Berlin - Die verstörenden Vorfälle an der Paul-Simmel-Grundschule in Tempelhof haben eine bundesweite Debatte ausgelöst. Hitzig wird seitdem über religiöses Mobbing diskutiert, über Segregation an Schulen, Antisemitismus und Angriffe auf Menschen, die nicht gläubig sind.

Unter anderem war ein Mädchen aus der zweiten Klasse von muslimischen Mitschülern massiv bedroht worden, weil es nicht an Allah glaubt. Kein Einzelfall, sagen Islamexperten. „Wir müssen den Dialog suchen, in Schulen, Kindergärten, Familien, überall“, erklärte vor wenigen Tagen ein Imam in der Berliner Zeitung.

Wie wirken islamische Vereine und Moscheen auf das Zusammenleben der Religionen in Berlin ein? Wo fehlt es ihrer Meinung nach an Toleranz? Wie sprechen sie über die Vorfälle? Und: Wie erreichen sie Eltern, die ihren Kindern herabwürdigende religiöse Verhaltensmuster beibringen?

Drei Gastbeiträge, verfasst von den Spitzen einiger Verbände, die den Beirat für das neue Islam-Institut an der Humboldt-Universität bilden. 

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Gastbeitrag von Mahmood Khalizadeh: „Dieses Leid muss aufhören“

Kinder sind das Spiegelbild des Verhaltens ihrer Eltern und gesellschaftlicher Tendenzen. Wir Muslime gehen davon aus, dass Kinder in ihrem Inneren reine und zarte Wesen sind. In ihnen brennt ein wärmespendendes Licht, das die Hoffnung und die Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Sicherheit am Leuchten hält. Sie glauben an das Gute in uns Erwachsenen und an eine heile Welt.

Gleichzeitig sind sie das schwächste Glied in der Gesellschaft, für dessen Wohl alle Akteure der Gesellschaft verantwortlich sind – Eltern, das Bildungssystem und somit auch die Politik. Und genau hier liegt das Problem: Die Vorbildrolle und die Verantwortung der Politik und Gesellschaft gegenüber den Kindern.

Mobbing in der Schule ist kein neues Phänomen. Getuschel, Hänseleien bis hin zu Beleidigungen oder Bedrohungen der Kinder untereinander sind in manchen sogenannten Brennpunktschulen an der Tagesordnung. Lehrkräfte scheinen dem gegenüber machtlos. In weniger problematischen Stadtteilen findet Druck in der Schule vielleicht subtilere jedoch nicht weniger problematische Wege: nämlich in Leistungs-, Anpassungs- oder Konsumdruck, mitunter auch in abfälligen Bemerkungen der Lehrkräfte gegenüber Schülerinnen und Schülern.

Systematische Lösungsstrategien müssen her

Was wir jedoch mit großer Besorgnis in letzter Zeit an einigen Schulen beobachten, ist die Zunahme von religiös geprägtem Mobbing. Auch hier sind unserer Meinung nach die Ursachen nicht bei den Kindern zu suchen. Wir Erwachsenen tragen die Verantwortung dafür, dass bestimmten Tendenzen innerhalb der Gesellschaft gemeinsam und zum Wohle aller entgegengetreten wird.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich gewisse gesellschaftliche Fehlentwicklungen im Verhalten unserer Kinder widerspiegeln und für die einzelnen Betroffenen zu einem großen Leid führen. Dieses Leid muss aufhören.

Wir haben es in der Hand: Gewalt, ob an Schulen oder an anderen Orten der Gesellschaft, von wem und wodurch auch immer motiviert, muss mit aller Kraft von der Zivilgesellschaft entgegengetreten werden. Dabei ist es vollkommen egal, ob es sich um physische oder verbale Gewalt gegenüber jüdischen, christlichen, muslimischen oder nichtreligiösen Kindern, Frauen und Männern handelt.

Keinerlei sichtbares oder unsichtbares Zeichen einer ethnischen, religiösen oder anderen Zu- beziehungsweise Nichtzugehörigkeit darf der Auslöser für Ablehnung sein, und nichts darf daran etwas ändern, dass wir in unserer pluralistischen Gesellschaft Gewalt und Extremismus nicht dulden. Wir müssen mit systematischen Lösungsstrategien den Opfern aber auch den vielen motivierten und engagierten LehrerInnen Hilfestellung bieten.

Eine traurige Realität

Daher unterstützt die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) auch die Forderung der Deutschen Polizeigewerkschaft und des Zentralrats der Juden nach bundesweiten Statistiken für Gewaltvorfälle dieser Art. Sie sollten in der Erfassung und späteren Analyse neben antijüdischen selbstverständlich auch antimuslimische Gewaltvorgänge und Rassismus erfassen. Denn die Parallelen zwischen Antijudaismus und Islamophobie sind unverkennbar.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist leider eine traurige Realität in unserer Gesellschaft, und zu dieser traurigen Realität gehört auch, dass weiterhin ein verzerrtes Bild über das Verhältnis „der Muslime“ zu „den Juden“ vermengt mit politischen Interessen verbreitet wird und die Gesellschaft spaltet. Unsere Gesellschaft braucht Brückenbauer und Versöhner. Um so wichtiger ist es daher, immer wieder und in aller Deutlichkeit zu sagen, dass nach der islamischen Lehre die Sicherheit und das Wohl jüdischer Mitbürger genauso wichtig ist wie die Sicherheit jedes anderen Menschen und Bürgers, egal welcher Religionszu- beziehungsweise Nichtzugehörigkeit.

Vielfalt ist ein wertvolles Geschenk, wenn die Gesellschaft damit umzugehen weiß. Nur gemeinsam können wir dieses Geschenk bewahren, indem wir durch die Begegnung und durch den Dialog miteinander die Einheit in Vielfalt suchen und feiern. In diesem Sinne wünschen wir allen unseren jüdischen und christlichen Geschwistern einen gesegnetes und lichterfüllten Pessach- und Osterfest.

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Gastbeitrag von Murat Gül: „Aufklärung ist wichtig“

Der Vorfall an der Grundschule macht uns fassungslos. Es ist schlicht inakzeptabel, dass Kinder unter Druck gesetzt und bedroht werden aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder anderer vergleichbarer Merkmale. Es spielt auch keine Rolle, gegen welchen Glauben oder welche Herkunft Druck ausgeübt wird. Wir leben in einer freiheitlichen pluralen Gesellschaft und wollen das auch in Zukunft beibehalten.

Deshalb legen wir als Islamische Föderation in Berlin großen Wert auf Projekte, die das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens und Herkunft fördern. Beispielsweise haben wir einen Vertrag mit dem jüdischen Museum: Wir besuchen im Rahmen des islamischen Religionsunterrichts regelmäßig das Museum und bekommen dort Führungen. Daneben gibt es zahlreiche weitere Projekte im interreligiösen Bereich, in Bezug auf Werte, die in unserem Grundgesetz verankert sind, oder im Kontext der NS-Zeit.

Keine pauschalen Schlussfolgerungen

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, Kinder und Jugendliche für die Geschichte Deutschlands zu sensibilisieren und über die Folgen von Hass und Rassismus aufzuklären. Regelmäßige Besuche von NS-Gedenkstätten gehören in diesem Rahmen ebenso zum festen Programm wie weitere Projektarbeiten diesbezüglich. Ein Beispiel: Jugendliche haben mit Kuchenverkäufen Geld für Stolpersteine gesammelt und diese verlegt, in Andenken an jüdische Opfer in der Zeit des Nationalsozialismus. Unsere Projekte finden nicht nur unter den Schülern großen Zuspruch, sondern werden auch tatkräftig unterstützt von den Eltern.

Deshalb ist mir in dieser Debatte wichtig zu betonen, dass sich hier pauschale Schlussfolgerungen im Hinblick auf Muslime und Antisemitismus verbieten. So wie die Debatte bisher geführt wird, wird der Eindruck erweckt, als gebe es unter Muslimen ein generelles Antisemitismus-Problem. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls in den letzten Tagen gehabt, wenn ich mit Menschen auf der Straße redete. Dass dem nicht so ist, sehen wir in unserer täglichen Arbeit.

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Gastbeitrag von Ender Cetin: „Wir sind offen für Kooperation“

Als Muslime in Berlin finden wir es unmenschlich und unislamisch, dass Menschen wegen ihrer Religion, Hautfarbe, Weltanschauung o.ä. diskriminiert werden. Wir fühlen uns zutiefst bestürzt, wenn an Schulen und anderenorts Menschen oder gar Kinder aufgrund ihrer Religion oder ethnischen Herkunft angefeindet werden.

Besonders hellhörig sind wir in Deutschland, wenn hierbei jüdische Schülerinnen und Schüler betroffen sind, wie zuletzt an einer Berliner Schule. Als DITIB Landesverband Berlin finden wir es nicht hinnehmbar, dass solch eine Tat auch noch von Muslimen im Namen der Religion ausgeht.

Verbale Attacken muss man ernst nehmen

Wir sprechen unsere Solidarität mit unseren jüdischen Mitmenschen aus und möchten betonen, dass wir als Muslime die Ängste und Befürchtungen unserer jüdischen Freunde teilen. Nicht zuletzt, weil auch Muslime in den Schulen wie auch andernorts diversen Anfeindungen ausgesetzt sind.

Diskriminierungen an Schulen beinhalten sowohl islamfeindliche Tendenzen als auch antisemitische. Diese gehen von Schülern beziehungsweise Lehrern aus, die populistischen Blendern aus dem rechten Lager verfallen, oder von radikalen salafistisch geblendeten Jugendlichen. Verbale Attacken muss man ernstnehmen. Ihre Duldung kann gefährlichere Angriffe sogar auf die Unversehrtheit des Menschen nach sich ziehen, wie wir das bei Anschlägen gegen Moscheen sehen, die in den letzten Wochen zugenommen haben.

Moscheen und Muslime sind nicht Teil des Problems

Um Rassismus und Diskriminierung entgegenzuwirken, klären wir intern unsere Gemeinden, die Eltern und die Jugendlichen in den Predigten und unseren Gesprächen auf. Wir verdeutlichen hierbei, dass wir Teil der hiesigen Gesellschaft sind und als Muslime alle Menschen tolerieren, als Geschöpfe Gottes wertschätzen und respektieren müssen.

Gleichzeitig unterstützen wir mit allen großen islamischen Verbänden gemeinsam Projekte in Berlin wie Meet2Respect vom Leadership Berlin, in der muslimische Vertreter mit jüdischen Rabbinern gemeinsam in Schulklassen Gespräche führen, um Vorbehalten oder feindlichen Haltungen vorzubeugen oder ihnen entgegenzutreten.

Muslime sind offen, wenn es um weitere Kooperationen geht. Wir sehen dahingehend Erfolge, wenn Institutionen mit den Moscheegemeinden kooperieren. Moscheen und Muslime sind nicht Teil des Problems. Nein, sie sind Teil der Lösung. Es bedarf allerdings der Bereitschaft, mit muslimischen Gemeinden zu kooperieren. Es ist Zeit für eine offene Kommunikation miteinander statt übereinander.