Leergut-Annahme: Viele Geschäfte nehmen nur noch maximal 20 Pfandflaschen an

Schlägerei im Supermarkt – wer das hört, denkt womöglich, dass mal wieder ein Wachmann einen Ladendieb vertreiben wollte. Aber Nein: Diese Woche zeigte ein Supermarkt-Kunde mehrere Wachmänner wegen Körperverletzung an. Sie hätten ihn verprügelt, weil sie ihn mit seinen Flaschen vom Leergut-Automaten vertreiben wollten.

Die Leergut-Annahme ist in vielen Läden der Innenstadt schon seit geraumer Zeit zu einer Art Frustrationszone geworden. Viele Kunden sind genervt vom ewigen Geduldspiel am Automaten. Lange Schlagen bilden sich, wenn die Maschinen mal wieder versagen – und vor allem sonnabends, wenn besonders viele Leute einkaufen gehen und auf professionelle Flaschensammler treffen, die gleich mit mehreren Wagen leerer Flaschen anrücken.

80 Flaschen auf einmal

Deshalb setzen immer mehr Läden in Berlin auf eine neuere Leergut-Grundregel. Das entsprechende Schild steht bereits an der Tür eines „Getränke Hoffmann“ in Kreuzberg: „Heute maximal Annahme von 20 Einzelflaschen.“ Der freundliche, aber resolute Verkäufer sagt: „Die Sache ist ganz einfach: Wir haben viel zu wenig Platz für Leergut, und wir haben viel zu wenige leere Bierkisten.“ Es gehe nicht um Wasserflaschen, nur um Bier. „Die Profisammler bringen einfach viel zu viele Flaschen auf einmal.“

Ein Stück weiter bei „Ick koof bei Lehmann“ gilt die 20-Flaschen-Regel auch. „Das ist die handelsübliche Menge“, sagt die Verkäuferin. „Wir haben keinen Automaten und sind nur zu zweit. Wenn wir mehr annehmen würden, wären wir nur noch mit Leergut beschäftigt.“ Sie erklärt das Grundproblem: Wenn jemand 80 Flaschen Bier abgäbe und 80 neue kaufen würde, wäre das in Ordnung. „Aber die Sammler geben nur massenhaft Flaschen ab.“

Gesetz definiert keine Obergrenze

Das bedeutet: Manche Läden bräuchten mehr Platz für Leergut als für Verkaufsgut. Und das wäre teuer, denn nicht nur die Mieten für Wohnungen steigen immer weiter. Dann erzählt sie von einem Kunden, der fünf Minuten vor Ladenschluss mit sechs vollen Ikea-Tüten kam. „Ich hab mich geweigert, aber er hat mich angeschnauzt. Ich war allein hier. Wäre ein Kollege dagewesen, hätten wir ihm Hausverbot erteilt. Das dürfen wir.“

Frithjof Jönsson von der Verbraucherzentrale sagt, dass im Gesetz keine Höchstgrenze definiert ist. „Geregelt ist, dass jeder, der mit Getränken handelt, auch Pfandflaschen zurücknehmen muss.“ Die Läden zögen sich gern auf den Begriff „handelsübliche Menge“ zurück, sagt er. „Aber wie viel ist das?“ Die 20-Flaschen-Grenze findet er zu niedrig. „Das kommt auch bei Normalkunden schnell zusammen.“

Die Begründung der Läden sei, dass es nicht genügend Mitarbeiter gebe oder Platz. „Eine Begrenzung ist gerechtfertigt, wenn Betriebsabläufe so beeinträchtigt werden, dass es lange Staus gibt und Kunden sich beklagen.“ Dies sei aber nur recht selten der Fall. „Es geht wohl eher darum, ein bestimmtes Klientel loszuwerden“, sagte Jönsson. Doch die Obdachlosen werden nicht verschwinden. Denn die Verkäufer der kleinen Läden schicken die Flaschensammler zu den Automaten in den Supermärkten. Und genau dort bilden sich nun noch längere Schlangen.

Zum Beispiel im Rewe-Markt im Ostbahnhof. Es ist einer der wenigen Supermärkte, der auch sonntags von 7 bis 24 Uhr geöffnet hat. Von den Mitarbeitern will niemand über die Probleme reden. Die Chefin verweist auf die Konzernleitung. Auch hier hängt zwischen den zwei Automaten die neue 20-Flaschen-Regel – auch in Englisch.

„Mich werden die nicht los“

Elke K., 75 Jahre alt, steckt zwei Flaschen in den Automaten und sieht das Schild. „Ich verstehe das“, sagt sie. „Hier ist immer mächtig Remmidemmi.“ Besonders nervig sei es sonntags, da stünden fast immer 20 Leute mit riesigen Taschen vor den Automaten. „Die Obdachlosen kommen auch mit Handwagen. Das stinkt, es ist laut.“ Deshalb komme sie sonntags gar nicht mehr her.

Der Punk vor dem Supermarkt sagt: „Immer geht es gegen uns.“ Dass er nicht unbedingt so duftet, als wäre er soeben der Badewanne entstiegen, lässt er nicht gelten. „Ich bin nun mal obdachlos“, sagt er. „Ich wühle nun mal im Mülleimer. Das ist harte Arbeit. Mich werden die nicht los.“ Dann gebe er halt nur 20 Flaschen auf einmal ab, sagt er. „Außerdem kaufe ich hier auch ein – zehn Sternburger für den Tag.“