Angesichts des bundesweiten Pädagogenmangels spricht sich in einer aktuellen Umfrage eine überraschend deutliche Mehrheit der Berliner dafür aus, Lehrer auch in der Hauptstadt wieder zu verbeamten. Berlin ist mittlerweile das einzige Bundesland, das den eigenen Lehrernachwuchs lediglich als Angestellte beschäftigt. 58 Prozent der befragten Berliner wollen Lehrer wieder verbeamten, 36 Prozent sprachen sich dagegen aus, der Rest zeigte sich in dieser Frage unentschlossen. Das ergab nun eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung.

Besonders bemerkenswert: Je jünger die Befragten, desto eher plädieren sie für die Lehrerverbeamtung. Unter den 18- bis 29-Jährigen, die die Schule noch nicht allzu lange verlassen haben, stimmten 73 Prozent dafür.

Viele Lehrer gehen nach Brandenburg

Anfang des Jahres hatte Sachsen, das Lehrer bisher stets als Angestellte beschäftigte, beschlossen, Pädagogen wieder zu verbeamten – wenn sie nicht älter als 42 Jahre sind. Seither ist Berlin das einzige Bundesland, das seine Lehrer als Angestellte beschäftigt. Da bundesweit nach Schätzungen der Bertelsmann Stiftung in den kommenden acht Jahren etwa 35.000 Lehrer fehlen, sind auch andere Bundesländer wie Brandenburg bereits vor Jahren wieder zur Verbeamtung zurückgekehrt. Zum Sommer wechselten wieder etliche junge Berliner Lehrer unter dem Motto „einfach mal die S-Bahn nehmen“ nach Brandenburg.

Berlin hatte 2004 die Lehrerverbeamtung abgeschafft. Anders als Richter oder Polizisten würden Lehrer keine hoheitlichen Aufgaben ausüben, lautete seinerzeit die offizielle Begründung. Damals wollte sich der rot-rote Senat aus Gründen der Haushaltskonsolidierung auch von den vergleichsweise hohen Pensionslasten für Beamte befreien. Denn Beamte zahlen keine Renten- oder Sozialabgaben, so dass der Staat die Pension komplett übernimmt. Zudem haben dauerkranke Lehrer mit Beamtenstatus anders als Angestellte über Jahre Anspruch auf volle Lohnfortzahlung.

Lehrer als Angestellte in Berlin - ein Standortnachteil

In der Landespolitik wird das Reizthema inzwischen intern wieder heftig diskutiert. „Die Annahme, dass wir in Berlin mit unserer Abschaffung der Lehrerverbeamtung eine Vorreiterfunktion haben und dass uns viele andere Bundesländer folgen würden, hat sich nicht erfüllt“, konstatiert Maja Lasic, die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. „Wir müssen deshalb eine Antwort geben auf die Frage, wie wir diesen Standortnachteil ausgleichen.“ Bei einer Abstimmung über die Wiedereinführung der Verbeamtung in der SPD-Abgeordnetenhausfraktion würden sich für beide Positionen starke Befürworter finden, ist sich Lasic sicher. „Diese Debatte müssen wir jetzt führen.“

Tatsächlich wollen laut Forsa auch 56 Prozent der SPD-Anhänger zur Verbeamtung zurückkehren, unter den Linke-Anhängern sind es immerhin noch 50 Prozent, im Lager der FDP-Anhänger findet sich mit 67 Prozent die höchste Zustimmung zur Lehrerverbeamtung. Die Berliner CDU fordert bereits seit langer Zeit die Rückkehr zur Verbeamtung, die FDP bisher nicht.

Zwei-Klassen-Gesellschaft in Berliner Lehrerzimmern

SPD-Bildungspolitikerin Lasic plädiert dafür, die Frage der Verbeamtung losgelöst vom Fachkräftemangel zu diskutieren. Durch die Verbeamtung würden nur wenige Hundert Lehrer zusätzlich gewonnen. „Ich persönlich bin kein Fan der Verbeamtung und finde, sie passt nicht zum Lehrerberuf“, stellt Lasic klar. „Denn eine Lehrkraft soll gegenüber Schülern eher als mündiger Bürger in Erscheinung treten, weniger als Staatsdiener, der seinem Dienstherren unterstellt ist.“

Ein angestellter Lehrer darf zum Beispiel streiken und kann nicht so einfach umgesetzt werden. Letzteres spielt in der Debatte um die Ausstattung von Brennpunktschulen mit voll ausgebildeten Lehrern eine Rolle. Die Berliner Pädagogen-Initiative „Bildet Berlin!“ moniert seit Jahren eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in Berliner Lehrerzimmern. Beamte würden demnach während ihres Arbeitslebens ein bis zwei Jahresgehälter mehr verdienen als angestellte Lehrer. Allerdings kommen inzwischen neu eingestellte Grundschullehrer wie Studienräte bei voller Stelle auf ein Bruttogehalt von 5300 Euro monatlich. Als Einstiegsgehalt. Das ist gutes Geld, doch größere Gehaltssteigerungen sind dann kaum noch drin.

Hunderte Lehrer gehen weg

Kommt jemand aus einem anderen Bundesland nach Berlin, wird er im Beamtenverhältnis übernommen, darf selbst Zulagen behalten. Und wer als Berliner Lehrer in ein anderes Bundesland wechselt und dort einige Jahre bleibt, wird ebenfalls in Berlin wieder als Beamter übernommen. „Drehtür-Verbeamtung“, wird das genannt. Inzwischen gibt es an den Schulen etwa mit den Lehrern ohne volle Lehrbefähigung (LovL), die gar kein Berliner Schulfach studiert haben, eine weitere Gruppe, die noch viel weniger verdient.

Nach Angaben der Bildungsverwaltung verließen seit November 2017 allein 640 von derzeit gut 32.000 Lehrern den Berliner Schuldienst. Unklar ist, wie viele davon in andere Bundesländer wechselten, um verbeamtet zu werden.

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat für die Umfrage vom 21. bis 30. August 2018 insgesamt 1004 Berlinerinnen und Berliner befragt.