Berlin - Die SPD-Fraktion schlägt Alarm wegen der wachsenden Zahl der Quereinsteiger, die in Berlin unterrichten. Die Anzahl der allgemeinen Schulen, an denen mehr als 20 Prozent Quereinsteiger unterrichten, hat sich demnach innerhalb eines Jahres auf 27 Schulen vervierfacht. An 170 Schule liegt die Quereinsteiger-Quote über zehn Prozent.

Die allermeisten dieser Schulen liegen in sozialen Brennpunkten wie Mitte oder Neukölln oder in mitunter ebenfalls sozial problematischen Randlagen von Spandau und Lichtenberg.

Quereinsteiger-Lehrkräfte besser verteilen

Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Anfrage des umtriebigen SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck hervor, die der Berliner Zeitung vorliegt. „Wir müssen die Verteilung von Quereinsteigern noch stärker steuern“, forderte nun Maja Lasic, die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, als Konsequenz. Es könne nicht sein, dass Schüler mit dem höchsten Förderbedarf auf besonders viele nicht voll ausgebildete Lehrer treffen.

Lasic möchte deshalb eine Art Quereinsteiger-Quote an den Schulen durchsetzen: „Wenn eine Grundschule im bürgerlichen Steglitz demnächst vier offene Stellen hat, sollte mindestens eine Stelle mit einem Quereinsteiger besetzt werden.“ Auf diese Weise könnten auch mehr voll ausgebildete Lehrkräfte in den sozialen Brennpunkten eingesetzt werden. Maja Lasic geht davon aus, dass der Personalmangel noch drei bis vier Jahre anhalten werde. Und sie verweist darauf, dass die jetzt vorliegende schulscharfe Statistik noch nicht einmal das ganze Ausmaß der Misere darstelle. Denn nach einem berufsbegleitenden Referendariat gelten die Quereinsteiger dann ganz offiziell als reguläre Lehrer und fallen in solchen Statistiken nicht mehr auf. Da würden dann Quereinsteiger vor Ort von ehemaligen Quereinsteigern ausgebildet, sagte Lasic.

Quereinsteiger oft an Brennpunktschulen

Erstmals weist die Bildungsverwaltung in der vorliegenden Statistik auch den Anteil der Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung (LovL) aus, die an Schulen unterrichten. Das sind meist bisherige Vertretungslehrer, die aber kein Fach der Berliner Schule studiert haben und zu Schuljahresbeginn meist nur Ein- oder Zweijahres-Verträge erhalten haben. 900 von ihnen wurden im vergangenen Sommer eingestellt. An einzelnen Schulen sind demnach insgesamt 30 Prozent und mehr Seiteneinsteiger tätig: An der noch im Aufbau befindlichen 32. Grundschule in Lichtenberg ist beispielsweise ein Viertel aller Lehrer ohne volle Lehrbefähigung, hinzu kommen dort 19 Prozent Quereinsteiger. 

Auch die Carl-Kraemer-Grundschule in Gesundbrunnen, zuletzt auch durch massiven Schimmelbefall bekannt geworden, hat mit 36 Prozent einen besonders hohen Anteil an Quereinsteigern und LovL. Ähnliches gilt für die Sekundarschule am Staakener Kleeblatt (33 Prozent) und die Hermann-Gmeiner-Grundschule im Lichtenberger Stadtquartier Frankfurter Allee Süd (30 Prozent).

Lehrkräfte-Mangel fordert Lösungen 

Insgesamt unterrichten in Berlin nach den Angaben der Bildungsverwaltung derzeit 1837 Quereinsteiger, was 5,7 Prozent aller aktiven Lehrkräfte sind. Vize-Gesamtpersonalrat Dieter Haase berichtete, dass viele Schulleiter zuletzt LovL bevorzugt hätten, zumal diese häufig bereits als Vertretungslehrer an den jeweiligen Schulen bereits bekannt gewesen seien. Sie werden zunächst nur befristet beschäftigt. Dieter Haase geht aber davon aus, dass bereits zu diesem Sommer noch mehr Quereinsteiger eingestellt werden.

Angesichts des Personalmangels gibt es in der Bildungsverwaltung sogar wieder Planspiele, Lehrer wieder zu verbeamten. Die Lehrerverbeamtung war 2005 abgeschafft worden, mittlerweile ist Berlin aber das einzige Bundesland, das Lehrer nicht verbeamtet. Damals war man der Meinung, dass Lehrer anders als Polizisten oder Richter keine hoheitlichen Aufgaben ausüben und die Pensionslasten zudem den Haushalt zur stark belasten würden.

Verbeamtung der Lehrkräfte 

Zuletzt hatte aber auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) wieder über eine Rückkehr zur Verbeamtung orakelt. Linke und Grüne sind aber bisher dagegen. Die CDU mahnte am Montag, die SPD möge den Eiertanz um die Verbeamtung endlich beenden. „Angesichts Tausender nicht voll ausgebildeter Lehrer mutet die Diskussion langsam grotesk an“, mahnte deren bildungspolitische Sprecherin Hildegard Bentele. Die Christdemokraten fordern seit langem, voll ausgebildeten Lehrern die Verbeamtung anzubieten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) plädiert stattdessen dafür, Lehrer bei der Rente und der Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle besser zu stellen.

Neben den 900 LovL unterrichten noch 141 reaktivierte Pensionäre und 120 Masterstudenten Kinder und Jugendliche. Letztere nehmen am Programm „Unterrichten statt kellnern“ teil –anstatt des klassischen Studentenjobs in einer Bar.