Bildungssenatorin Sandra Scheeres ist in Not. Auch zum neuen Schuljahr, das in knapp zwei Wochen beginnt, wird sie nicht alle freien Lehrerstellen mit vollausgebildeten Pädagogen besetzen können. Stattdessen wird die SPD-Politikerin erneut auf Hunderte Quereinsteiger setzen. Auch wenn die genauen Zahlen noch nicht feststehen, ist schon klar: Berlin ist immer noch nicht attraktiv genug für Lehramtsstudenten.

Sandra Scheeres besucht berufsbegleitendes Ausbildungszentrum für Quereinsteiger

Worte sind manchmal verräterisch. Als Senatorin Scheeres am Montag vielleicht einmal zu viel sagte, dass viele Bundesländer nach Quereinsteigern suchten, muss auch dem letzten klar geworden sein: Die Politikerin hätte es gerne anders. Am liebsten würde sie wohl alle schätzungsweise 2000 neuen Vollzeitstellen für das Schuljahr 2019/2020 mit vollausgebildeten Uni-Absolventen besetzen. Aber es gibt nicht genug.

Ohne Quereinsteiger, so Scheeres, hätte sie nur drei Alternativen: größere Klassen, mehr Arbeit für die vorhandenen Lehrkräfte, Unterrichtsausfall. „Aber alle drei Varianten kommen für mich nicht in Frage“, sagte sie. Also lobt sie in ihrer Not die Quereinsteiger, die die freien Stellen besetzen wollen.

Am Montagmorgen ist Scheeres ins berufsbegleitende Ausbildungszentrum für Quereinsteiger an der Georgenstraße in Mitte gekommen. Hier qualifizieren sich Akademiker, die nicht auf Lehramt studiert haben aber zum Beispiel an einer Grundschule unterrichten wollen, in den obligatorischen Fächern Deutsch und Mathe. Außerdem erhalten alle Einblick in die Organisation in Schulen und ihre eigene Rolle darin.

„Sie sind für uns eine Lösung!“ - sagt die Bildungssenatorin zu den Quereinsteigern 

Viele Bewerber haben zuvor schon mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet oder an Universitäten oder Hochschulen gelehrt. Groß ist der Bedarf seit Jahren an Bewerbern für Mangelfächer wie Naturwissenschaften, Kunst, Musik aber auch Sport. Besonders begehrt sind alle, die an einer Grundschule arbeiten wollen. Kaum eine Chance haben dagegen Politologen oder Sozialwissenschaftler. Ohnehin lehne man deutlich mehr Bewerber ab als man annehme, so Scheeres.

In der Georgenstraße wurde anlässlich des Besuchs der Senatorin das einjährige Bestehen eines Qualifizierungsprogramm namens QuerBer gefeiert. Dazu gab es Kuchen für die Qualifizierer – und warme Worte für die künftigen Neulehrer. 200 waren es an diesem Tag. „Berlin braucht Sie! Sie sind für uns kein Problem“, rief Scheeres ihnen zu, „Sie sind für uns eine Lösung!“ Außerdem brächten Seiteneinsteiger mit ihren unterschiedlichen Biografien und Qualifikationen oft neue Energie ins Klassenzimmer und ins Kollegium, lobte die Dienstherrin.

Quereinsteiger stoßen in Schulen auf positive Rückmeldungen

Diese Lösung sind Leute wie Nicolás Urióstegui. Der 35-Jährige hat Sport und Sportwissenschaften studiert. Vor einiger Zeit arbeitete er bereits für eine Bildungsorganisation an einer Grundschule in Wedding. Später entschloss er sich offiziell zum Quereinstieg, erzählt er.

Seit zwei Jahren unterrichtet Urióstegui nun an der Fläming-Grundschule in Friedenau unter anderem Deutsch – und das, obwohl er ausgerechnet dieses Fach erst ab dem neuen Schuljahr studieren wird. Er hätte es sich in anderer Reihenfolge gewünscht, sagt er.

Von Kollegen, Schülern und deren in diesem Kiez besonders bildungsbeflissenen Eltern sei er gut aufgenommen worden. Nur einmal habe er von Eltern gehört, die sich anonym darüber ärgerten, dass ihre Kinder nicht von einem „richtigen“ Lehrer unterrichtet würden. Man habe versucht die Irritation auszuräumen, sagte Urióstegui.

Bildungsgewerkschaft fordert bessere Unterstützung für Quereinsteiger

Teil der Lösung will auch Jung-Won Kang sein. Die 41-jährige Musikpädagogin und Geigerin aus Wedding will Lehrerin werden. „Mir bereitet die Arbeit mit Kindern viel Freude“, sagt sie, „außerdem habe ich eine neue Herausforderung gesucht“. Diese geht sie an einer Grundschule in Reinickendorf an – parallel lässt sie sich über QuerBer ausbilden.

Die Bildungsgewerkschaft GEW sieht manches kritisch. „Die Quereinsteiger machen tolle Arbeit, aber sie brauchen bessere Unterstützung“, sagt Sprecher Markus Hanisch. Sie sollten weniger Unterricht haben, um sich besser vorbereiten zu können. Auch sollten Schulen mehr Stunden bekommen, damit sich Kollegen als Mentoren um die Quereinsteiger kümmern könnten.