Leihräder: Mobike-Chef: „Fahrräder sind die stärkste Waffe, die wir haben“

Als Rucksacktourist kam Jimmy Cliff vor zehn Jahren nach Berlin – und blieb hier. „Ich habe Leute kennengelernt und mich in diese Stadt verliebt“, sagt der 33-Jährige, der einen australischen Pass hat, in perfektem Deutsch mit englischem Akzent. „In Berlin kommen unterschiedliche Kulturen zusammen.“

Doch heute weiß Cliff auch, dass viele Berliner eine konservative Ader haben und nicht jede Veränderung begrüßen. Seit zwei Monaten ist er General Manager bei Mobike Deutschland, einem der neuen Mietradanbieter in Berlin. Die Newcomer haben bereits mehrere tausend Zweiräder aufgestellt, weitere sollen folgen. Doch stehen nicht schon jetzt viel zu viele Fahrräder herum? Unternehmen wie Mobike müssen sich viel Kritik anhören.

Es ist Cliff anzumerken, dass er nichts Falsches sagen will. Nichts, das die Wellen höher schlagen lassen könnte. Mobike wolle mit den Städten kooperieren, auch mit Berlin, beteuert er. Berlin sei wichtig: „Es ist die größte Stadt in Deutschland“, mit vielen Touristen und jungen Leuten. Hier und nirgendwo anders wollte Mobike sein Deutschland-Debüt geben. Ende November stellte das 2016 in China gegründete Unternehmen, das heute weltweit rund acht Millionen Mieträder anbietet, die ersten 700 Zweiräder auf. Berlin wurde die 200. Mobike-Stadt.

Schon jetzt der größte Anbieter

Sicher, die Konkurrenz sei beachtlich, sagt Cliff. Außer den Velos von Mobike, erkennbar an ihren orangeroten Speichen, warten auf Gehwegen auch Räder von Obike, Byke, Nextbike, Lidl Bike und Donkey Republic auf Mieter. Doch auch das Potenzial sei groß. Heute sei Mobike mit einigen tausend Velos größter Anbieter in Berlin. Eine Zahl will Cliff nicht nennen, aber sie liege über 3.500 – so viele Lidl Bikes gibt es hier. Wenn es sich rechnet, wolle Mobike auf 10.000 Räder erhöhen.

Doch derzeit muss auch Cliff mit Bedenken zurechtkommen. Zuletzt meldete sich die FDP zu Wort. Die Partei, sonst Sprachrohr für freies Unternehmertum, forderte Restriktionen: „umsetzbare Regelungen für ein geordnetes Abstellen der Fahrräder“ sowie staatliche Gebühren.

„Ich verstehe die Angst“, entgegnet Cliff. Konkurrenten hätten sich nicht richtig verhalten: „Da wurden einfach nur viele Fahrräder hingestellt.“ Fundamentalkritik an dem Konzept, Velos an vielen Orten ohne feste Stationen zu offerieren, könne er aber nicht nachvollziehen – nicht angesichts der Debatte um saubere Luft und um Diesel-Fahrverbote.

„Wir haben eine Krise: zu viele Emissionen, zu viel Verkehr. Fahrräder sind die stärkste Waffe, die wir haben.“ Umweltverträglich, nachhaltig – und ein Anreiz, irgendwann aufs Auto zu verzichten. „Unser Ziel ist es, nicht nur einem oder zwei Prozent der Bürger Räder anzubieten“ – sondern möglichst vielen, sagt er.

Wer falsch parkt, fliegt ’raus

Regeln zum Abstellen der Fahrräder gelten für Mobike-Kunden schon jetzt. Ist die Fahrt zu Ende, sollen die Zweiräder an den Orten abgestellt werden, die in der App empfohlen werden – nicht auf Radwegen, in Einfahrten oder dort, wo Fußgänger und Rollstuhlfahrer behindert werden. Jeder Kunde hat ein Punktekonto. Hält sich ein Nutzer nicht an die Regeln, bekommt er Punkte abgezogen. Sinkt deren Zahl unter 100, wird das Kundenkonto gesperrt.

Und was ist mit den Daten? Beobachter kritisieren, dass Fahrdaten ausgewertet und weitergegeben werden. Es gehe nicht um persönliche Daten der Kunden, so Cliff, sondern um Daten, die von den Fahrrädern erzeugt werden. Welche Straßen werden besonders oft benutzt? Wo konzentrieren sich die Verkehrsströme?

„Es sind anonymisierte Daten, wie sie auch von anderen Mobilitätsanbietern erhoben werden“ – zum Beispiel von MyTaxi, Drive Now oder der BVG. Ziel sei es, die Daten über Radverkehrsströme auch in Berlin offenzulegen – etwa für Verkehrsplaner: „Wir verkaufen die Daten nicht.“

2018 möchte Mobike weiter wachsen. Bis zum Sommer soll sich die Zahl der Beschäftigten in Berlin auf 40 verdoppeln. Ende April will das Unternehmen damit beginnen, in dieser Stadt größere Fahrräder aufzustellen, mit 26-Zoll-Rädern. In einem halben Jahr sollen die ersten elektrischen Fahrräder kommen. „Davon wollen wir einige tausend in Europa anbieten“, sagt Cliff. Für ihn ist klar: „2018 wird ein gutes Jahr für den Radverleih“ – auch in Berlin.