Berlin - Nahezu alle Abiturklausuren sind gerade geschrieben, jetzt werden die Arbeiten korrigiert. Da macht ein Brandbrief von Berliner Lehrern auf ein massives Problem aufmerksam: Immer mehr Jugendliche wollen unbedingt Abitur machen – und scheitern daran – vor allem an den beruflichen Gymnasien der Oberstufenzentren (OSZ), die im Zuge der Schulreform 2010 an Bedeutung gewonnen haben.

„Das bereitet uns schlaflose Nächte“, schreiben die Lehrer in dem Brandbrief, der der Berliner Zeitung vorliegt. 2013 hätten noch 48 Prozent einer 11. Klasse nach drei Jahren auch tatsächlich das Abitur abgelegt, derzeit seien es an ihrer Schule nur noch 31 Prozent, schreiben die Lehrer. „Das lässt einen schon schlucken.“

Zugang zur Oberstufe zu leicht

Die OSZ-Lehrer kritisieren, dass die Bildungsverwaltung vor zwei Jahren den Zugang zur gymnasialen Oberstufe deutlich erleichtert hat. Nun müssen Schüler nur noch in zwei der Fächer Deutsch, Mathe und 1. Fremdsprache eine mindestens befriedigende Leistung vollbracht haben. „Das heißt, man erhält auch mit einer Fünf in einem dieser Fächer die Berechtigung für den Übergang in die gymnasiale Oberstufe.“ Eine Drei minus als Gesamtnotenschnitt reicht seither, an früheren Gesamtschulen waren zwei Notenpunkte mehr nötig.

Die Lehrer , die am Beruflichen Gymnasium eines OSZ arbeiten, wollen anonym bleiben, um disziplinarrechtlich nicht belangt werden zu können – und auch um ihre Schule zu schützen. „Das Absenken der Zulassungsbedingungen lässt für viele Schüler, für die eher eine Ausbildung passend wäre, das Abitur in scheinbar greifbare Nähe rücken“, heißt es im Schreiben. Ein bis zwei Schüler wiederholten noch oder verlassen die Schule mit dem Fachabitur. „Doch viele sind auf dem Weg zum Abitur abhanden gekommen.“

Falsche Anreize

Hier sind nach Einschätzung der Lehrer die falschen Anreize gesetzt worden. Ähnlich sehen das auch viele Ausbildungsbetriebe, die nicht genug qualifizierte Bewerber haben. Eltern und ihre Kinder seien oft einzig auf das Abitur fixiert. „Berufliche Beratung und Orientierung, so sie denn überhaupt stattgefunden hat, wird ignoriert. Zudem würde an vielen Sekundarschulen ohne gymnasiale Oberstufe nur wenig qualitativer Unterricht stattfinden, heißt es weiter. Schüler, die in die gymnasiale Oberstufe übertreten dürfen, würden sich oft auf dem Niveau der 8. Klasse bewegen.

„Die Schüler erhalten zwar die nötigen Noten, nicht aber die nötigen Grundlagen“, schreiben die Lehrer und fragen rhetorisch: „Wo landen diese Kinder, denen man viel versprochen hat? Im Frust, im gesellschaftlichen Abseits, bei Hartz IV, eventuell im Extremismus.“ Ein eigenverantwortliches Leben könnten die Schüler nur schwerlich führen. Leider fehle es den Jugendlichen oft an Biss oder Lust, auch würden viele oft seltsam leicht an ärztliche Atteste gelangen und krankmachen. Dabei hätten die Kinder von früh an bessere Bildungsangebote verdient.

„Halbgare Schulexperimente“

Das Fazit, das die Lehrer ziehen, ist verheerend: „Derzeit produziert das Berliner Schulsystem zahlreiche funktionale Analphabeten, weil nicht genug in die Qualitätssicherung der Grundschulen und der weiterführenden Schulen investiert wird.“ Das hänge auch mit halbgaren Schulexperimenten wie dem Jahrgangsübergreifenden Lernen und der wieder reformierten Früheinschulung zusammen.

Nun würden zum kommenden Jahr an den OSZ’s massenhaft berufsqualifizierende Lehrgänge eingerichtet, damit neben vielen Flüchtlingen auch die an sich nicht ausbildungsreifen Jugendlichen doch noch einen Abschluss machen und ausbildungsreif werden. „Die Öffentlichkeit bekommt gar nicht mit, dass hiermit Auffangbecken für gescheiterte Reformen eingerichtet werden“, heißt es in dem Brandbrief.