Berlin - Vielleicht ist es das letzte Mal, dass Ralf Stiller am Sonntag, bevor die traditionelle Fastenzeit beginnt, seine Uniform überstreift und das Schiffchen auf den Kopf setzt, um für ein paar Stunden als Präsident der Berliner Ehrengarde in der Januarkälte mit Fremden auf der Straße Polonaise zu tanzen. Seit 18 Jahren ist Stiller Karnevalist, seit seine Tochter mit sieben Jahren ein Funkenmariechen wurde. Auf jedem der zwölf Berliner Umzüge war Stiller dabei. Doch zum ersten Mal steht er zwischen den Wagen und sagt: „Es macht keinen Spaß.“ Neben ihm prasselt eine Ladung Kamellen auf den Boden: „Flatsch!“ Im Hintergrund läuft ein leise Musik.

Die Umweltverwaltung hat dem Karneval auferlegt, nicht lauter als 70 Dezibel zu sein. Eine normale Unterhaltung hat eine Lautstärke von 60 Dezibel. So ein Karneval könnte durch das eigene Wohnzimmer ziehen und kein Nachbar würde es bemerken.
„Wir haben überlegt, ob wir in diesem Jahr überhaupt mitmachen“, sagt Stiller, neben ihm stehen Biene Maja, ein Schlumpf und ein Panzerknacker, klatschen in die Hände: „Klatsch, klatsch.“ Aber dann hätten sie die Veranstalter nicht in Stich lassen wollen. Jetzt ist die Ehrengarde also trotzdem dabei. „Der Umzug ist der Höhepunkt unseres Jahres“, sagt Stiller, den wollten sie sich nicht nehmen lassen. Dafür haben sie zumindest an die Wände ihres Wagens Sprüche gemalt: „Weltstadt hin, Weltstadt her, mit 70 dB geht das nicht mehr.“

Der Senat hat seine Entscheidung damit begründet, dass es Ausnahmen vom Lautstärkelimit nur noch für Veranstaltungen gibt, die von „historischer, kultureller oder sportlicher Bedeutung“ sind. Der Karneval zählt offensichtlich nicht dazu, er wird als „störende Veranstaltung“ eingestuft.

Stiller erzählt noch, dass er Rentner sei, dass der trostlose Berliner Winter durch den Karneval Farbe bekommt, dass er in den letzten Jahren viele Freunde hier gefunden hat. Dann winkt er einem der Wagen zu und ruft: „Viel Spaß euch! Aber seid nicht so laut!“

Nicht viele Karnevalsvereine haben sich dem offenen Protest der Ehrengarde angeschlossen. Der Berliner Karneval war noch nie sonderlich politisch. Auch Bundespräsident Christian Wulff, der mit seinem upgegradeten Leben in den vergangenen Wochen eigentlich allen Jecken eine Steilvorlage geliefert hat, kommt so gut wie gar nicht vor. Ein Mann auf einem Fahrrad gurkt zwischen die dünnen Zuschauerreihen, er trägt eine Wolfsmaske und ein Schild: „Der Wulff und die sieben Sponsoren.“ Nun ja.

Und dann zieht er doch noch vorbei, ein politischer Karnevalswagen: Merkel ist darauf zu sehen, ein Streichholz in der Hand, mit dem sie die Lunte einer Kanone anzündet, in der Philipp Rösler wie Baron Münchhausen auf den Abflug wartet. Weiter oben fliegt Roland Koch. Hinter Merkel kauert Wulff. „Der nächste, bitte“, sagt die Kanzlerin.

Vor dem Wagen steht Peter Schmidt in grünem Frack mit Zylinder über strahlend blauen Augen. Schmidt ist heute nicht der Instandsetzer bei der Bahn, der er sonst fünf Tage in der Woche arbeitet. Er ist heute Direktor des Politzirkus. Die anderen Mitglieder der Rosengarde sind die Zirkustiere. „Karneval ist eine gute Gelegenheit, laut seine Meinung zu sagen“, sagt Schmidt. Ein dicker Mann mit Schnauzer steht neben ihm in abgewetztem Bärenkostüm, ein Schild in der Hand: „Eine Million Jecken auf der Straße und ein Narr im Rathaus.“

Vielleicht hätten sie voraussehen können, dass es in diesem Jahr nicht 1,2 Millionen Zuschauer geben würde, wie es die Veranstalter für 2011 verkündeten. Es sind höchstens ein paar Tausend, die am Ku'damm stehen, vielleicht ist es zu kalt, vielleicht hatten viele gar nicht erst Lust zu kommen, nachdem die neue Lautstärkeregelung bekanntwurde. „Ohne Musik ist das schwierig mit der guten Laune“, sagt Schmidt. Der Generator im Wagen vor ihm schluckt die zaghaften Versuche der Zuschauer, mitzusingen. „Ich traue mich gar nicht, mitzusingen, wenn es so leise ist“, sagt eine Mittvierzigerin, die mit ein paar Freundinnen gekommen ist. Sie haben sich mit bunten Perücken und Sonnenbrillen herausgeputzt. „Schade, ich verstehe wirklich nicht, warum die Berliner sich so gegen den Karneval wehren.“