Wegen des akuten Lehrermangels in Berlin rechnet Bildungssenatorin Sandra Scheeres mit Abstrichen beim schulischen Angebot. „Die Schulleitungen können Stunden für Sprachförderung, Integration oder Inklusion heranziehen, um das schulische Pflichtangebot zu sichern“, sagte Scheeres am Montag.

„Dafür steht eine wahnsinnig hohe Zahl an Lehrerstunden zur Verfügung.“ Früher hatte die Senatorin stets betont, wie wichtig diese zusätzlichen Förderstunden seien, um alle Schüler im Zeitalter der Inklusion zu fördern. Doch nun sollen sie ganz offiziell dafür herhalten, das Mindestangebot abzusichern. Bisher geschah das nur bei hohem Krankenstand.

Es ist ein Offenbarungseid. Die Berliner Bildungspolitik ist getrieben vom Mangel an qualifizierten Pädagogen, der nach aktuellen Prognosen noch mindestens vier Jahre anhalten dürfte. Scheeres rechnete am Montag vor, dass sie für das neue Schuljahr ab Sommer 2150 Vollzeit-Lehrer benötigt, bisher seien aber nur 900 eingestellt. Zudem hätten sich 2000 Quereinsteiger beworben, doch nur 1000 von ihnen hätten die nötigen Mangelfächer wie Naturwissenschaften, Mathe, Musik, Sport oder Sonderpädagogik sowie Deutsch und Englisch für Grundschulen vorweisen können.

Lehrer sollen bis zum 68. Lebensjahr weiterarbeiten

Am Ende seien nur gut 800 Bewerber zum Vorstellungsgespräch erschienen. Rechnerisch tut sich also immer noch eine Lücke von etwa 500 Lehrern auf. Scheeres nutzte am Montag lieber das englische Modewort „gap“, was übersetzt ebendas bedeutet: Lücke, Kluft, Spalte.

Schon jetzt ist absehbar, dass die Quereinsteiger-Quote bei den Neueinstellungen im Sommer einen neuen Spitzenwert erreichen wird. „Wohl über 50 Prozent Quereinsteiger quer über alle Schulen“, hieß es in der Bildungsverwaltung. Mit allerlei Maßnahmen versucht die Verwaltung derweil die Lücken zu stopfen.

Die Unterrichtszeit der oft nicht pädagogisch geschulten Quereinsteiger sollte eigentlich um zwei auf 17 Stunden reduziert werden, während sie das Referendariat machen – um sie in dieser besonders stressigen Lebensphase etwas zu schonen. Jetzt sollen es 18 Stunden sein, dadurch muss Berlin statt 120 nur 60 Lehrerstellen neu besetzen. Zudem sollen Lehrer bis zum 68. Lebensjahr weiterarbeiten dürfen. 160 rüstige Bald-Pensionäre haben bereits ihr Interesse bekundet.

„Wir wollen eine faire und solidarische Verteilung“

Lehramtsstudierende werden aufgefordert, als Lehrer auf Minijobs-Basis einzuspringen, was die Universitäten kritisieren. Zudem könnten ab Sommer auch Sprachlernassistenten mit Bachelorabschluss eingestellt werden, was Personalräte stört. Mit Hamburg und Bremen zusammen will Berlin zudem Ein-Fach-Lehrer regulär für das Lehramt zulassen. Auch einige Lehrer, die derzeit an anderen Orten tätig sind, sollen zurück in die Schulen. „An den Europaschulen aber wird das keine Lehrer betreffen“, stellte Scheeres am Montag klar. Pädagogen, die an den Universitäten in der Lehrerausbildung tätig sind, sollen zumindest noch ein Jahr dort verbleiben.

Ein besonders heikles Thema ist die möglichst gerechte Verteilung der neuen Lehrer. Denn Schulen in sozialen Brennpunkten haben die meisten offenen Stellen, greifen in der Not am häufigsten auf Quereinsteiger zurück. „Wir wollen eine faire und solidarische Verteilung“, mahnte SPD-Bildungspolitikerin Maja Lasic an und verwies auf einen Fraktionsbeschluss.

„Wir werden neue, qualifizierte Lehrer umlenken in die sozialen Brennpunkte“, sagte auch Scheeres. Dort seien die Herausforderungen größer als in bürgerlichen Vierteln. Linke-Bildungspolitikerin Regina Kittler forderte, Studenten sollten das Masterstudium künftig drei Monate früher beenden, so dass sie gleich ins Referendariat wechseln können. FDP-Politiker Paul Fresdorf warnte vor einer nicht mehr aufzuhaltenden Abwärtsspirale.