Köln - Jungs sind wild, laut und anstrengend. Oder nicht? Werden Jungen heute negativer bewertet als früher und welche Sätze sollten wir vielleicht häufiger zu unseren Jungs sagen? Katharina Nachtsheim hat mit der Lehrerin und Autorin Heidemarie Brosche über ihre drei Söhne und den Blick der Gesellschaft gesprochen.

Liebe Frau Brosche, beginnen wir mal provokativ: Sind Jungs heute in der Gesellschaft weniger beliebt als Mädchen?

Heidemarie Brosche: Verallgemeinerungen sind mir fremd. Deshalb würde ich nie sagen, dass „die“ unbeliebter sind als „die anderen“. Es ist halt eine Zeit des Umbruchs. Frauen stoßen zunehmend in Männerdomänen, Männer übernehmen zunehmend Aufgaben, die früher Frauen zugeschrieben wurden. Das ist alles nicht so einfach, denn wenn sich etwas wandelt, birgt dies mehr Konfliktpotential, als wenn alles gleich bleibt. Da zurzeit noch sehr viele Männer Machtpositionen innehaben, ist es nur logisch, dass es auch besonders viele Männer sind, die diese Macht missbrauchen.

Wir haben sowohl Töchter als auch Söhne – und müssen sagen, dass bei uns die Mädchen bisher „leichter“ sind als die Jungs. Bei allem Bemühen, nicht in Gender-Klischees zu verfallen: Gibt es eben doch Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?

Natürlich gibt es einen. Ich habe deshalb ein eigenes Kapitel in meinem Buch, das sich dem Testosteron, den Jungs-Gehirnen, den Gefühlen und Beziehungen von Jungs und ihrem Entwicklungstempo widmet.

Unsere Söhne sind alle sehr aktiv und brauchen viel körperliche Betätigung. Kennen Sie das auch von ihren Jungs? Und ist das vielleicht der Schlüssel dafür, die ganze Energie abzubauen?

Ja, das kenne ich sehr, sehr gut. Und ich erlebe es als Lehrerin jeden Tag: Jungs, die sich gerne bewegen würden, die zappeln und aufspringen, aber sitzen sollen. Am liebsten würde ich dann immer sagen: „Raus! An die Luft! Und toben!“ Aber dafür werde ich nicht bezahlt. Nun aber im Ernst: Es gibt selbstverständlich auch bewegungsfreudige Mädchen, aber im Schnitt sind Jungs wohl eindeutig die Bewegungsfreudigeren. Und dem müssen Eltern Rechnung tragen. Leider leben viele Jungs heute ihre Abenteuerlust viele Stunden im Sitzen an der Konsole aus. Das war ja auch der Punkt, der mich als Jungs-Mama am meisten belastet hat.

Es heißt immer, dass unsere Kinder nicht angepasst, sondern ruhig wild sein sollen (nach dem Motto: sei Pippi, nicht Annika) – ist aber dann ein Junge wirklich mal wild, verdrehen alle die Augen. Ich habe schon das Gefühl, dass wir verlernt haben, die Lautstärke und Aktivität von manchen Jungs auszuhalten. Was meinen Sie dazu?

Wild zu sein, hat etwas Wunderbares – für den, der die Wildheit ausleben darf. Für die anderen kann Wildheit in der heutigen Zeit schon belastend wirken. Es fehlen eben die Lebensräume, wo man das Wilde, Laute ausleben kann, ohne anderen auf die Nerven zu gehen oder Gefahren heraufzubeschwören. Wohnungen sind oft klein und hellhörig, da verstehe ich, dass viele Eltern von lebhaften Kindern erleichtert aufseufzen, wenn endlich Ruhe einkehrt – via Handy, Konsole, TV. Und nach einem Tag voller Arbeit wollen Eltern halt auch gerne mal ihre Ruhe haben.

Was ich sagen will: Lautstärke und Wildheit auszuhalten, fällt natürlich dem leichter, der nicht im Stress ist, der Platz hat, der nicht ständig fürchten muss, dass etwas passiert oder dass Klagen kommen. Deshalb muss man in meinen Augen dafür sorgen, eine Lösung zu finden, die am besten zur Lebensweise der Familie passt, auf jeden Fall aber eine Lösung, die auch den Jungs gerecht wird. Und ganz wichtig eben: den Jungs nicht das Gefühl vermitteln, sie seien „falsch“, wenn sie toben und laut sind.

Das gilt auch für die Schule. Es ist ein Unterschied, ob ich als Lehrkraft sage: „Du bist ZU laut. Du bist ZU lebhaft.“ oder ob ich sage: „Du bist laut und lebhaft. Das ist toll! Aber hier in der Klasse brauchen wir zum Arbeiten und Lernen Ruhe. Bitte bemühe dich, so gut es geht. Ich bemühe mich dafür, immer wieder Gelegenheiten zu schaffen, wo du dich bewegen und auch mal laut sein kannst.“

Alles nicht so einfach, ich weiß. Ich würde mir eine Schule wünschen, die mehr auf die Bedürfnisse von Jungs eingeht. Das Unterrichtsfach „Herausforderung“, das es in manchen Schulen schon gibt, versucht dies ja schon ein wenig, auch wenn es sich nicht ausdrücklich an Jungs richtet.

In den letzten Jahren wurde sich gesellschaftlich viel um die Mädchen gekümmert – kamen Jungs da zu kurz?

Das höre ich oft. Und ich bin mir nicht sicher. Irgendwie ja logisch, dass mit dem Kümmern um die Mädchen weniger Aufmerksamkeit für die bisher so „wichtigen“ Jungs übrig blieb. Und in der Schule sind sie ja nun tatsächlich die Verlierer, wenn man das so sagen kann. Sie bringen im Schnitt einfach schlechtere Leistungen und haben größere Schwierigkeiten. Meiner Ansicht nach sind Jungs nicht so schulkompatibel wie Mädchen, das heißt Schule, wie sie heute meist ist, und Jungs, wie sie heute meist sind, passen nicht so gut zusammen. Ich hoffe sehr, dass man sich irgendwann nicht um Mädchen oder Jungs kümmern muss, sondern um Menschen und ein menschenwürdiges Leben für alle.

Jungs sind nicht so schulkompatibel – dazu müssen Sie mehr erklären.

Jungs sind wohl auch deshalb weniger schulkompatibel, weil das Schultypische nicht so gut zu ihnen passt: Feinmotorik (schön schreiben und malen) wird in der Regel belohnt, Grobmotorik, die auf Kraft beruht, eher nicht. Wer darf schon in der Schule Steine klopfen oder Holz hacken? Das, was Jungs so sehr suchen – Herausforderungen, Abenteuer – gibt es in den meisten Schulen eher nicht. Jungs sind auch nicht so sehr wie Mädchen bereit, sich Dinge reinzuochsen, nur um gute Noten zu bekommen. In der Regel lernen sie eher interessenorientiert. Und wenn einen der Schulstoff nicht interessiert, dann wird man halt das, was schulisch faul genannt wird. Außerdem wirkt die größere Lebendigkeit, die viele Jungs ausstrahlen, für Lehrkräfte oft störend, manchmal fast schon bedrohlich. Das merke auch ich selbst immer wieder: Als Mutter von Söhnen bin ich auf der Seite von Jungs, als Lehrerin einer ganzen Klasse empfinde ich die Mädchen oft als ruhiger und damit „angenehmer".

Sie selbst haben drei Söhne. Was haben Sie durch ihre Jungs gelernt?

Dass jeder Mensch so ist und so sein darf, wie er ist – egal, ob Junge oder Mädchen. Dass vieles, was man meinen Jungs als Kinder und Jugendliche negativ angekreidet hat (zu ruhig, zu albern, zu eigensinnig), rückblickend betrachtet, sehr positive Seiten hat. Daraus wurde ja sogar ein Buch („Mein Kind ist genau richtig, wie es ist“), zu dem ich sehr viele Vorträge halten darf. Dass es nichts Schlimmes oder gar Bedrohliches sein muss, wenn ein anderer Mensch so ganz anders als man selbst ist, was mich weniger beschränkt und viel toleranter hat werden lassen.

Auch für meine Lehrerinnentätigkeit waren meine drei Jungs Gold wert – ich habe meine männlichen Schüler auf einmal viel besser verstanden. Für mich am wichtigsten und am schönsten: Man kann als Mutter auch mit erwachsenen Söhnen sehr gute Gespräche führen, wenn man sich darum bemüht.

Wie reagieren Fremde oder Bekannte auf ihre Jungsbande?

Inzwischen erlebe ich eher so etwas wie Respekt oder gar Bewunderung: Ah, drei Söhne groß gezogen! Früher fühlte ich mich schon manchmal wie ein besonderes Wesen. Vor allem, da es in meiner Familie bis dato immer nur kleine Mädchen gab.

Mal ganz ehrlich: Haben Sie sich auch mal ein Mädchen gewünscht?

Ganz ehrlich: Als ich mich in meinen heutigen Mann verliebt habe, sah ich uns immer mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Aber als dann die Kinder wirklich kamen, habe ich mich ehrlich und wahrhaftig bei jeder Schwangerschaft und Geburt gefreut: ein weiterer Mensch zum Liebhaben.

Welche Sätze sollten wir unseren Söhnen alle öfter sagen?

Ich liebe dich so, wie du bist.

Du musst keine Rolle spielen.

Du verlierst nichts an Männlichkeit, wenn du über deine Gefühle nachdenkst und sprichst.

Was möchten Sie Ihren Söhnen mit auf den Weg geben?

Dass sie ein Leben führen, das möglichst nahe an dem ist, was ihnen selbst wichtig ist. Und kein Leben, das hauptsächlich davon gesteuert ist, was andere von ihnen erwarten. Dass sie die Bedürfnisse anderer, egal welchen Geschlechts, respektieren.

Welche Rolle spielt der Vater für Jungs? Was kann er tun, damit aus unseren Söhnen tolle Männer werden?

Er soll einfach er selber sein. Er muss kein Idealvater sein. Aber er soll sich Mühe geben und sich Zeit nehmen. Ob er mit seinen Söhnen Fußball spielt, ob er mit ihnen tobt oder ob er ihnen einfach sehr gut zuhört und als erwachsener Gesprächspartner zur Verfügung steht, halte ich für nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Jungs das Gefühl haben, sie sind ihrem Vater wichtig, und zwar so, wie sie sind. Übrigens: Müssen unsere Söhne tolle Männer werden? Reicht es nicht, wenn sie zufriedene Männer werden, die ihre Beziehungen ernst nehmen?

Heidemarie Brosche: Jungs-Mamas: Jede Menge Anregungen für ein schönes Leben mit Söhnen; Kösel Verlag, 208 Seiten

Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog Stadt Land Mama.