Passanten am Alexanderplatz
Foto: imago images/Jochen Tack

BerlinMittag. Die Sonne kracht ohne Erbarmen auf den Platz zwischen Bahnhof und Fernsehturm. Die flachen Betonmauern sind von Menschen übersäht, trotz Möwengekreisch hört man leise Gespräche und Telefonate, ein Mädchen mit Kopfhörern summt mit, die Augen hat sie geschlossen. Die Frau neben mir ist eingeschlafen. Ihre langen grauen Haare – sie hat eine Frisur wie Patti Smith – liegen um sie gebreitet wie ein silbernes Kissen. Ein Arm hängt seitlich herab, die andere Hand bedeckt die Handtasche auf ihrem Bauch. Ein Gefühl nimmt von mir Besitz, dass ich bleiben müsste, bis sie erwacht. So vertrauensvoll wie sie da liegt zwischen all den Fremden, im Schatten von Turm und Körperwelten.

Die „Körperwelten“ befinden sich in Sichtweite, um die Ecke die Miniaturstadt „Little Big City“. Ein Stück weiter ruft das Museum der Illusionen nach den Touristen, die noch nicht da sind. Und die City-Shuttles, die auf dem Platz unterm Turm warten, werben mit „Berlins schönstem Shopping-Erlebnis“ für die Mall of Berlin.

Zwei Mädchen lassen sich hinter dem Kopf der Schlafenden nieder. Aus ihren bunten Pappbechern strömt ein süßer Duft zu mir. Ein junger Mann bittet mit einem leeren Becher in der Hand um Geld für die Straßenzeitung. Sein Becher ist ganz zerdrückt und hat gar keine Farbe. Für jede Münze, die er bekommt, legt er eine galante Verbeugung hin und ich denke, dass eine Stunde auf so einer Bank mehr Berlin ist als alle Erlebnismuseen und Malls zusammen.

Nachmittag. Das Seeufer könnte aus einem kitschigen Film stammen, so einträchtig plantschen, plaudern und knutschen die Generationen nebeneinander her und ineinander verwickelt. Einzig der bollernde HipHop stört dass Idyll ein wenig. Ich frage mich, wann das anfing, das jeder Mensch unter 20 eine Metall- oder Plastikwurst mit sich herumtrug, aus der Musik dröhnt und bin etwas versöhnt, als eine der vielen Cliquen beginnt zu tanzen. Die Mädchen üben eine Choreografie, die Jungs drücken sich drum herum. Es hat eben nicht jeder jemanden zum Knutschen und die noch niemanden haben, können wenigstens mit der Musikwurst kuscheln. Ein nacktes Kind in einer Windel gießt derweil mit einer hellgrünen Kanne den Sand.

Ein Rentnerpaar sieht dem Kind mit versonnenem Blick zu. Bestimmt haben sie ihre Enkel lange nicht gesehen, denke ich, und frage mich, ob es bald ein Wiedersehen geben wird. Denn das ist doch der Grund, warum alle so zufrieden wirken, hier und vor den Cafés und am Alex im Schatten des Turms. Keiner braucht etwas außer genau das: unter Menschen sein, zusammen mit Freunden oder der Familie, tanzen. Was hier passiert, denke ich weiter, ist der Horror aller Marketing-Agenturen, der Super-GAU für den jetzt doch bitte wieder hochzufahrenden Konsum. Lauter zufriedene Menschen und keine Leere nirgends, die es mit Produkten zu füllen gilt.

Abend. Die Haut spannt von der Sonne. Das Kind schläft. Der Mond lächelt milde sein Kugelmundlächeln. Auch morgen wird es uns an nichts fehlen. Kapitalismus, Du musst Dir was Neues ausdenken.

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