Der Lehrermangel in Berlin ist mittlerweile so groß, dass die Bildungsverwaltung jetzt zu einem absolut radikalen Mittel greift, um einen kurzfristigen Effekt zu erzielen: Diejenigen, die den an den Universitäten dringend benötigten Lehrernachwuchs ausbilden sollen, schickt Staatssekretär Mark Rackles (SPD) stattdessen an die Schulen, damit sie dort die Lücken füllen.

Es kursiert eine Liste, auf der Namen von Lehrern stehen, die im Sommer zurück an die Schulen geschickt werden, ihre Lehrverträge sollen nicht verlängert werden. Weil die Unis protestieren und auch die meisten Dozenten gar nicht zurückwollen, spricht die Bildungsverwaltung selbst von einer „Giftliste“.

„Dadurch bricht ein Großteil der Lehre weg“, sagt Daniela Caspari von der Dahlem School of Education an der Freien Universität. „Es handelt sich um Pflichtveranstaltungen.“ Verträge von Englisch- und wohl auch Deutsch-Dozenten lasse die Bildungsverwaltung auslaufen. Diese seien aber wichtig, weil sie mit ihren schulischen Alltagserfahrungen fachdidaktische Konzepte bereichern und die Studierenden während ihres Praxissemesters betreuen. Besonders seltsam: Gleichzeitig werden die Universitäten vom Senat angehalten, noch mehr Lehramtsstudierende aufzunehmen.

„Unterrichten statt kellnern“

„Es ist absurd, wenn dann keine Fachkräfte mehr zur Verfügung stehen“, sagt Kirsten Meyer vom Institut für Philosophie an der Humboldt-Universität (HU). „Ein Volldesaster“, ergänzt Detlef Pech von der Professional School of Education an der HU. Womöglich könnten künftig nicht alle gewünschten Studienplätze angeboten werden. Besonders betroffen sind Lehrer für Ethik und für Sonderpädagogik, die in Teilzeit abgeordnet seien. Auch Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach widerspricht Rackles sowie Bildungssenatorin Sandra Scheeres (alle SPD). „Die Universitäten müssen die dringend benötigten, gut ausgebildeten Lehrer für die Berliner Schulen liefern“, sagte Krach. „Die abgeordneten Lehrkräfte spielen da eine unverzichtbare Rolle.“

Doch in der Bildungsverwaltung herrscht blanke Angst: Es könne sein, dass zum nächsten Schuljahr nicht alle offenen Lehrerstellen besetzt werden können. So etwas ist in Scheeres’ Amtszeit, seit 2011, noch nie vorgekommen. In diese Woche laufen noch die Bewerberrunden für gut 800 Quereinsteiger. Man hatte mir mehr Bewerbern gerechnet. Die „Giftliste“ soll nun helfen. Auf der Liste stehen Lehrer, die andernorts eingesetzt sind. Es gibt sie in der Bildungsverwaltung, im Landesinstitut für Schule und Medien sowie natürlich in der Fortbildung. Auch im Museumsdorf Düppel oder im Tierpark arbeiten Pädagogen, bieten dort etwa Biologieunterricht an.

Eine weitere Notmaßnahme ist das neue Angebot an Studierende. Unter dem Motto „Unterrichten statt kellnern“ sollen Lehramtsstudenten schon während ihres Studiums an Schulen unterrichten – für 28 Euro pro Unterrichtsstunde. HU-Professor Pech wundert sich darüber. Ein Masterstudent im 3. Semester würde damit an seiner Praktikumsschule Lernender und Lehrer zugleich sein. Leider habe die Bildungsverwaltung ihre jüngsten Vorstöße den Hochschulen auch nicht vorab mitgeteilt, monierte Pech.

Viele Referendariatsplätze bleiben in Berlin unbesetzt 

Um die vakanten Stellen zu besetzen, umwirbt die Verwaltung wie berichtet auch Pensionäre. Sie sollen reaktiviert werden oder ihre Dienstzeit über die übliche Pensionsgrenze hinaus verlängern. Den vielen Quereinsteigern mit nur einem anerkannt Fach sollen sie zudem in den Sommerferien per siebentägigem Crash-Kurs die Grundzüge des Unterrichtens und des Schulsystems beibringen. Geprüft wird zudem, ob Lehrer freiwillig mehr Unterrichtsstunden als üblich geben dürfen, was extra bezahlt würde.

Und auch in Zukunft stehen nicht so viele Nachwuchslehrer bereit wie erwartet. Viele Referendariatsplätze in Berlin bleiben unbesetzt, dabei hat der Senat die Kapazitäten deutlich erhöht. Ungefähr 2700 Plätze gibt es, rechnet Matthias Jähne, GEW-Hochschulreferent, vor. Selbst wenn zum August noch gut 500 Referendare hinzukommen, seien dann noch 800 Plätze unbesetzt.

Dabei ist die Situation an vielen Schulen angespannt. Wegen Überlastung haben gerade Hunderte Erzieher an Neuköllner Grundschulen einen Hilferuf gestartet. Sie fordern einen besseren Personalschlüssel und mehr Gehalt. Besonders eindringlich warnen sie dafür, dass die Inklusion Erzieher und Lehrer zusätzlich belaste, wenn die Bedingungen dafür nicht angepasst würden.