Eine Frau isst eine Karotte. Eine andere lässt sich auf einer Gepäckkarre spazieren fahren. Vor einem Zug schießt ein Touristenpaar grinsend ein Selfie. Ein ganz normaler Tag im Berliner Hauptbahnhof – allerdings mit dem Unterschied, dass alle Akteure und die Kulisse aus Kunststoffsteinen bestehen. Im Berliner Legoland Discovery Centre hat Chef-Modellbauer Olaf Reichert sein bisher größtes Projekt begonnen. Der Hauptbahnhof wird noch einmal gebaut – diesmal mit 400.000 Legosteinen. „Im August 2018 will ich fertig sein“, sagte Reichert am Montag. Die Bahnsteigszene, die dann enthüllt wurde, ist der Anfang.

Die Pläne, auf Rasterpapier gezeichnet, sind fertig. Die ersten Klötzchen liegen sortiert bereit: Von dem neuen Abschnitt der U-Bahn-Linie U 5 in Mitte, den Reichert zuvor nachgebaut hatte, sind knapp 20.000 Legosteine übrig geblieben.

„Sind Sie Architekt?“, fragt eine Journalistin, die ins Legoland im Sony Centre gekommen ist. „Nein“, antwortet der Chef-Modellbauer. „Ich bin Bäcker.“ Großes Erstaunen.

Der BER ist schon lange fertig

Aber es stimmt. Zu Hause in Kaulsdorf, wo der 33-Jährige mit seiner Frau und den beiden Töchtern lebt, liegt der Gesellenbrief. Mit 16 Jahren zog Reichert aus Lutherstadt Wittenberg nach Cuxhaven, wo er sich zum Bäcker ausbilden ließ. Doch eine Arbeitsstelle gab es für ihn nicht. Zunächst bespaßte er als Animateur Touristen in Ägypten und auf Mallorca. 2009 heuerte Reichert im Berliner Legoland an. Erst war er im Kino für die Ansagen zuständig. Doch bald begann er mitzubauen – beim Bau des BER und des Berliner Schlosses, die im Legoland natürlich schon lange fertig sind. Vor fast drei Jahren übernahm Olaf Reichert den Posten des Chef-Modellbauers.

Krokodil im Untergrund

Das frühe Aufstehen ist er seit seiner Bäckerlehre gewohnt. „Morgens um sechs fange ich mit einem Rundgang an“, erzählt er. Denn es kommt immer wieder vor, dass die Realität in die Legowelt einbricht. Meist ist es so, dass Kinder Steine mitnehmen. Die Diebe werde aber oft von schlechtem Gewissen gepackt. „Dann bekomme ich Entschuldigungsbriefe mit Legosteinen drin.“ Kürzlich brachen Schüler Dutzende Figuren ab. „Das war frustrierend. Wir hatte drei Tage gebraucht, die Fanmeile mit 1500 Figuren nachzubauen.“ Immerhin: Auch die Berliner Schüler entschuldigten sich.

Hundertprozentig heil ist die Welt aber auch im Legoland nicht. In den U-5-Bahnhöfen gibt es einen Flaschensammler sowie einen Fahrraddieb, und eine Legofigur rutscht auf Obst aus. Im Lego-Untergrund wohnt auch ein kleines Krokodil: „Ich baue gern skurrile Dinge ein“, erzählt Reichert. „Mal sehen, worauf ich beim Hauptbahnhof komme.“ Bahnhofsmanager Thomas Hesse wünscht Reichert viel Spaß bei seinem neuen Projekt. Den wird Olaf Reichert sicher haben.