Leipzig - Stefan Hölldobler öffnet die Metalltür zu seiner „Fabrik“ und bittet in einen hell erleuchteten Raum. Die Luft duftet nach frisch gesägtem Holz. Die Halle ist vollgepackt mit alten, aber funktionierenden Maschinen aus Bulgarien und Rumänien. Als es die DDR noch gab, reparierten hier Frauen und Männern Elektromotoren. Mit der Wende kam das Aus, die Fabrik stand leer, verfiel zur Ruine. Ein verlorener Ort, so schien es. Hölldobler erinnert sich an nicht mehr als ein Stahlskelett, das er vor drei Jahren mit seinem Kompagnon vorfand. Die beiden sahen darin aber den perfekten Raum für die neue Arbeitswelt, von der sie träumten.

Für wenig Geld kauften sie die Fabrikhalle samt hübschem, wildem Vorgarten und gingen an die Arbeit. Ihre Idee: Möbel und Kunstobjekte herstellen aus nachhaltig produzierten oder schon gebrauchten Materialien. Ihre Stühle, Tische, Regale und Musikboxen verkaufen sie inzwischen in mehrere Länder. „Wir leben hier einen Traum“, sagt Hölldobler, und sein Gesichtsausdruck verrät, dass er sein Glück wohl manchmal selbst kaum fassen kann. „In Würzburg hatte ich das Gefühl, alles ist fertig, nichts geht mehr – hier habe ich das Gefühl, alles ist möglich!“

Dieses Empfinden teilt er mit vielen jungen Kreativen. Leipzig, so scheint es, ist derzeit ein perfekter Ort für Träumer und Macher. Manch einer hält die größte Stadt Sachsens inzwischen sogar für das „bessere Berlin“. Allen voran der Wirt des Traditionslokals „Auerbachs Keller“. Bernhard Rothenberger, 52, ein groß gewachsener Baden-Badener in feinem Zwirn, empfängt in der Mephisto-Bar und kommt gleich zur Sache. „Natürlich ist Leipzig das bessere Berlin! Die quirlige Musik- und Kunstszene, die vielen erfolgreichen Start-ups, weniger Schulden, der funktionierende Flughafen!“ Bamm, bamm, bamm, Rothenberger dreht auf, und natürlich weiß er um den perfekten Werbe-Gag. Den Spruch „Leipzig, the better Berlin“ hat er sich schützen lassen. Inzwischen läuft das Geschäft mit T-Shirts, Tassen und anderen Souvenirs. Die Marke Leipzig wird kräftig vermarktet. Aber trotz des Booms ist noch nicht alles durchkommerzialisiert.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Der Designer Stefan Hölldobler mag Leipzig auch lieber als Berlin, vor allem aus einem Grund: „Hier gibt es noch riesige Freiräume! Deshalb wandert ja gerade die ganze Welt nach Leipzig aus.“ Er lacht, und klar, er übertreibt, aber immerhin: 2012 ist Leipzigs Einwohnerzahl um etwa 10 000 Menschen auf 542 300 gewachsen; jeder zehnte Neu-Leipziger kommt aus Berlin. Jedes Jahr wächst auch die Zahl der Studenten, vor allem aus dem Westen Deutschlands. Inzwischen leben 40 000 Hochschüler in der Stadt und es scheint, als teilten sie das Gefühl, hier etwas Großes reißen zu können.

Das gilt vor allem für die Nachwuchskünstler: Seit der Kult-Maler Neo Rauch und andere Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ mit ihren Arbeiten international große Erfolge feiern, weiß jeder, dass in Leipzig kein brotloses Werk geschaffen wird. Kunststudenten kommen aus der ganzen Welt, um in der Sachsen-Metropole den Durchbruch zu schaffen.

Einer davon ist Valerio Figuccio. Der 24-jährige Italiener studiert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Malerei und Fotografie. Sein Professor in Rom riet vor vier Jahren zunächst zum Erasmus-Studium in Leipzig und dann dazu, „ganz zu bleiben“, als er sah, wie sich sein Schützling entwickelt hatte. Figuccio hat den Schritt nicht bereut. „Ich bin hier mit den richtigen Leuten zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt er. „Keiner schreibt uns hier vor, wie wir zu arbeiten haben – als Künstler entscheiden wir selbst, wie wir unser Leben gestalten.“ Da schwingt die Leichtigkeit des Seins mit. Aber Figuccio ist kein abgehobener Träumer. Er weiß, dass er hart arbeiten muss und eine gute Portion Glück braucht, um auf Dauer ein freies Künstlerleben führen zu können.

Günstig und international anerkannt

Einen guten Schritt ist er immerhin schon vorangekommen. Denn die Hochschule ist eine Marke an sich, weil ihre Absolventen den internationalen Ruf Leipzigs als Stadt der Kunst wesentlich mitgeprägt haben. Figuccio sagt: „Die Arbeitsbedingungen sind hier perfekt und dabei ist das Studium noch viel günstiger als in Rom.“ Etwa 150 Euro zahlt er im Jahr – in Italien wäre es fast zehnmal so teuer.

Was Figuccio und seine Kommilitonen erschaffen, gleicht oft genug kleinen Wundern. Die Werke kann mehrmals im Jahr jeder bestaunen, wenn die Hochschule ihre Türen weit öffnet. „Halb Leipzig will dann mal gucken, was diese Kategorie Mensch so treibt“, sagt ein renommierter Leipziger Künstler augenzwinkernd über das Happening. Und davor ist das ganze Haus eine einzige große Baustelle. Fast jeder Raum bekommt ein neues Gesicht. Die Studenten bauen Installationen auf, hämmern, bohren, sägen, hängen Bilder auf.

Schließlich sehen die Studenten die Präsentation ihrer Werke auch als Möglichkeit, entdeckt zu werden. Dabei ist die Konkurrenz groß. „Es gibt einfach zu viele richtig gute Leute hier – der Markt ist übersättigt“, meint Valerio Figuccio. Und ein Leipziger Galerist, der eng mit jungen Künstlern zusammenarbeitet, sagt: „Die Chance, berühmt zu werden und von der künstlerischen Arbeit richtig gut leben zu können, steht bei circa eins zu hundert.“

Eine, die bereits von ihrer Kunst leben kann, ist Hjördis Baacke. Die Malerin ist eine Neo-Rauch-Schülerin. Wie sehr ihr das hilft? Die 32-Jährige lächelt über den langen Tisch in ihrem Atelier hinweg und sagt mit ruhiger Stimme: „Wenn du schlecht arbeitest, hilft dir auch ein berühmter Lehrer nichts – am Ende geht es immer nur um die Bilder.“ Baacke arbeitet an ihren Werken im Leipziger Westen. Dort, in einer etwas versteckten Ecke des „Tapetenwerks“, malt sie großformatige Bilder. Derzeit: zwei Schulmädchen spazierend im Park, eine Flusslandschaft, ein Campingplatz voller Schwedenhütten, solche Motive. „Ich habe gerade große Lust auf Formen und Farben, der Inhalt steht im Hintergrund“, sagt Baacke, die auch ganz anders kann: geheimnisvolle, fast düstere Motive, die ihre Betrachter in fremde Welten ziehen oder einfach nur Erinnerungen an Verdrängtes wecken.

Bis 2006 sind an diesem Ort tatsächlich noch Tapeten produziert worden. Dabei hat das Werk eine Patina, als wäre hier vor 100 Jahren die Zeit stehengeblieben. Zumindest auf den ersten Blick. Im Innern aber hat sich alles verändert. Baackes Nachbarn sind Modemacher, Druckermeister, Schmuckdesigner, Architekten, andere Maler und Bildhauer, Fotografen. Kleine Teams oder Einzelgänger, die sich mittags zum Essen in der „Plattenküche“ treffen. Baacke schaut mit zufriedenem Lächeln durch die volle Kantine. „Es ist schön, hier zu sein“, sagt sie. „Du kannst in Ruhe arbeiten, aber auch mit netten Leuten eine Pause machen.“

Wie mit dem Tapetenwerk ist es mit dem ganzen Leipziger Westen: Es gibt genügend Patina, aber unter der Oberfläche wächst Neues im Alten. Die Stadtteile Lindenau und Plagwitz seien vor Jahren „schon fast abgeschrieben“ gewesen, sagen Leipziger, die sich wundern über ein fast unglaubliches Revival, das mit der Schar von Kreativarbeitern kam. Auch in anderen großen Fabrikhallen wie der „Spinnerei“, dem einst größten Baumwollwerk Europas, haben Künstler ihre Ateliers eingerichtet. In Hallen, die noch leer stehen, organisieren Studenten Kinoabende oder feiern nächtelange Partys. Ein paar Hundert Leute tanzend in Ruinen, bis die Polizei kommt – keine Seltenheit in Leipzig.

Angst vor zu hohen Mieten

Die Kneipen im Viertel heißen „Dr. Seltsam“ oder „Noch besser leben“, und die Namen sind Programm. Im „Dr. Seltsam“ etwa schrauben sie tagsüber Fahrräder zusammen; abends zapfen sie Bier, spielen Tischfußball, hören dazu Rockmusik und hüllen den kleinen Raum in dichten Zigarettenrauch. Im „Noch besser leben“ toben sich Performancekünstler aus. In der Nachbarschaft: nicht-kommerzielle Kunstgalerien, kleine Modelabels. Und wo vor einigen Jahren die Häuser noch leer standen, wohnen jetzt junge Familien, die hoffen, dass die – im deutschlandweiten Vergleich – noch immer günstigen Mieten künftig nicht zu stark steigen werden.

Davor nämlich haben viele Leipziger mit geringeren Einkommen Angst. Dass ihre Stadt zu beliebt wird und dass sie dann rausmüssen aus ihren Wohnungen. „Der Leipzig-Hype nervt“, sagt Juliane Nagel, die für Die Linke im Stadtrat sitzt. „Wir müssen aufpassen, dass es in Leipzig nicht so läuft wie in Berlin und die alten Mieter aus den angesagten Vierteln verdrängt werden.“ Die Ansätze seien schon da. Und: „Leipzig ist nicht so groß wie Berlin – die Leute landen dann schnell draußen in der Platte.“ Um Rentner und sozial Benachteiligte zu schützen, haben sie die Initiative „Stadt für alle“ ins Leben gerufen. „Wir haben natürlich nichts gegen ein Leipzig, das schöner wird“, sagt Nagel. „Aber wir müssen aufpassen, dass wir alle mitnehmen.“

Wer als Fremder durch den Leipziger Westen läuft, wird noch immer über große Räume und Möglichkeiten staunen. Leipziger dagegen sagen: „Es ist eng geworden in Plagwitz.“ Ein Teil der Kreativ-Karawane ist aus diesem Grund schon weitergezogen – in den Osten der Stadt. Inzwischen spüren sie auch im Viertel rund um die Eisenbahnstraße den Aufschwung. Im multikulturellsten Teil Leipzigs werden leerstehende Häuser renoviert, weil plötzlich ein Markt da ist und Wohnungen, Läden, Ateliers und Galerien gebraucht werden. „Der Osten kommt und verändert sich sehr positiv“, sagt der Quartiersmanager Matthias Schirmer.

Eine aufblühende Boomstadt Leipzig – das klingt auch für viele Einwohner fast zu schön, um wahr zu sein. Viele, vor allem ältere Menschen, staunen über diesen Wandel. Denn nach dem Ende der DDR erlebte Leipzig sehr harte Jahre, in denen Zehntausende Menschen schlagartig ihre Arbeit verloren. Und jetzt? Alles anders, besser? Es gibt genug Leute, die das nicht so sehen. Aber die Stadt ist eben auch voll von denen, die ihr Leben vor sich haben und noch keine großen Niederlagen einstecken mussten.

Man kann sich in Leipzig tatsächlich wie ein Kind fühlen, das in eine riesige Wundertüte gefallen ist und anfängt, begeistert darin herumzukramen. Die Euphorie junger Leipziger ist ansteckend. Warum? Das hat sich auch der Designer Stefan Hölldobler immer wieder gefragt, seit er in der Stadt lebt. Seine Antwort: „Hier geht einfach was, alles ist im Aufschwung, und wir sind mittendrin – was Schöneres kann’s nicht geben.“