bearbeitung von Kurzarbeitergeldanträgen abgezogen. Wer blieb, durfte wegen der Kontaktbeschränkungen plötzlich nicht mehr in die Schulen. Wichtige Ausbildungsmessen fanden bestenfalls noch digital statt. Marker versuchte, den Kontakt zu den Schülern per Telefon zu halten und erlebte, wie Träume platzten. „Binnen weniger Wochen haben sich über Jahre entstandene Pläne in Luft aufgelöst“, sagt Marker.

Schüler, die ihren Ausbildungsplatz sicher glaubten, waren von einem Tag auf den anderen wieder orientierungslos, weil die Stelle vom künftigen Arbeitgeber storniert wurde. Wer Glück hatte, erfuhr, dass der Start des Lehrjahres nur um ein paar Monate verschoben wurde. Andere resignierten, verzichteten von sich aus auf die Ausbildung und wollten nach der Schule erst mal abwarten und irgendwas arbeiten.

Abitur als Notlösung

Etliche blieben auch einfach in der Schule und wechselten in die Oberstufe. Das Abitur als Notlösung, obwohl dafür oft die Voraussetzungen fehlen. Karen Marker weiß das und rechnet künftig mit deutlich mehr Schulabbrechern. Das Problem sei nur aufgeschoben, sagt die Berufsberaterin. Sie will versuchen, den Kontakt  zu halten. „Die Jugendlichen dürfen nicht verloren gehen.“

Amina Staroste hatte ihr Glück selbst in die Hand genommen. Noch am Tag der Absage ihrer Ausbildung suchte sie im Internet nach Alternativen. Sie wählte wieder die großen Hotelketten und schickte ihre Bewerbungen per Mail raus. Dann hat es tatsächlich geklappt. „Am 1. Februar war mein erster Ausbildungstag“, sagt sie stolz.

Sie erzählt von der Theorie in der Berufsschule. Davon, dass sie im Hotel zum Beispiel lerne, wie ein perfektes Bett gemacht wird. Und dass sie bei einer Festgesellschaft mit acht Personen servieren durfte. „Ich stehe jetzt immer um 5.15 Uhr auf. Das ist nun wirklich der Ernst des Lebens“, sagt sie. Ein Glücksfall.