Die Wiederbelebung des seit zehn Jahren leerstehenden Hauses der Statistik in der Nähe des Alexanderplatzes nimmt Formen an: Am Montag unterzeichneten die am Projekt Beteiligten eine Kooperationsvereinbarung. Danach wollen sie bis August 2018 verhandeln, wie die künftige Nutzungsmischung für Kunst, Soziales, Verwaltung und Wohnen aussehen soll – organisatorisch, finanziell, was die Beteiligung von Nachbarschaft und Nutzern sowie die konkrete Raumverteilung angeht. Rund 150 Menschen beteiligten sich gleich nach der Unterzeichnung in einem Moabiter Lagerhaus an einer Vernetzungsrunde.

Die Beteiligten, das sind das Bezirksamt, die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM), die Senatsbauverwaltung, die landeseigene Immobilienmanagement GmbH (BIM) und die Stadtentwicklungsgenossenschaft Zusammenkunft Berlin. Sie steht für die Initiativen, die das Haus an der Ecke von Karl-Marx-Allee und Otto-Braun-Straße künftig nutzen wollen. In dem Papier ist die Verteilung der vorhandenen und noch zu bauenden Flächen festgelegt.

Viele unterschiedliche Mieter

Alle Beteiligten sind an einer Kooperation im Haus der Statistik interessiert, weil alle Platz brauchen: Soziale Initiativen und Künstler, die aus ihren Räumen vertrieben wurden, genau wie das Bezirksamt, weil es ein neues Rathaus benötigt. Dazu kommen die WBM, die sich beim Senat verpflichtet hat, in Mitte 4000 Wohnungen zu schaffen, und schließlich benötigt Berlin Räume für die Verwaltung, vor allem für Finanzbeamte.

Möglich wurde das Ganze, weil Berlin die vier Hochhausscheiben und die Flachbauten 2017 im Rahmen des Hauptstadtfinanzierungsvertrags vom Bund kaufen konnte, sagte Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD). Dem ging ein Streit voraus: Der Bund wollte das Areal meistbietend verkaufen und die Gebäude (wie Berlin vor Bildung der rot-rot-grünen Koalition auch) abgerissen sehen.

Schlechte Dämmung und Asbest

Der jetzige Kaufpreis soll sich auf rund 50 Millionen Euro belaufen. Mit der Unterzeichnung der Vereinbarung beginnt die Zeit zu laufen. Im Februar startet ein Wettbewerb zur Gestaltung der Fassaden, sagte BIM-Geschäftsführer Sven Lemiss. Die BIM soll die Bestandsgebäude sanieren. Vor allem am Haus A direkt an der Straßenecke muss geklärt werden, ob die Fassade erhalten werden kann, weil sie schlecht gedämmt ist und außerdem Asbest enthält. Bis 2024 soll die Sanierung beendet sein und rund 100 Millionen Euro kosten.

Für die vorgesehenen Neubauten soll bis 2021 das Planungsrecht in Form eines neuen Bebauungsplans vorliegen, erklärte Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). Auch er hat Zeitdruck: 2028 läuft der Mietvertrag für das Rathaus-Gebäude an der Karl-Marx-Allee aus. Es wurde gerade wieder verkauft – dem Vernehmen nach für 87 Millionen Euro, dreimal so viel wie beim letzten Eigentümerwechsel. Dieses Geld will der Käufer wieder verdienen, und Mitte fürchtet drastische Mieterhöhungen.

„Ich arbeite jetzt in meiner Wohnung“

Bei den Künstlern, die auf Arbeitsräume im Haus der Statistik hoffen, geht es um deutlich kleinere Summen, die allerdings für sie viel wiegen. „Höchstens sieben Euro pro Quadratmeter warm können sich Künstler für ein Atelier leisten“, rechnet Alexander Callsen vor. Der Installationskünstler braucht wie viele seiner rund 50 Kollegen vom Atelierhaus Post Ost neue Arbeitsräume. Sie hatten das Haus in der Palisadenstraße 2016 räumen müssen, wurden verdrängt von einem Start-up-Zentrum. „Ich arbeite jetzt in meiner Wohnung“, sagt Callsen, und wünscht sich gemeinsam nutzbare Arbeitsräume.

Der Künstler kann für sich verbuchen, die Entwicklung des Gebäudes losgetreten zu haben. 2015 hängte er für die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser mit Künstlern vom Zentrum für Kunst und Urbanistik ein Transparent an die Fassade: „Hier entstehen für Berlin Räume für Kunst, Kultur und Soziales.“ Es sah aus wie ein Bauschild, war aber nur eine Vision, die jetzt Wirklichkeit werden kann. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) jedenfalls sieht das so: Die Vereinbarung sei „ein Impuls für den Schritt in die Realität.“