Die Vorlieben einiger Besucher im kleinen Saal des Verwaltungsgerichts in Moabit sind am Mittwochvormittag gut zu erkennen. „Schluss mit Krimi. Cannabis normal!“ steht auf dem T-Shirt eines Mannes. Ein anderer trägt auf seinem Kapuzenpulli den Namen eines niederländischen Anbieters, der Hanfsamen im Internet verkauft. Die Männer drehen Joints vor den Fernsehkameras und müssen nichts befürchten. Sie dürfen legal kiffen, ausnahmsweise. Ärzte haben ihnen Cannabis auf Rezept verschrieben, aus medizinischen Gründen.

Doch die Männer fordern, dass Kiffen nicht länger verboten bleibt, wie es das Betäubungsmittelgesetz festlegt.

Gebt das Hanf frei, hatte der Berliner Grünen-Politiker und Rechtsanwalt Hans-Christian Ströbele schon vor 16 Jahren gefordert. Ohne Erfolg. Nun kämpft der Berliner Rechtsanwalt Thomas Herzog weiter für diese Forderung. Der 69-jährige Anwalt aus Kreuzberg, der vor allem linke Politaktivisten verteidigt und auch Kiffer in strafrechtlichen Prozessen betreut, hat die Bundesregierung verklagt. Er will Cannabis in einem Fachgeschäft verkaufen, ganz offiziell, wie es in den Niederlanden erlaubt ist. Herzog will in seinem Laden auch kiffen und Hanf anbauen. Doch dafür muss Cannabis erstmal von der Liste verbotener Drogen gestrichen werden. Sonst muss der Anwalt damit rechnen, dass er bestraft wird und ins Gefängnis kommt.

„Unsere Gesellschaft wird durch Cannabis nicht gefährdet“

„Das Cannabisverbot ist überholt und längst nicht mehr gerechtfertigt,“ sagt der Rechtsanwalt Volker Gerloff vor Gericht. Er hat das Klageverfahren für seinen Kollegen und Freund Thomas Herzog übernommen. Der 69-jährige Anwalt sitzt schweigend neben ihm. Er wird während der gesamten mündlichen Verhandlung nichts sagen.

Auf mehr als hundert Seiten begründet Gerloff die Forderung seines Mandanten, die verbotene Droge freizugeben, ebenso wie es Alkohol und Zigaretten für Erwachsene sind. „Cannabis ist allgegenwärtig und für gesunde erwachsene Menschen ungefährlich“, sagt der 42-Jährige. Das Verbot schränke die Grundrechte seines Mandanten ein. „Unsere Gesellschaft wird durch Cannabis nicht gefährdet“, sagt er.

Und natürlich wolle er auch keine komplette Freigabe für alle. Ebenso wie Alkohol und Zigaretten nicht an Kinder und Jugendliche verkauft werden dürfen, müsse diese Altersbeschränkung auch beim Verkauf von Cannabis gelten.

Der Staat auf der Anklagebank

Gerloff erklärt, das derzeitige Cannabisverbot für alle stehe dem Jugendschutz entgegen, denn immer mehr Jugendliche kiffen, belegen Studien. Überall können sie illegal unsauber hergestellte und gestreckte Substanzen kaufen. Ein staatlich kontrollierter Verkauf von Cannabis an Erwachsene würde den illegalen Handel verhindern, so wie es in anderen Ländern längst üblich ist. „Den Kampf gegen die Drogen hat der Staat verloren, die seit Jahrzehnten praktizierte Verbotsstrategie ist gescheitert“ , sagt Gerloff.

Der Staat sitzt an diesem Mittwoch auf der Anklagebank, gleich neben Rechtsanwalt Gerloff. Ein leitender Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums, zuständig für Drogen und Sucht, ist zum Termin erschienen, und ein beauftragter Rechtsanwalt. Der meint, Thomas Herzog habe gar keinen Anspruch darauf, dass das Cannabisverbot geändert werde, es sei verfassungsgemäß. „Die Klage ist unzulässig“, sagt er.

Cannabis-Debatte soll weitergeführt werden

Denn um Cannabis von der Liste verbotener Drogen zu streichen und das Betäubungsmittelgesetz zu ändern, müsse der Bundesrat seine Zustimmung geben. Darum könne das Verwaltungsgericht gar nicht über diese Klage entscheiden. „Oder glauben Sie, der Bundesrat würde sich Vorschriften machen lassen?“, fragt der Anwalt der Regierung Rechtsanwalt Gerlof am Tisch nebenan. Wenn der Kläger sich in seinen Grundrechten beeinträchtigt fühle, müsste vor dem Bundesverfassungsgericht klagen, erklärt er. Es ist eine schwierige Debatte.

Das Verwaltungsgericht Berlin lehnt die Klage von Thomas Herzog am Nachmittag ab. Es sei für so eine Klage nicht zuständig. Der Bundestag habe sich in den letzten Jahren wiederholt mit der Freigabe von Cannabis auseinandergesetzt und sei gegenwärtig offenkundig nicht zu einer Legalisierung bereit, heißt es zur Begründung. Rechtsanwalt Volker Gerloff sagte nach dem Urteil der Berliner Zeitung: „Wir werden die Politik weiter auf Trab halten und die gesellschaftliche Debatte über die Freigabe von Cannabis weiterführen.“