Berlin - Eine Lehrerin des Oberstufenzentrums Druck- und Medientechnik kommt tatsächlich mit dem Rollator in die Klassen, sie hat Parkinson. Auch Schulleiter Pit Rulff ist nicht mehr so fit wie früher, die Kniegelenke des Sportlehrers sind verschlissen. Rulff, 62 Jahre alt, denkt deshalb daran, früher in Pension zu gehen.

Ohnehin kann er einige Monate früher als eigentlich vorgesehen in den Ruhestand wechseln. Denn pro Schuljahr hat Pit Rulff fünf Tage auf seinem Arbeitszeitkonto angespart. Doch nun sollen diese Arbeitszeitkonten aufgelöst werden, das hat der rot-schwarze Senat im Koalitionsvertrag festgeschrieben. „Das wäre eine Lohnkürzung bei gleichzeitiger Arbeitszeitverlängerung“, sagt Rulff.

Eingeführt hat diese Konten der damalige Schulsenator Klaus Böger (SPD) im Jahr 2003. Zudem gab es noch zwei freie Tage, die sogenannten Böger-Tage. Dies alles sollte ein Ausgleich für die seinerzeit verordnete Arbeitszeiterhöhung der Lehrer sein. Oberschullehrer müssen seither 26 statt 24 Stunden wöchentlich unterrichten.

Damals war auch die Altersermäßigung gestrichen worden, Lehrer hatten zuvor ab 55 Jahren weniger unterrichten müssen. Im Vergleich zu 2003 unterrichten Lehrer heute bis zu fünf Stunden mehr pro Woche.

Mehr arbeiten bei weniger Gehalt

Was vor zehn Jahren also als Überstunden mit entsprechendem Ausgleich eingeführt wurde, soll nun zur normalen Arbeitszeit werden. Die älteren Kollegen, von denen viele in Kürze in Pension gehen, können ihre bereits gefüllten Arbeitszeitkonten weiter nutzen. Unklar ist, was mit den Lehrern wird, die bisher nur einen Teil angespart haben. Wer künftig eingestellt wird, dürfte nicht mehr ansparen.

Die junge Lehrergeneration muss damit eine Verschlechterung hinnehmen. Laura Hordoan etwa ist Englisch- und Französischlehrerin an einem Gymnasium in Schöneberg. Werden die Arbeitszeitkonten ersatzlos abgeschafft, würde die 31-Jährige für die zwei Stunden mehr Unterricht keinen Ausgleich mehr bekommen. Weder mehr Geld noch freie Tage.

„Neben dem Unterricht gibt es noch die Planung, die Korrektur von Klassenarbeiten, Konferenzen, Elterngespräche, Fortbildungen und einiges mehr“, sagt Hordoan, die vor einem Jahr angestellt worden ist. Vollzeit zu unterrichten, zumal mit korrekturintensiven Fächern, das sei selbst mit Wochenendarbeit oft kaum zu schaffen, sagt die Junglehrerin, die sich auch im Personalrat engagiert.

Rackles bietet Altersermäßigung als Ausgleich an

Tatsächlich geht die Schulverwaltung davon aus, dass man pro Mathe- oder Englischklausur nur 20 Minuten Korrekturzeit braucht. Oft dauert es aber länger. Monatelang hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) über die Auflösung der Konten verhandelt. Diese Konten sorgten dafür, dass Lehrer mitten im Schuljahr ausschieden.

Rackles hat als Ausgleich eine Altersermäßigung von mindestens einer Stunde für ältere Lehrer und eine Stundenreduzierung für Grundschullehrer angeboten, die müssen derzeit 28 Stunden pro Woche unterrichten. Auch sollte es kleinere Klassen an Schulen in Problemkiezen geben. Dies wurde von der Finanzverwaltung noch nicht genehmigt. Die GEW hingegen wollte Arbeitszeitkonten für junge Lehrer beibehalten und brach die Gespräche ab.