Lehnin - Die Terroristen sind auf der Flucht, fast ist es der Polizei gelungen, sie an einem Kontrollpunkt zu stoppen, doch sie entkommen und rasen mit ihrem bereits beschädigten Auto über eine Kreuzung. Die Bremsen quietschen, zwei Männer springen heraus, schießen mit ihren Kalaschnikows um sich und stürmen ein Gebäude, an dem „Post“ steht. Drinnen fallen Schüsse, Handgranaten explodieren. Die Täter nehmen Geiseln.

Lage in Brandenburg ist bei der Übung ernst

Alles sieht ziemlich echt aus, nicht wie im Film, sondern wie bei einem Terroranschlag. Das Ganze ist Teil der ersten gemeinsamen Übung der Brandenburger Polizei mit der Bundeswehr: 200 Polizisten und 80 Soldaten haben sich nach sechsmonatiger Vorbereitung am Montag und Dienstag auf dem Truppenübungsplatz im südbrandenburgischen Lehnin getroffen, um den Ernstfall zu testen. Der Platz wurde ganz bewusst ausgewählt, weil die Armee hier Häuser und Straßen gebaut hat wie in einer Stadt. Hier kann unter halbwegs realitätsnahen Bedingungen geübt werden.

Kurz nach der Geiselnahme rasen vier Panzer auf die Kreuzung und postieren sich sehr nahe vor den Mauern des Postamtes, zwei Panzer sind von der Polizei, zwei von der Bundeswehr. Es folgt ein gepanzertes Polizeifahrzeug mit einer langen Leiter, es fährt von hinten an das besetzte Haus heran. Innerhalb von wenigen Sekunden stürmen schwer bewaffnete Spezialpolizisten über die Leiter des Fahrzeuges in ein Fenster in der zweiten Etage. Wieder sind Schüsse zu hören, Handgranaten explodieren. Der Kampf mit den Geiselnehmern tobt.

Das ist der Höhepunkt dieser Übung, bei der die Lage im Land Brandenburg mehr als ernst ist, sie droht völlig außer Kontrolle zu geraten. Doch anfangs agiert nur die Polizei, denn sie kann nicht einfach die Armee rufen. Bundeswehr und Polizeiführung betonen bei der Übung immer wieder, dass ein Einsatz der Bundeswehr – die eigentlich für die Landesverteidigung zuständig ist – im Inland nur im absoluten Ausnahmefall möglich ist.

Übung ist die erste Zusammenarbeit von Polizei und Bundeswehr in Brandenburg

„Es gibt klare Hürden“, sagt Brandenburgs Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke. „Und das ist auch gut so. Die rechtlichen Hürden, die das Grundgesetz stellt, sind hoch und eine Lehre aus unserer deutschen Geschichte.“ Denn für die Innere Sicherheit ist allein die Polizei zuständig. Generalmajor Carsten Breuer sagt: „Unterstützungsleistungen für die Polizei zählen üblicherweise nicht zu den originären Aufgaben der Bundeswehr.“ Die Armee darf im Inneren nur eingesetzt werden, wenn „die demokratische Grundordnung unmittelbar gefährdet“ sei, oder wenn sich das Land in einem „ungewöhnlichen Ausnahmezustand katastrophalen Ausmaßes“ befindet.

Es ist die erste gemeinsame Übung der Polizei und der Armee im Land Brandenburg. Davor gab es eine solche in Bayern, weitere sind in Niedersachsen und Baden-Württemberg geplant.

Unwetter und einzelne Terroranschläge im Bundesgebiet sind das Szenario der Übung

Bei dieser Übung wird nicht die Bekämpfung eines Umsturzes geübt, sondern eine hochkomplexe Lage, bei der Terroristen versuchen, das Land durch Anschläge zu destabilisieren, nachdem es bereits ein Reihe von Naturkatastrophen gegeben hat und auch Unglücke. Kurz zusammengefasst: Es müssen in Brandenburg, aber auch in anderen Ländern, so viele Katastrophen zusammenkommen, dass es für die Brandenburger nicht mehr möglich ist, Polizei aus anderen Bundesländern anzufordern, sondern die Bundeswehr.

Und so sieht das Szenario für die Übung entsprechend dramatisch aus: Seit längerer Zeit gibt es Unwetter, Stürme und Hochwasser – mit Schäden überall im Bundesgebiet. Dazu einzelne Terroranschläge im Bundesgebiet. Auch in Brandenburg gibt es eine Naturkatastrophe, weil bei einem Hochwasser in Cottbus die Dämme brechen und Teile der Großstadt in der Lausitz evakuiert werden müssen. Wegen des Unwetters ist auch noch eine mehrmotorige Maschine in Ostbrandenburg bei Frankfurt (Oder) abgestürzt. Die Polizei versucht, die Unglücksstelle zu sichern. Dazu kommt ein Zugunglück bei Seedin in Westbrandenburg. Ein Tankzug ist zerstört, hochgiftiges Chlor wird vom Wind immer weiter verbreitet.

Polizei und Bundeswehr hoffen, nie in eine solche Lage zu kommen

Die Bundesregierung zieht sich zu einer außerordentlichen Kabinettssitzung im nordbrandenburgischen Schloss Meseberg zurück. Der Tagungsort wird von schwer bewaffneten Männern abgesichert – der Polizei. Also rasen bei der Übung drei Kleinbusse der Polizei heran und stellen sich so versetzt auf der Straße auf, dass kein normales Fahrzeug mehr passieren könnte. Schwer bewaffnete Polizisten in schusssicheren Westen und mit Helmen springen aus den Wagen und sichern die Kreuzung ab. Es werden Nagelgürtel so verlegt, dass jeder Autoreifen zerstört wird, wenn jemand darüber fährt.

Ein Polizist stoppt einen Wagen und kontrolliert die Insassen. Eine Polizistin kommt mit einem Suchhund, er schnüffelt am und im Auto herum, ob er irgendwo Sprengsätze findet. Als er nichts findet, kommt ein Polizist mit einem langen Teleskopstab mit einem Spiegel dran und schaut unter den Wagen. Auch die Ausweiskontrolle hat ergeben, dass es sich wohl um Anwohner aus Meseberg handelt.

Doch dann versuchen Terroristen, zur außerordentlichen Kabinettsitzung vorzudringen, und dann jagt sich auch noch ein Terrorist in Oranienburg in die Luft. Erst dann ruft die Polizei die Armee.

„Diese extreme Anhäufung von Fällen zeigt, welches Szenario erst nötig ist, damit die Verfassungshürden genommen werden können“, sagt Generalmajor Breuer. Und Polizeipräsident Mörke ergänzt: „Wir hoffen und wünschen uns, dass wir niemals in eine solche Lage kommen, aber wir wollen vorbereitet sein.“